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Die Welt · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „&ie « w$it" Nr. 52 Allmählich, aber stetig, steigt der Ruhm seiner Gelehrsamkeit. Er wird offiziell Rabbiner von Kahira, dann Arzt am Hof des Sultans und stirbt im Alter von fast siebzig Jahren. Nach seinem Tode wird er von seinen Freunden fast vergöttert; die Feinde nennen ihn einen ^gebannten Ketzer". Um das zu verstehen, mnss man wenigstens in grossen Umrissen sein Lebenswerk kennen. Maimunis wissenschaftliche Leistung verblüfft zusiehst durch ihren Umfang. Er war das, was wir heute einen Doktor von vier Fakultäten nennen würden: Philosoph, Jurist, Mediziner und Theologe, nnd seine Arbeiten umfassen alle diese Gebiete. Er war aber vor allem ein Mann, der im vollen Leben stand und seinen Volksgenossen half, wo er nur konnte. Dafür sind nicht nur die Sendsehreiben ein Beweis, die er in die Welt hinaussehickte, sondern die drei -grossen Werke, die seinen Kuhm begründet haben und seine Unsterblichkeit sichern. Das Studium des Gesetzes war und ist ein Element im Dasein unseres Volkes, das unserem Leben im Exil stets das Gepräge gegeben hat. Maimonides hat das Thorastudium auf lange vor Verkümmerung bewahrt und unserem Volke die Kraft gegeben, die Ghetti der späteren Jahrhunderte zu ertragen. Will man kurz sein, so muss man sagen: er hat das Gesetz und das Judentum gerettet. Er hat — allerdings nur für seine Zeit und für das Wissen, das si e geben konnte — den Beweis erbracht, dass das Judentum modern ist. Er hat das unvergängliche Wort gesprochen, dass die Bibel nur lehren kann, was die Wissenschaft als wahr erweist. Er hat diesen Satz durch eine Leistung, die ihresgleichen sucht, aus einem Postulat zur Wahrheit gemacht. Er erreichte dies, indem er mit meisterhafter Klarheit die ganze national-religiöse Literatur sichtete und in ein System brachte. Das ist das grösste seiner Werke, die „zweite Thora", in welcher sich die Quintessenz der Mischna, der beiden Talmude, der Tossifta, der halachisehen Midraschim und obendrein eines grossen Teiles der gaonäischen Literatur findet. Einen beiläufigen Begriff von dieser Leistung des Maimonides gewinnt man, wenn man sie mit den ihr an Stärke ungefähr ebenbürtigen römischen Pandekten vergleicht. Sie ist das Werk eines einzelnen Mannes, während jene die Arbeit eines ganzen Gelehrtenkollegiums darstellen. Aber noch mehr: die Pandekten sind ein blosser Auszug, der Mischne-Thora jedoch ist eine vollständige Bearbeitung der früheren Literatur. — Als Vorarbeit zu diesem Riesenwerke ist der von Maimonides in der Jugend begonnene Kommentar zur Mischna aufzufassen, in welchem sich bereits alle Ansätze zu dem grossen Kodex in unverkennbarer Weite zeigen. — War die „zweite Thora" (oder wie sie wegen ihrer vierzehn Bücher genannt wird : „die starkes Haud*'', Jad ha-chasaka) ein Führer aus den Irrwegen des Aberglaubens, in den das Judentum, bezw. der Talmud, durch persischen Einfluss geraten war, so sollte das dritte Hauptwerk Maimunis, der „Führer der Irrenden", diejenigen, leiten, welche an die Vereinbarkeit des Judentums mit der Wissenschaft nicht glauben wollten. Wissenschaft aber ist hei Maimonides identisch mit der * Philosophie des Mannes, welcher der geistige Alleinherrseher des Mittelalters gewesen ist, des Aristoteles. Ein Widerspruch mit Aristoteles ist unmöglich. Dass die Rejigionsphilosophie des Maimonides einem Zeitbedürfnis entsprang, zeigt ihre wahrhaft kolossale Wirkung. Die Zahl der UeberSetzungen und Kommentare des More ist Legion. „Speziell an der Lektüre der Uel)ertragung des Samuel ibn-Tibbon hat sich der philosophische und überhaupt der wissenschaftliche hebräische Stil entwickelt." ( Steinschneider.) Die Streitigkeiten, die der „Führer" hervorgerufen hat, haben trotz aller Zerwürfnisse und Parteiungen klärend gewirkt. Nichts spricht deutlicher für die monumentale Grösse dieses Mannes, als die Tatsache, dass selbst in jenen Kreisen, in denen der More noch heute als etwas Verpöntes gilt, Maimonides als Dezispr, d. h. als eine dasGesetz entscheidendeAutorität, den erstenKang einnimmt. Wichtiger jedoch als Leben und Leistung dieses jüdischen Menschen ist die Lehrey die beide verkünden. Das Judentum trägt den Schatz der Erde mit sich. Das ist der reine Monotheismus, der erst alles Weltgeschehen begreiflich und verständlich macht. Dieser Grundgedanke bleibt der gleiche und mnss der gleiche bleiben. Was aber nicht gleich bleibt, ist das Wissen der Menschen. Es dringt immer tiefer in den Schoss der Erde und steigt immer höher zu den Sternen. Die Religion des Judentums, die kein „Glauben" ist, sondern Gottes e r k e n n t n i s, muss mit diesem Wissen stets vereinbar bleiben. Für seine Zeit hat Maimonides das gezeigt. Für unsere Zeit muss diese Arbeit erst vollbracht werden. Sie muss vollbracht werden, wenn unser Volk überhaupt zu den goldenen Toren der Freiheit gelangen soll, die wir ersehnen. Lernen können wir dabei von Maimonides. Aber die Ausführung selbst, mit ihrem Schweiss und und mit ihrem Ruhm, bleibt Sache unserer Tage. A. Z. S c h w a r z. Josef Chamberlain über die Fremdeneinwanderung. Am 15. Dezember fand in der Edinburgh Castle Hall im East End von London eine von der Tarifreformliga einberufene Volksversammlung statt. Wie viele Menschen in die 4000 Personen fassende Halle Eingang gefunden haben, ist unbekannt. Tatsächlich waren 40.000 Gesuche um Karten eingelaufen. Vor dieser ungeheuren Versammlung hielt der ehemalige Kolonienminister Josef Chamberlain eine gross angelegte Rede über die von ihm angeregte Frage des Schutzzolles, wobei er auch auf die Fremdeneinwanderungsfrage zu sprechen kam. Er führte folgendes über dieselbe aus: »Sie (die Engländer. Anm. d. Red.) leiden unter der unbeschränkten Einfuhr billiger Waren. Sie leiden aber auch unter der unbeschränkten Einwanderung der Leute, die diese Waren erzeugen. Ich gehe heute nicht in die Details dieser Fremdeneinwanderungsfrage ein. Es gibt auch in dieser Versammlung viele, welche in dieser Frage mehr wissen als ich. Der ganze Gegenstand ist doch vor dem Unterhause gewesen. Ich beziehe mich darauf nur als auf eine Illustration zu meiner allgemeinen Argumentation, als auf ein Beispiel des Freihandelsfanatismus. Die Uebelstände dieser Einwanderung sind in den letzten Jahren gewachsen und hinter den Leuten, die schon unsere Küsten erreicht haben, stehen, vergessen Sie das nicht, Millionen ihresgleichen, welche, wenn sie nur halbwegs passende Gelegenheit hätten, den Spuren ihrer Vorgänger folgen möchten und dies Land in einer Weise überschwemmen würden, von der wir uns gegenwärtig keine Vorstellung machen können. Dieselben Ursachen, welche zehntausend und zwanzigtausend dieser Immigranten in dieses Land gebracht haben, können Hunderttausende und sogar Millionen hierher bringen, und da das ein Uebel sein würde, ist nur der ein Staatsmann, der sich mit dieser Frage in ihrem Beginne beschäftigt. Das Argument unserer Opponenten in dieser Sache ist dasselbe wie in der allgemeinen Frage und damit wird das gleiche Unrecht begangen, wie es unserem Handel durch die freie Einfuhr angetan wird. Man sagt mit Bezug auf die Fremden dasselbe wie mit Bezug auf die freie Einfuhr: „Wozu der Lärm? Der Schaden ist nicht empfindlich* Er berührt nur wenige Gebiete, zum Beispiel die Landwirtschaft. Ja, die berührt er. Unser Land ist aber nicht für die Landwirtschaft bestimmt. Auch das Eisen soll in

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