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Die Welt · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Am nächsten Mittwoch sind nach jüdischer Zeitrechnung siebenhundert Jahre verflossen, seitdem Moses, der Sohn Maimons, zu Fostat (Alt-Kairo, südlich der Neustadt) in Aegypten gestorben ist. Will man seine Bedeutung richtig erfassen, so muss man sagen, dass er der universellste Mensch war, den unser Volk bis jetzt besessen hat. Universell durch sein Lehen, universell durch seine Werke, universell vor allem durch seine Idee. Seit seinem Tode ist nun eine Woche von Jahrhunderten vergangen. Aber seine Arbeit. dauert und wirkt weiter bis auf den heutigen Tag. Und die Idee, die sein Leben erhellt hat und seine Werke durchleuchtet, steht für immer als Sonne im Zentrum der vielversehlungenen Bahnen, die das Judentum in der Welt wandelt. Damit aber ist die Grösse dieses Mannes nur festgestellt und noch nicht erklärt. Näher kommt man ihm erst, wenn man die eigenartigen Züge seines Schicksals, seiner Leistung und seines Ideals zu begreifen sucht. Dabei sieht man dann, was es bedeutet, über Maimonides zu sprechen.; Es bedeutet; der, Reihe nach, Fragen der jüdischen Forschung und des-jüdischen Lebens erkennen. Und weiter; Fragen der Wissenschaft und des Menschentums überhaupt. Maimonides ist 1135 in Cordova geboren, auf seiner ersten Jugend liegt der Glanz der spanischen Tage. Der Mann, dessen wissenschaftliches Werk durch die Synthese und dessen persönliches Wirken durch den ununterbrochenen. Konnex mit seinen Volksgenossen charakterisiert wird, ist aus einer jüdischen Kultur erwachsen^ die sieh wie keine andere durch den engen Zusammenhang mit ihrer Zeit ausaeichnet. Darin ist die Wissenschaft des Judentums in Spanien der heutigen in Deutschland zweifellos noch immer überlegen. Vornehmlich wohl, weil letztere bis jetzt nicht auf dem Höhepunkte ihrer Entwicklung angelangt ist. Und dann, weil die Art und Weise des gelehrten Betriebes bei den Arabern den Juden vom Hause aus viel näher lag, als die nüchterne Gründlichkeit der Deutschen, die ja selbst wiederum das Ergebnis von Jahrhunderten ist. Aber wie immer sieh dies verhalten mag: wenn man weiter geht und die Forderung stellt, der Mensch Maimonides. solle in seinen einzelnen Zügen, aus seiner Zeit heraus erklärt werden, so kann diese Aufgabe heute noch nicht gelöst werden. Nach mehr als sieben Jahrzehnten moderner jüdischer Forschung kennen wir von unserer spanischen Geschichtsperiode eine Menge von unendlich wertvollen Details. Hier ist die Einzelarbeit nach Graetz um ein Bedeutendes fortgeschritten, aber eine abschliessende Darstellung fehlt und wird noch lange fehlen müssen. Und auch von dem Leben des Maimonides wissen wir eigentlich nicht viel. Allerdings weitaus mehr als von anderen hervorragenden Männern des jüdischen Mittelalters. Aber auch hier ist es nach dem bis jetzt vorliegenden Material — dessen Vermehrung durch neue Funde ja immerhin erhofft werden darf — unmöglich, ein wirklich abgerundetes und geschlossenes Bild zu geben. — Wenn wir sein Geschick betrachten, so können wir wohl sagen, dass hier ebenfalls eine gewisse Synthese herrscht, ein Ausgleich. von Glück und Elend, wie er entstehen muss, wenn die Widrigkeiten des Golus mit der Kraft einer übermächtigen Persönlichkeit zusammenstossen. Stilles Kindheitsglüek segnet seine Knabenzeit. Dann führt er vom 13. Jahre an ein Wanderleben, das für längere Zeit in Fes zur Ruhe kommt. Doch auch hier ist für die Familie keines langen Bleibens, das Schein-Mohammedanertum bietet nur sehr zweifelhafte Sicherheit. So ziehen sie weiter nach Palästina und endlich nach Aegypten. So erfährt Maimonides an sich zunächst das Schicksal seines Volkes, das Wanderschicksai des Exils. Aber auch individuelle Züge fehlen in der Geschichte seiner Leiden nicht. Krankheit und viele Sterbefälle unter den nächsten Verwandten bleiben ihm nicht erspart. Materielle Verluste und besonders der Tod seines Bruders, der mit dem ganzen noch übrigen Vermögen auf dem Meere zugrunde geht, machen ihn zum armen Mann. So übt er in Fostat die Heilkunde aus.

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