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Die Welt · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 51 „bi* # W^it" Beiife 9 Herren, die Juden von Mogador können nicht englisch sprechen! Nicht wahr, das ist schrecklich. ^Und die „Anglo Jewish Association" hat es sich zur Lebensaufgabe gestellt, diesen fernen Brüdern im Orient, diesen armen „Barbaren" (barbarus his ego sum, quia non intelligor ulli!) die Elemente der englischen Sprache beizubringen. Die „Association" ist so gütig, dass sie ihre wohltätige, nützliche, kulturfördernde Arbeit sogar auf Palästina, ja auf Jerusalem ausdehnt. O Jerusalem! Nichts hat man an dir auszusetzen gefunden als den Mangel an englischsprechenden Juden. Glückliche Mitglieder der „Anglo Jewish Association"! Schliesslich ist es ja begreiflich. Wenn selbst ein Mann wie Mr. Claude Montefiore in unserer Zeit der Gärung und der schmerzlichen Wiedergeburt des Judentums, in einer Zeit, wo wir uns vor Schmerzen winden, wo wir mit harter Mühe und Not jeden Schritt zur Sicherung und Festigung unserer Zukunft, unserer nationalen Existenz, unseres Lebens abringen müssen, wenn, sage ich, selbst ein solcher Mann jetzt nichts Besseres gefunden hat als eine sentimentalisierende, protestantisierende, süssliche Reform des Judaismus anzubahnen, dann ist es ja auch begreiflich, wenn er für die Tagesfragen und -Plagen kein Verständnis hat. Leider gibt es bisnun in der „Association" keinen anderen, praktischeren, politischeren Mann als Mr. Montefiore. Er hält noch immer seine Ansicht aufrecht, dass der Zionismus den Juden geschadet hat. Dieser seiner Ansicht hat er auch im letzten Bericht Ausdruck verliehen. Und wie hat er dem Judentum genützt? Was hat die „Anglo Jewish Association" für die Linderung der jüdischen Misere getan? Ja, predigen können die Herren, auch kritisieren — aber nur mittun, arbeiten! Aber lassen wir diese Herren, die man kaum mehr zum besseren bekehren kann. Weder bekehren noch belehren. Denn nur wer sehen will, kann sehen. Verschlossene Augen öffuen kann nur Gewalt, kann nur ein brennender Sonnenstrahl. Wann kommt er? Spectator. Aus Russland, Hornel. In den letzten zwei Verhandlungstagen wurde von zahlreichen glaubwürdigen Zeugen die» Tatsache bestätigt, dass sogar die höchsten Vertreter der Behörde in Hornel während der vorjährigen blutigen Exzesse gegen die Juden die Plünderer ermutigt und den verzweifelten Juden jedweden Schutz verweigert hatten. Der Gendarmerieoberst Koslowskij beantwortete die flehentliche Bitte des Rabbiner Maiaug um Beschützung der armen Juden mit den Worten: „Den Juden geschieht schon recht wegen ihrer demokratischen Gesinnung!" Der Polizeikommisär Tschernalusskij hat angesichts der Plünderung der armen jüdischen Wohnstätten ausgerufen: „Ueberall in Russland werden die Juden geschlagen, das müssen wir auch bei uns bewerkstelligen!tt Die Plünderer haben in Gegenwart der Polizei laut gerufen: „Erschlagen wir alle Juden, dafür wird man nicht bestraft!" Und trotzdem bemüht sich der Vorsitzende, die gerechtesten Forderungen der Anwälte der Juden zurückzuweisen und jeden Versuch dieser Anwälte, die Untätigkeit der Behörden nachzuweisen, energisch zu vereiteln. Das Verhalten des Präsidenten des Gerichtshofes wird sogar von der „Petersburgtskija Wjedomostitf scharf kritisiert, welche sagte, dass die Nervosität des Vorsitzenden den Juden gegenüber mehr als unverzeihlich sei.— Diinaburg. Die Ausschreitungen gegen die Juden dauern noch immer fort. In Dünaburg wiederholen sich diese Ausschreitungen, wie die „Nowosti" melden, fast täglich. Die Bauern besuchen die jüdischen Geschäfte, lassen sich verschiedene Ware einpacken, stecken sie in Säcke und verlassen das Geschäft mit den Worten : „Der Japaner wird bezahlen!...* Versuchtem jüdischer Geschäftsmann, diesem Raub Widerstand zu leisten, so wird er von der angesammelten Bauernmenge misshandelt, oftmals sogar lebensgefährlich.— Wolkowysk (Gouvernement Grodno). Seit geraumer Zeit bereisen unbekannte Emissäre die meisten jüdischen Städte in Kongresspolen und verteilen Proklamationen und Druckschriften, in denen gegen die Juden in schamlosester Art und Weise gehetzt und aufgereizt wird. In einer dieser Broschüren, „Der Jude aut dem Kriegsschauplatze" betitelt, werden die jüdischen Soldaten, deren Tapferkeit sogar das Lob des „Regierungsbofcen" gefunden hat, verleumdet, als Feinde Rueslands hingestellt und als Schädlinge geschildert. Die öffentlichen Lesehallen in Wolkowysk haben 200 Exemplare dieser Broschüre angekauft und allen Lesehallen einverleibt. Bei der jetzigen Stimmung in Russland kann man sich leicht vorstellen, welche Wirkung diese Hetzereien hervorrufen können. Die Aufregung unter den Juden in Kongresspolen wächst tatsächsächlich von Tag zu Tag. Die ohnedies sehr schlechte ökonomische Lage der Juden erfährt durch die beständige Furcht der Juden ein « Verschlechterung. Wie der „Wilenskij Wj^stnik" und der „Warszawskij Dnewnik" melden, hat die Auswanderung der Juden aus den Städten u* d Städtchen dss Weichselgebietes in letzter Zeit einen fast fluchtartigen Charakter angenommen. Zahlreiche Familien verkaufen ihr armseliges Hab und Gut und treten den dornenvollen Weg in die Fremde an. Wilna. Vor dem hiesigen Gerichte gelangte anfangs Dezember, wie der „Wilenski Wjestnik" meldet, ein Prozes zur Verhandlung, welcher ein schauerliches Bild aus dem Leben unserer als Menschen völlig degradierten Volksgenossen in Russland entrollte. Angeklagt war der Wachmann Peter Radzjuga, in der Nacht vom 22. Jänner 1902 die Jüdin Beile Müsch ou arg beschimpft und misshandelt zu haben. Der Sachverhalt war folgender : Beile Muschou kehrte in Begleitung ihrer Kinder und einiger Bekannten von einer Hochzeit heim, Sie ist eine bekannte Hausbesitzerin in Wilna und der Wachmann Peter Radzjuga, welcher in der Nähe ihres Hauses auf seinem Posten stand, kennt sie sehr gut. In der kritischen Nacht überfiel der Wachmann grundlos die arme Frau, überhäufte sie mit den niedrigsten Schimpfereien und schlug sie auf die Brust, „weil sie so spät heimgeht1. Auf ihre Hilferufe und auf das laute Weinen ihrer Kinder stürzte ihr Mann auf die Strasse und trug die zutode erschrockene Frau in die Wohnung. Aber der Wachmann drang auch in die Wohnung und setzte auch dort sein wildes Benehmen fort. Erst herbeigeeilten Wachmännern gelang es, den Radzjuga aus der Wohnung d-T Muschou zu entfernen. Das Gericht verurteilte Radzjuga zu einer Arreststrafe von 20 Tagen.— Aber nicht von der lächerlichen Sühne des Wachmannes ist hier die Rede, sondern von der Lage unserer Volksgenossen, welche schutzlos dastehen und jedem Trunkenbold auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind. Wilna. Die Mörder der jüdischen Familie Grünberg, die Soldaten Tschekunow, Schitkoblinow, Serdiuzow und Kostyrkin, welche die ganze Familie des jüdischen Kaufmannes Grünberg ermordet, das Vermögen geraubt und das Haus in Brand gesteckt hatten, wurden dieser Tage vom Kriegsgericht zu 20 Jahren in den Bergwerken Sibiriens verurteilt. Kischenew. Der ehemalige Gouverneur von Cherson Fürst Urussow, besuchte vor seiner Abreise aus Kischenew den Rabbiner Kotlowker und sprach sein Bedauern darüber aus, dass es ihm nicht gelungen war, für die Juden in Bessarabien, welche er nur von der guten Seite kennen gelernt hat, das zu tun, was er wollte. Er bat Kotlowker nochmals, den Juden von Bessarabien seinen Dank auszudrücken. Gt. (Fflr diese Rubrik ist die Rtdaktioa nicht verantwortlich.) Marken für den Nationalfonds. Folgende Gesinnungsgenossen haben für den N.-F. Briefmarken eingesendet: Wien: Edith und Theo, Zionistische Mittelschüler Wiens (^), Paula Kraus, Gymn. P. Kern, Frl. B. u. S. Bischkowitz, Hynya, Löwenfeld, Coposi durch Verlag „Zion", stud. Heim, J+ Neumann, O. Saphir, J. Fauster, Fri+ Elsa Spiegier, „Veritas" durch J. Schallir.ger, Karl Ullmann, Zionistische Mittelschüler Wiens (2) durch Ben Abraham, M. Politzer, J. Kremenezky, E. Hahn, „Unitas", FrL Ida Blass, stud. Karl Holzer, Betti, Gisela, Theodor Weiss. Berlin: Dr. M-Citron, Kolomea: Verein „Zeire Zion", O. Fadenhecht Bialystok: FrL R. Kaplansky- Kaplan. Kalmy: Salo Weinstern. Czernowitz: M. Sternschuss, J. Rabinowitz. Ebreichs d o r f: S. Reichs-

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