Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bis # Welt" Nr. 51 ihm die geneigte Aufmerksamkeit seitens seiner Amtsbrüder gesichert habe, und steht Interessenten der Originalabdruck gerne zur Verfügung. Aber eines will ich Ihnen sagen, Ehrwürden Dr. Kraus. „Jüdischer Geist" ist dasjenige, das Ihnen fehlt, sonst würden Sie nicht so gesprochen haben. Jüdischer Geist ist der Hauch, der die Blätter, in denen ich' Ihnen diese Antwort erteile, seit ihremBestande durchweht. Auch ich bin in einer tschechischen Stadt aufgewachsen; aber — zur Ehre des mich unterrichtenden Rabbiners sei es gesagt — der hat mich jüdischen Geist fühlen lassen und nicht nur mich, dies ist sicherlich das Gefühl aller, die ihn als Lehrer in der Mittelschule hatten. Bedauern aber muss ich Schüler, denen Sie solche Lehren, wie die in Ihrem Referate ausgesprochenen, einimpfen. Die hierauf erfolgte Debatte war den Referaten würdig an die Seite zu stellen. Für die Eliminierung waren die Redner Dr, Max Bondy, J. ü. C. Dr. Scharf und J. U. C. L. Müller; letzterer zog mit schwerem Geschütze aus und holte den seligen Vorläufer Ibsens, Kierkegaad, zum Beweise der Abschaffung des Hebräischen hervor. Kontra waren die Redner: J. Q. C. Alfred Salus, Prof. Smolka und Dr. Otto B o n d y. Als Beschwichtigungshofrat fungierte Herr Otto Gu th. Der Redner sagt, dass man sich in dieser Sache ein warnendes Beispiel an den Zionisten nehmen sollte, und prophezeit unserer Partei infolge der Zweiseelentheorie in der hebräischen Sprache den gänzlichen Fall. Na na, nur gemach! Auch hier ist ein Vergleich, abgesehen von der Unrichtigkeit der Behauptung, zwischen G\t2 Vereinchen, die kümmerlieh ihr Dasein fristen, und unserer weltumspannenden, festgefügten Organisation einfach lächerlich, wie der ganze Kongress, der die Ohnmacht unserer Gegner gar nicht glänzender manifestieren konnte. Herr Dr. Otto B o n d y verlangte unter anderem, dass alles, was über die tschechischjüdische Assimilantenpartei geschrieben werde, gesammelt werde. Diesem löblichen Wunsche, die Schildbürgerstückchen der Libussasöhne mosaischer Konfession fein säuberlich zu verzeichnen, sind wir bisher stets nachgekommen» Uns kann diese Manier, nach unzähligen offenkundigen Abschüttlungen seitens der Tschechen, sich wieder — bis zum Ekel — an letztere anzubiedern, nur Bedauern einflössen. Noch ein solcher tschechiscbjüdischer Assimilantenkongress und die mosaischen Tschechen sind gewesen. Besser können uns diese Leute nicht dienen als durch die öffentliche Schaustellung ihrer Torheit. Max Nacher. Zwei ministerielle Verordnungen in Ungarn. In jüngster Zeit sind zwei für das Judentum, ganz besonders aber für die Orthodoxie hochwichtige ministerielle Verfügungen erflossen. Die erste betrifft die Schliessung der Chedarim als sogenannte Winkelschulen, wodurch die bisnun in Ungarn übliche Methode des Thoraunterrichtes verboten wird. Die zweite betrifft die Entscheidung von im Leben der israelitischen Gemeinden auftauchenden strittigen Fragen, Die Entscheidung in diesen strittigen Fragen wird —- wenn sich die Parteien dem im israelitischen Kongress¬ oder im orthodoxen Organisationsstatut vergeschriebenen Schiedsgerichte nicht unterwerfen wollen — in den Komitatsmunizipien dem Oberstuhlrichter in erster Instanz (in Städten mit geordnetem Magistrat dem Bürgermeister), in zweiter Instanz dem Verwaltungsausschusse zugewiesen. Bezüglich der Hauptstadt und der Städte mit Munizipalrecht befinden sich die alten Verfügungen mit der in Rede stehenden Verordnung in Uebereinstimmung. Wie gewöhnlich, ist nuch jetzt bei den Streitigkeiten zwischen orthodoxen und fortschrittlichen Gemeinden der j, tertius gaudens" der Staat, der die einst weitgehenden Autonomien der Gemeinden immer weiter einschränkt. Während bisnun die Gemeinden selbst in strittigen Fällen die Entscheidung fällten, wird die Entscheidung nun in die Hände der staatlichen Behörden gelegt. Im Interesse der gesamten Judenschaft Ungarns wäre es gelegen, wenn eine Verständigung zwischen orthodoxen und neologen Gemeinden erzielt würde und die doch nicht unüberbrückbaren Gegensätze ausgeglichen würden. Welch weite Perspektive würde sich einem geeinten Judentum in Ungarn eröffnen! Gemeinsame Schulen, kräftige Abwehr der äusseren Feinde. Doch daran ist heute nicht zu denken. Die heutige Devise ist: «Noch htrengere Isolierung!" Aus England. In meinem vorigen Briefe habe ich vom Besuche des porfcugiesischenKönigspaaresin London gesprochen und daran einige politische Betrachtungen geknüpft. Ich muss noch einmal auf das Thema zurückkommen. Die Vertreter der spanisch-portugiesischen Gemeinde überreichten dem König eine Begrüssungsadresse, Die grossen Herren von der jüdischen Aristokratie haben sogar an den König von Portugal eine Deputation entsenden wollen. Was hätte die Deputation dem König sagen können? Es war eine ganz merkwürdige Demonstration. Dieselben Juden, die gar nicht verstehen können, wie man sich für ein altes, ihnen fernliegendes Land wie Palästina erwärmen kann, begeistern sich für ein Land, das ihre Väter vertrieben hat, das für die jetzige Generation der Juden eine blosse Tradition, ein eitler Schatz ist. Wenn man schon imstande ist, sich für eine Tradition zu begeistern — so hat Palästina immerhin vor Spanien oder Portugal den Vorrang! Dieselbe vielleicht unbewusste Inkonsequenz tragen die Juden der hohen Sphären in alle Angelegenheiten des jüdischen Lebens hinein. Lesen Sie einmal den letzten Bericht der „Anglo Jewish Association0, den vor einigen Tagen Mr. Claude Montefiore in der Jahresversammlung der Gesellschaft vorgetragen hat. Was hören Sie dort? Etwa "den Widerhall der Ereignisse der letzten Zeit, etwa das Echo der Krise, die über das jüdische Volk hereingebrochen ist, überall, urbi et orbi? Hören Sie aus seinem Berichte die Klage der Hungrigen, der Müden, der Flüchtlinge, die nach England in Scharen zusammenströmen und halb verhungern? Hören Sie etwa die Unbefriedigtheit des Reichen, des Wohltäters, dessen Milde nicht ausreicht, um all dem Elend zu helfen? Und das Elend ist doch gross! Da.finden wir jeden Tag in den leitenden englischen Zeitungen, in den „Daily Mail", im „Daily Telegraph", in allen Organen des Schutzzöllnertums, wie über die russisch-jüdischen Einwanderer geschimpft wird! Einige vierzig jüdische Auswanderer kommen nach London — nach der Weltstadt — am selben Tage kommen einige Zigeuner aus Makedonien und die »Daily Mail", das Kampfblatt Joe Chamberlains, des kommenden Premiers, des Heros der Imperialisten, benützt die Gelegenheit, um die Juden und die Zigeuner in eine Reihe zu stellen, um sie mit Spott und Hohn zu überschütten. Und wenn Sie wollen, hat die „Daily Mail" von ihrem Standpunkte aus nicht unrecht. Denn England durchlebt jetzt tatsächlich eine schwere wirtschaftliche Krise. Die Masse der Unbeschäftigten, der „Unemployeds" wird von Tag zu Tag grösser, bedrohlicher. Die Einwanderer könnten, wenn sie in Massen kämen, was ja nicht geschieht, tatsächlich zur Last fallen. Aber, wie gesagt, befasst sich der Bericht der „Anglo Jewish Association" mit diesen Fragen? Nein. Dagegen hat Mr. Claude Montefiore andere, wichtigere Fragen zu behandeln. Verstehen Sie, meine