Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „bit & Welt" Nr. 51 Wahrnehmung gegebener Vorteile, ohne jedoch die geringste Konzession auf Kosten des Nationalkultus an die Umwelt zu machen, das sei der Grund zu der ewigen Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden. Doch wie dem auch sein mag, sicher ist und unbestritten, dass zwar der Judenbass schon mehr als 2000 Jahre» aber eine Aussicht immer noch nicht besteht, die zu der Hoffnung berechtigte, er würde demnächst aus der Welt verschwinden. In welcher Lage wir uns immer befunden haben, es gab noch jedesmal ein Mittel, uns zu verbrennen. Und auch weiterhin gilt uns Juden gegenüber die blutige Losung Karls IX. von der Pariser Bartholomäusnacht, der schauerlich monotone Ruf: Töte, töte! * # * Man kann nach obigem den neuen Ausbruch einer Judenhetze mit dem jäh aufzüngelnden Brandstrahl vergleichen, der unter einer stets dämpfenden Asche aufzuckt, bis die lohen Feuergarben emporflackern. Ea ist jetzt bald ein volles VierteJjahrhundert verflossen, seitdem ein solcher Brandstrahl in Flammen aufschlug, seitdem die letzte grosse Judenhetze wütete, die ihrem Namen wirklich Ehre machte. Im Herbst des Jahres 1879 gab in «einen „Preussischen Jahrbüchern" Heinrich von Treitschke, der Heuchelei dürftige Maske verschmähend, in schöngerundeten und vollen Sätzen das Heroldzeichen, um einen Sturm auf die deutsche Judenheit zu entfesseln. Es wäre sehr verkehrt, wenn man dem Stöcker das Lob erteilte, diese Bewegung gemacht zu haben. Damais war der sozialpolitische Reformator, mit jammerseliger Miene sein widriges Schicksal beklagend, in dem versandeten Hafen angelangt, dem lebenski äftige und aufstrebende Parteien längst das Wasser abgegraben. Die christlich soziale Tageszeitung, die „Deutsche Volkswacht", die an ihrer Stirn das mosaische Wort als Motto trug: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst0, war eines sanften Todes gestorben. Die christlich soziale Parteikasse dagegen war bis auf den letzten Pfennig geplündert, nämlich von Stöckers Freund und Kampfgenossen, dem Schneider Grüneberg. Da erst kam ihm höchst willkommen die antisemitische Flutwelle, die sein gestrandetes Schiffiein wieder auf die hohe See der Tagespolitik hinaustragen half. Treitschke aber, der wohlberedte, hatte wieder einmal nach gewohnter Weise beim Niederschreiben seiner Zeilen deutlich fühlen können, dass er vielen anderen das Wort von den Lippen genommen. Er hatte eine günstige Zeit für seine „sachlichen" Erörterungen über die deutschen Juden gewählt. Hinter den lärmenden Hetzereien des Tages verberge sich nicht nur Geschäftsneid, Pöbelniedertracht und GründerhasH, sondern der untrügliche Instinkt der Massen habe im Uebergewichte der Juden in Deutschland eine schwere Gefährdung des neuen deutschen Lebens erkannt. Es sei keine leere Eedensart, wenn man heute von einer Judenfrage spreche. Eine hageldichte Reihe von Gegenerklärungen, Flugschritten und Zeitungsartikeln folgte diesem Vorstosse, und bestätigte die konstatierte Tatsache von der Judenfrage. Das Auftreten Treitschkesfand einerseits den toFenden Beifall des grossen Haufens, andrerseits erregt* es zorniges Aergernis, dass der Professor das Eis des prüden Schweigens gebrochen habe in dieser heiklen Frage. Sehr richtig bemerkt dazu ein objektiver Beurteiler in einer trefflichen Streitschrift ge«en Stöcker, es sei zu lächerlich, wenn über Gott und die Welt, über Staat und Kirche, über alles, was sich zwischen Himmel und Erde bewegt, öffentlich geschrieben werden soll, nur nicht über die zeitgeschichtlichen Wirkungen der Jud*»nemanzipation. Ein volles Jahr wogte ungeschwächt der Kampf, der mit hässlicher Erbitterung und unerhörter Leidenschaft geführt wurde, es handelte sich ja um die Juden. Mit einem Male barst der gleissende Bernsteinfirniss der neudeutschen Toleranz und Humanität und es zeigte sich, dass es doch nur „Fremdwörter" waren In seinem Aufsatze hatte Treitschke gesagt, vor wenigen Monaten habe in Deutschland noch das umgekehrte Hep- Hep- Geschrei geherrscht. Wer sich unterstand, über eine unleugbare Schwäche des jüdischen Charakters noch so massvoll zu reden, sei von der gesammten Presse als Barbar gebrandmarkt worden. Mit nichten, antwortet ihm ein damaliger Kollege an der Berliner Universität in seiner ebenso ruhigen wie entschiedenen Replik, mit nichten sei diese Hetze in den Zeitungen erst wenige Monate alt; sie datiere seit dem Jahre 1875. Er belegt dies unter anderem auch durch ein Zitat aus der ultramontanen „Germania4*, das in seiner herzerfrischenden Naivität an den fröhlichen Pückler-Stil erinnert: „Wir müssen nächstens wieder Judenartikel schreiben, denn die Juden beginnen von neuem üppig zu werden". Ihm erwidert aber Treitschke in seiner Duplik, die Bewegung gegen die Juden sei in Wahrheit noch viel älteren Ursprunges, er habe sie seit mehr als einem Jahrzehnt in der Stille anwachsen gesehen, womit nebenbei von ihm selber zugegeben ist, dass der wahre Grund der Judenhetze nicht „in dem grossen Anteil des Semitentums an der frechen Gier des Gründerunwesens" liegt. Nach Treitschkes Zeugnis wird der Anfang also schon in die sechziger Jahre verlegt, in welchem Jahrzehnt ein Mann, der seinen Zeitgenossen mit staunenswertem Scharfblick auf Herz und Nieren schaute, die Worte niederschrieb: »Derinstinktive Rassenantagonismus ist in Deutschland mächtiger als jedes Raisonnement" Und als Rassenstreit fassen beinahe alle Gegner die ganze Aufwicklung der Judenfrage auf. wie es auch Treitschke von vornherein getan : die Juden sollen Deutsche werden, unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, wenn er sich auch später widersprach. Hierin blieb man sich also wenigstens konsequent. Daher richtete sich auch der konzentrierte Ausbruch seines teutonischen Hasses auf den Historiker Graetz, dem er so nicht verzeihen kann, dass seine Geschichte vom jüdischen Volk als ein Standard work angesehen wird. Diesen „hoffärtigen, herausfordernden Verächterdes Christentums und des deutschen Volkes" treffen die schmetternden Schläge einer vollendeten Rhetorik. Da vernehmen wir die lieblichen Naturlaute eines urwüchsigen Hasses in ihrer ungetrübten Reinheit „...Es lässt sich schlechterdings nicht in Abrede stellen, dass die Juden in Deutschland mächtiger sind als in irgend einem Lande Westeuropas.* In dieser widerwärtigen Bekämpfung des jüdischen Geschichtsschreibers ist mit Treitschke ein anderer Kollege einig, der die Angriffe der „Preussischen Jahrbücher" im Gegensatze zu allen anderen vom Standpunkte der Bekenntnisfrage beurteilt und kritisiert. Dieser Gelehrte, der in seiner Flugschrift „Palästina allenfalls als eine Reisegelegenheit" betrachtet, gerät in grimmige Aufregung über den Mann, der sich nicht entschliessen kann, „in den Naturton des Volkes, zu dem wir verschmelzen wollen, sich einzustimmen", und so behaupteter, Graetz habe eine erschreckliche Perversität der Gefühlsui teile zustande gebracht. Mit diesen geschwollenen Redensarten wird der Mann abgekanzelt, dem man zwischen den Zeilen eine gewisse Anerkennung, so ungern man es tut, doch nicht versagen kann — in ohnmächtigem Zorne, oder, wie Lessing sagen würde, mit einem knirschenden Seufzer, der es beseufzt, nur ein Seufzer zu sein. Es ist aber die tiefste und wahrste Rechtfertigung des Graetzschen Standpunktes, wenn Treitschke selber.im Verlaufe dei sich fortspinnenden Polemik zugibt, dass eine vollständige Verschmelzung des Judentums mit den abendländischen Völkern niemals ganz erreicht werden könne. Er wünscht es nicht einmal, der preussische Professor; „Mischehen zwischen ungetauften Juden und Christen", so