Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bis & Welt Nr . 51 zukehren.*) Die grösste Panik rief dieses Verbot in London hervor, wo bedeutende Auswanderermassen sich angesammelt hatten, die von den Schiffahrtsgpsellschaften bereits nicht mehr aufgenommen wurden und deren Mittel nicht für die Rückreise ausreichten. Eine einschränkende Massregel betreffs Einwanderung der Analphabeten ist auch in den Vereinigten Staaten an der Tagesordnung. Allem Anscheine nach wird ein solches Gesetz früher oder später angenommen werden. Nun sind aber von den erwachsenen jüdischen Einwanderern (älter als 14 Jahre) nach der offiziellen amerikanischen Statistik 22% Analphabeten, die nicht einmal des Jargon kundig sind. Man stelle sich nur die Panik vor, die im Falle der Annahme eines solchen Gesetzes unter der kolossalen, nach den Vereinigten Staaten sich begebenden jüdischen Auswanderermasse ausbrechen würde! Uebersicht der zur Regelung der Emigration notwendigen Massnahmen. Wie aus dem vorigen zu ersehen, zerfallen die Massnahmen zur Regelung der Auswanderung in drei Gruppen : 1. Belehrung der Emigranten in der Heimat über Auswanderungsziel und -Route; 2. Schutz der Emigranten während der Ueberfahrt und 3. Fürsorge für dieselben im Einwanderungslande. L Um zuerst die für ihn wichtigste Frage zu lösen : auswandern oder nicht? fehlt es unserem unwissenden Manne aus dem Volke an der notwendigsten Aufklärung. Im jüdischen Jargon, dem einzigen Idiom, in dem unsere Volksmasse des Lesens kundig ist, gibt es keine Hilfsmittel zur Orientierung über die Einwanderungsländer und dortigen Bedingungen, unter welchen diese oder jene Klasse, dieser oder jener Beruf Chancen für eine erträgliche Existenz haben könnte. Die Herausgabe solcher, mit Sachkenntnis verfasster Anleitungen und die weiteste Verbreitung derselben müssten als billigste und nützlichste Massregel in erster Linie stehen. In die erwähnten Hilfsbücher kann man selbstverständlich nur die wesentlichsten und allgemeinsten Tatsachen aufnehmen und dabei solche, die keinen temporären Abänderungen unterliegen. Es gibt aber viele Verhältnisse, die sich sehr rasch ändern. Gar nicht zu sprechen von Rechfcsverhältnissen. Auch die Lage des Arbeitsmarktes ändert sich fortwährend. Ueber solche wechselnde Erscheinungen in den Einwanderungsländern kann man nur laufende Berichte erstatten lassen. Zum Zwecke des Sammeins des für die Emigranten notwendigen Auskunftsmaterials und der weitesten Verbreitung desselben muss eine Zentralstelle nach dem Muster der in allen Kuiturstaaten existierenden „Auf-kunftsbureaus für Emigranten" geschaffen werden. Zu schöpfen hätte ein solches Bureau sein Material aus allgemeinen Quellen geographischen, statistischen und beschreibenden Charakters, aus speziellen Veröffentlichungen anderer Emigrationsbureaus und endlich aus den Berichten eigener Korrespondenten aus den Einwanderungsländern. Die Verbreitung des gesammelten Materials wäre zu bewerkstelligen : einerseits vermittels Broschüren, periodischer Publikationen, Flugblätter, Plakate, Zirkuläre, sowie andrerseits durch Erteilung von individuellen Auskünften und Ratschlägen an solche, die sich persönlich oder schriftlich an das Bureau wenden. Ein solches Bureau in seiner vollen Gestaltung ist imstande, ebenso genaue und praktisch nützliche Auskünfte wie ein Arbeitsnachweisbureau zu erteilen. Das bestätigt sich durch die Tätigkeit vieler westeuropäischer Emigrationsbureaus, die sich imstande er- *) Die Kenntnis des Lesens und Schreibens des Jüdischen wurde anfangs nicht berücksichtigt. Bald wurde aber diese Massregel zurückgenommen, so daes aus diesem Grunde keine Rücksendungen erfolgten. Die Red. weisen, gleichzeitig mit allgemeinen Angaben über die örtlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse ausführliche Listen über die Nachfrage nach Arbeitskräften — genau nach Zahl, Qualität und Lohnhöhe — sogar für einzelne Wohnorte zu veröffentlichen. Ausser der Zentralstelle wäre es zweckmässig, auch einige lokale Bureaus in Rayons mit stark entwickelter Emigration bei uns zu errichten. Diese könnten dann mit dem Auswanderer in nähere Berührung kommen und mehr auf ihn einwiiken. Die Zahl der Bureaus und ihr Ort kann natürlich erst in der Praxis bestimmt werden. II. Zum Schutze der Emigranten während der Ueberfahrt sind Vertrauensmänner anzustellen oder müssen Bureaus in denjenigen Orten errichtet werden, wo die Emigranten sich besonders anhäufen, an Grenzpunkten und anderen wie auch in Hafenstädten, die die Auswanderer passieren. Die Vertrauensmänner haben die Aufgabe, die Emigrantenzüge zu empfangen und ihnen das Geleite zu geben. Feiner haben sie am Orte alle möglichen Auskünfte zu geben, Hilfe zu leisten und die Auswanderer gegen aufdringliches Benehmen der Agenten und Willkür sowie Schikane der Polizei in Schutz zu nehmen. Sehr wünschenswert ist die Errichtung von öffentlichen Baracken und Herbergen in den Transitpunkten, wo die Emigranten während der Reiseunterbrechungen sich aufhalten könnten. Dortselbst wäre es dann zweckmässig, die genannten lokalen Auswandererbureaus zu eröffuen. Im übrigen ist es kaum nötig, auf diesen Teil der Organisation näher einzugehen. Derselbe ist wahrscheinlich durch die westeuropäischen jüdischen Institutionen im Detail ausgearbeitet worden,*) da ihnen naturgemäss wohl die Aufgabe zufallen würde, die mit dem Schutze der unterwegs sich befindenden Emigranten verbunden ist. III. Oben wurde schon betont, dass der wichtigste Teil des Auswanderungsproblems in der möglichsten Zerstreuung des Emigrationsstromes sowie in dessen Ablenkung von den mit Juden schon überfüllten Grossstädten zu suchen wäre. Die Hauptarbeit zur Lösung dieser Aufgabe kann natürlicherweise nur in den überseeischen Ländern geleistet werden. Zweifellos ist aber, dass eine zu diesem Zwecke in der alten Heimat ins Leben gerufene Organisation ihrerseits imstande wäre, viel zur Förderung dieser Sache beizutragen. Früher wurde bereits erwähnt, dass es von grossem Nutzen wäre, wenn schon die grossen lokalen Bureaus in der Heimat des Emigranten beginnen würden, demselben die Notwendigkeit, neue Ansiedlungsorte zu suchen, vorzuhalten. Wenn diese Bureaus dazu noch imstande sein werden, genaue und ausführliche Auskünfte über die neuen Orte zu geben, wird dies allein schon viel zu gleichmässigerer Verteilung der Emigranten beitragen. Als eine äusserst wichtige Massnahme zur Erleichterung der Ansiedlung an neuen Orten muss der rein praktische Unterricht im Englischen, und sei es auch nur der elementarste, hervorgehoben werden. Solche Sprachkurse könnten an einigen Orten in der alten Heimat, wo die Emigration besonders intensiv ist, mit Erfolg ins Leben gerufen werden. Ina allgemeinen aber, was diesen für die Regelung der Emigration wichtigsten Teil betrifft, muss bemerkt werden, dass das endgültige System entsprechender Massnahmen nur gemeinschaftlich mit den überseeischen jüdischen Gesellschaften ausgearbeitet werden kann, die sich mit der Verpflanzung der Emigranten befassen — hauptsächlich wohl in Uebereinstimmung mit der „Jewish Agricultural and Industrial Aid Society". *) Das ist tatsächlich bereits zum grossen Teile geschehen und auch von der Frankfurter Konferenz nochmals beschlossen worden. Die Red.