Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nfc. 51 Jfbie & W^W* Seite 3 Die Ostafrika-Expedition. Die Kommission, welche das von der britischen Regierung den Zionisten für eine jüdische Siedelung angebotene Land in Britisch-Ostafrika bereisen und erforschen soll, ist wie folgt gebildet worden: Major A. St Hill Gibbons, Prof. Alfred Kaiser, Zivilingenieur Dr. J.'Wilbuschewitsch. Die englische Regierung hat die ihr vorgeschlagene Liste bereits genehmigt. Die Kommission geht noch im Laufe dieses Monates ab und wird gegen Mitte Jänner in dem in Frage stehenden Territorium eintreffen. Die Kosten der Expedition sind von privater Seite zur Verfügung gestellt worden. Der Bericht der Expedition dürfte im April k. J. dem zionistischen Aktionskomitee vorliegen. * * * Major Gibbons ist ein bekannter Afrikaforscher. Er hat einen grossen Teil seines Lebens in Afrika zugebracht und eine Reihe von Werken über seine Reisen geschrieben. Von seinen Büchern sind besonders bemerkenswert: „Rftise durch Zentralafrika" und „Durch Afrika von Süd nach Nord". Diese Bücher geben Zeugnis von seiner grossen Eignung zu dieser Forschungsreise, Professor Alfred Kaiser, ein geborener Schweizer, ist wissenschaftlicher Berater der Nord-West-Kamerun- Gesellschaft. Es war Mitglied von Schweinfurths Ostafrikaexpedition. Dr. J. Wilbuschewitsch ist das einzige jüdische Mitglied der Expedition. Wilbuschewitsch ist Zionist. Sir H. Johnston über Ostafrika. Sir Harry Johnston, der bekannte Afrikaforscher, hielt vor einigen Tagen in London einen Vortrag über die Judenfrage. Er ging auf die Geschichte der Judenfrage und -Not ein und kam dann auf das Ostafrikaprojekt zu sprechen. Er sagte, seine Meinung über das Land habe sich geändert. Er habe früher gemeint, dass es grausam wäre, den Juden, die doch ebensolche Europäer wie die Anglosachsen sind, ein Land anzubieten; das für einen europäischen Siedler ganz unwohnlich sei. Aber die Entwicklung, die das Land dank der Ugandabahn genommen, habe ihn gezwungen, seine Meinung zu ändern. Das Land, das den Zionisten angeboten wurde, ist am Gwas'ugisku-Plateau gelegen. Es wohnen in der Gegend auch zahlreiche Eingeborene und es wäre im Interesse des Friedens der künftigen jüdischen Kolonien zu wünschen, dass die den Negern gehörenden Landstücke von dem angebotenen Territorium ausgeschieden würden. Sonst ist das Land sehr brauchbar. Der Umfang des Gebietes ist dem von Wales gleich. Das Klima ist weich und warm und der Wechsel der Jahreszeiten kaum merklich. Wenn die Juden diese Gegend bekommen sollten, dann werden sie sicherlich Ackerbauer werden. Was den Absatz für ihre Produkte an belaß gt, so wird ihn die Nähe der Ugandabahn beträchtlich erleichtern und fördern. Die jüdische Auswanderung aus Russland und ihre Regelung, Von L. Wygodsky. (Schluss.) Ueberfahrtsstrapazeti und Agentenwesen» Ein weiterer Missstand der Emigration besteht in den unerträglichen Verhältnissen, unter denen die Ueberfahrt der Auswanderermassen vor sich geht. Es ist eine endlose Kette von Leiden und Mühseligkeiten, deren grösster Teil leicht und ohne grössere Kosten den Emigranten hätte erspart werden können. Die Strapazen für den Auswanderer beginnen schon mit den Hindernissen, die ihm bei den ersten Schritten zur Erlangung des Gouverneurspasses entgegentreten. Diejenigen,, die mit dem Passe fahren, kommt letzterer zu teuer zu stehen. Den Juden der Kleinstadt kostet der Pass nicht weniger als 35 Rubel. Die Mehrzahl der Auswanderer fährt bekanntlich ohne Pass, indem sie zu den geheimen Auswandareragenten ihre Zuflucht nehmen, durch die sie über die Grenze hinübergeschmuggelt werden. Zu diesem Mittel greifen die Emigranten nicht etwa, weil ihnen zur Erlangung des Passes immer gesetzliche Hindernisse im Wege stehen, sondern weil sie entweder die Umständlichkeiten bei den Behörden scheuen oder nicht die Kosten des Passes bestreiten können oder aber weil sie, hilflos und unwissend wie sie sind, vor dem Gedanken zurückschrecken, diese weite Reise ganz ohne Führer anzutreten. Allein als welche Führer die Auswandereragenten sich in der Tat erweisen, ist zur Genüge bekannt. Der gewissenlosesten und rücksichtslosesten Behandlung unterwerfen sie die wehrlosen Auswanderer. Es wird diesen der letzte Groschen abgenommen. Man führt sie auf Umwegen, b.etrügt sie beim Verkauf der Schiffskarten und an den Frachtgeldern für die Bagage; unbarmherzig lässt man sie in der Mitte des Weges zurück, nachdem man ihnen alles nur Mögliche erpresst hat. Auch ist der heimliche Uebergang über die Grenze mit grossem Risiko, selbst mit Gefahren verbunden. Die Institution, welche die Sorge für die jüdische Emigration übernehmen würde, könnte letzterer die Dienste der Agenten in hohem Masse ersetzen. Ganz verdrängen könnte sie die Agenten aber nur dann, wenn sie bei der russischen Regierung die Gewährung der sogenannten „Auswandererscheine" bewirken könnte. Ein solches Privileg geniesst in Russland nur die „Jewish Colonization Association*, welche von diesem Rechte jedoch nur für die in ihre Ackerbaukolonien sich begebenden Auswanderer Gebrauch macht. Genannte Zeugnisse ersetzen vollkommen den Gouverneurspass, werden gratis verabfolgt und verschaffen dem Besitzer noch einige andere Begünstigungen. Mangelhafte Kenntnis der Einwanderungsländer und der Ueberfahrtsbedingungen. Ausser der Erlösung von den Auswandereragenten bedarf es für die Emigranten noch vielfacher Kenntnisse über diejenigen Länder, wohin sie sich begeben und über die zu wählende Reiseroute. Der grösste Teil der Emigranten, die sich auf den Weg begeben, haben nicht den geringsten Begriff davon. Diejenigen aber, die von ihren Verwandten oder Bekannten, welche vor ihnen emigrierten unterrichtet werden, begeben sich in die einmal von den Auswanderern bevorzugten Zentren. Regelmässige ppriodische Berichle aus den überseeischen Ländern über Arbeitsgelegenheiten in neuen Orten und neuen Berufsarten würden viel zu gleichmässiger Verteilung der Auswanderermassen in den neuen Ländern beitragen. Eine weitere Notwendigkeit ist die genaue Kenntnis der Einwanderurgsgesetzgebung, die fortwährend durch zahlreiche restriktive Massregeln ergänzt wird. Von welcher Wichtigkeit solche Auskünfte sind, wolle man aus folgendem Beispiel ersehen: Als in Südafrika Analphabeten die Einwanderung verboten wurde, erfuhren tausende jüdischer Emigranten diese Neuerung erst auf dem Wege Vielen, die bereits Kapstadt erreichten, wurde die Landung nicht gestattet; viele andere, die sich unterwegs befanden, waren genötigt, in die Heimat zurück-