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Die Welt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bi* * weit" Nr. 50 Mit Unterschied der Konfession! Der kürzlich verstorbene ausserordentliche Professor Dr. Strauch hat der Universität Heidelberg 18 000 Mark vermacht. Die Zinsen des Kapitals sind zu Studienzwecken von Privatdozenten und ausserordentlichen Professoren der juristischen Fakultät bestimmt. „Doch Angehörige israelitischen Glaubens oder Abkömmlinge jüdischer Vorfahren,, auch wenn sie getauft sind, sollen vom Genüsse ausgeschlossen sein/*!! Arbeiterkolonie Weissensee. Kürzlich fand im Bureau des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes in Berlin eine gemeinschaftliche Sitzung des Vorstandes und des Wohlfahrtsausschusses des ».Vereins jüdische Arbeiterkolonie und Asyl" statt. Der stellvertretende Vorsitzende Herr Moritz Rosenow widmete den Verdiensten des heimgegangenen ersten Vorsitzenden, Mitbegründers und immerwährenden Ehrenmitgliedes des Vereines, Herrn Maurermeister Adler, Worte dankbarster Anerkennung. Am 1. Jänner betrug die Besetzung der Kolonie 71 Mann, bis zum 3U. September wurden 252 Mann aufgenommen und 246 Mann entlassen, mithin verblieb am 1. Oktober ein Bestand von 77 Mann. Von den Entlassenen wurden 87 Mann, durch die Kolonie seihst in Stellungen untergebracht, der Rest vermochte sich selbst oder durch die Hilfe von Angehörigen im Ausland einen Beruf zu schaffen, in dem er die in der Anstalt erworbenen Fähigkeiten verwenden kann. Besonders die in der üürtlerei ausgebildeten Leute finden bei Berliner firmen gute Stellung; manche frühere Kolonisten beziehen bereits einen Wochenverdienst von 45 Mark. Aber auch die in den übrigen Branchen, wie Rohrflechterei, Stock- und der jüngst hinzugekommenen Bürstenfabrikation, ausgebildeten Leute finden Anstellung oder Gelegenheit zum selbständigen Erwerb. Da verschiedene Betriebe noch Leute verwenden können, wurde beschlossen, die Frequenz der Kolonie auf 86 Mann zu erhöhen. Damit wird die bei den jetzigen Raumverhältnissen mögliche Maximalbesetzung erreicht sein. Die durchschnittlichen Verpflegungskosten pro Mann und Tag schwanken in den verschiedenen Monaten von 46.6 Pfg. im Februar bis zum Maximum von 53,6 Pfg, im Mai. Das Guthaben der Kolonisten aus dem Ertrag ihrer Nebenverdienste belief sich am SO. September auf 1073,58 Mark. Der Gesundheitszustand war gut. Der Zuschuss der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist von 000 Mark auf 100Ü Mark erhöht worden. Besonderen Wohlwollens hat sich die Kolonie seitens der U. O. B. B.-Logen zu erfreuen, die ihr je nach den eigenen verfügbaren Mitteln grössere oder kleinere Zuwendungen gemacht haben. Schweizerische Arbeiter — antisemitisch! Aus dem Jura wird dem „Bund'* geschrieben: Die verflossene Wahlkampagne im Grossratswahlkreise Oelsberg, zur Ersetzung des verstorbenen Herrn Tierarzt Fleury, hat im ganzen freisinnigen Jura einen peinlichen Eindruck hinterlassen; man glaubte in freisinnigen Kreisen, dass die Arbeiter die Kandidatur Goetschel, der ein angesehener Israelit ist und dessen Eintritt in den. grossen Rat man im ganzen Jura mit Freuden begrüsst hätte, akzeptieren würden. Da geschah das Unerwartete. Im geheimen sekundiert von den konservativen Tonangebern, welche, trotzdem sie die Wahl laut dem bei den letzten Erneuerungswahlen abgeschlossenen Kompromiss nichts anging, dem verhassten „Juden" (Goetschel) ein Bein zu stellen suchten, entrollten die Anhänger der Kandidatur Eckert die Fahne des engherzigen Konfessionalismus. Mit dem Schlachtruf ,tk c i n Jude!'* zogen sie in den Kampf und — siegten im zweiten Wahlgang. Bericht der Anstalt zur Heranbildung israelitischer Krankenpfleger in Pressburg. Diese Anstalt, die nunmehr in das fümte Jahr ihres Bestehens tritt, hat, ihrem Zwecke vollständig entsprechend, eine ausserordentlich erspriessliche Tätigkeit entfaltet. Die herangebildeten Pflegerinnen haben bei 21 Famiben insgesamt 202 Nächte hindurch gewacht und 78 Tage hindurch Pflegedienste geleistet. In der freien Zeit oblagen sie dem Dienst im israelitischen Spitale, Der ausgezeichnete Ruf der Anstalt hat sieh nicht nur auf Pressburg beschränkt, denn die Pflegerinnen wurden auch in andere Provinzstädte berufen. Annen Familien wurde der Pflegedienst unentgeltlich zuteil. Die Anstalt ist dank der Spenden und Unterstützung finanziell sehr gut situiert und weist einen beträchtlichen Kasseüberschuss auf. Li. Die Juden in Indien. Dem soeben veröffentlichten offiziellen britischen statistischen Berichte zufolge ist die Zahl der jüdischen Einwohner in Indien in den letzten Jahren stark gewachsen. So gab es dort 1881 bloss 12.009 Juden, 1891 17.194 und 1901 18.228. Die jüdische Bevölkerung Indiens beträgt 0 0006 Prozent der Gesamtbevölkerung. Was die Zahl der Juden in den einzelnen Provinzen anbetrifft, so wohnen die meisten in der Provinz von Bengal (1939) und in den Staaten von Madras (1288). Dagegen ist in Assam ein einziger Jude zu treffen. 1280 Juden haben Hebräisch als ihre Muttersprache angegeben. Feuilleton. ■ . Das Trender!. Aus einer Chanukageschichte von Schalom Gleichem. (Fortsetzung.) „Was wünschest du, Jungele?" fragt dann Pesachje, als ob er nicht wüsste, dass es mir sein „Kol-bau'nikel" angetan habe, das ich bereits mehr als siebzehnmal in die Hand nahm, befühlte und betastete nnd mich nach dessen Preis erkundigte. „Nichts," sagte ich, „ich schau halt hin . . " Und ich wende mich rasch weg, urn nicht länger der Versuchung gegenüberzustehen. „Ach, Mutter, wenn du sehen möchtest, was für Kolbaivnikel Pesachje hat!" „Was für Kol-bau'nikel?" fragte die Mutter. „Ein Siddur ist es! Wenn ich ein solches Siddur hätte, ich wäre glücklich. „Hast du denn kein Siddur? Wo ist denn Vaters Siddur?" „Welcher Vergleich, Mutter? Jenes ist eben ein Siddur und das ist ein Kol-bau'nikel." „Ein Kol-bau'nikel?" fragte die Mutter, „gibt's denn in einem Kol-bau'nikel mehr zu beten oder betet sich's daraus besser?" Nun, versuchet es, einer Mutter zu erklären, was ein Kol-bau nikel ist, ein wahres Kol-bau'nikel mit roten Tafeln, blauem Schnitt und grünem Rücken! „Komm," sagte mir meine Mutter eines Tages gegen Abend und fasste mich zärtlich an der Hand, „komm mit mir ins Beth-Hami drasch, morgen, so Gott will, ist Vaters Jalirzeit, da wollen wir dort ein Licht anzünden und bei dieser Gelegenheit nachsehen, was für Kol-bau'nikel Pesachje hat." Ich wnsste es im voraus, dass ich zu Vaters Jahrzeit von meiner Mutter das Blaue vom Himmel erlangen kann, und so schlug mein Herz höher vor Freude. Im Beth-Hamidraseh trafen wir Pesachje, der aber seinem Kram noch nicht auseinandergelegt hatte. Pesachje, rnüsst' ihr wissen, ist ein Jude, der keine Eile hat; er weiss wohl, dass er der einzige am Markte ist, dass ihm niemand etwas vorwegnehmen kann» Bis er seinen Sack öffnet und seinen Kram auseinandergelegt, dauert es eine Ewigkeit. Ich zittre, brenne vor Neugier, kaum dass ich noch auf den Füssen zu stehen vermag, und er — gar nichts, als ob es ihn gar nichts anginge! „Zeigt doch schon" — sagte ihm meine Mutter — „was habt Ihr dort für ein Kol-bau'nikel?" Pesachje hat Zeit, es brennt nicht. Langsam, ohne Hast öffnet er seinen Sack und legt seinen Kram auseinander : Die fünf Bücher Mosis, grosse und kleine, Siddurim für Männer und Korban-Mineha7) für Weiber, Tehillim in verschiedenen Grössen, Chukim und Tikunim,8) Machsorim, Lelichoth, Techinos in unzähliger Menge, dann Schewoehe Beseht9) und wieder unzählige Techinos! Mich dünkt, dass es nie ein Ende nehmen werde, eine unversiegbare Quelle, ein Brunnen! Endlich Hessen sich Kleinigkeiten erblicken, unter ihnen glänzte das Kol-bau'nikel. „Das ist es also?" wunderte sich meine Mutter, „so klein?" „Das kleine," sagte Pesachje, „kostet viel mehr als ein grosses." „Was kostet, Gott verzeihe mir die Red', dieses kleine Wewrikel?"10) 7) Gebetbuch für Frauen. 8) Gebetbücher mit kabbalistischer Einrichtung. 9) Biographie des Baal-Schern und seine Wundertaten. 10) Eichhörnchen.

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