Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 50 „bi* $ Weit" Seite 15 „Ein Siddur nennt Ihr Wewrikel?" sagte streng Pesachje, und nahm ihr gelassen das Kol-bau'nikel aus den Händen. Mir riss das Herz. „Nun, so sagt doch, was es kostet?Cf bat ihn die Mutter; aber Pesachje hat Zeit und antwortet in ruhigem, singendem Tone: „Was das Siddur kostet? 0, es kostet, es kostet, ich fürchte zu viel für eure Tasche." Meine Mutter verwünschte alle Feinde mit bösen wüsten Träumen und wünschte dennoch denPreis zu wissen. Pesachje sagt einen Preis, die Mutter wendet sich zur Türe, fasst mich am Arm und sagt: „Komm, wir gehen, wir haben hier nichts zu tun. Weisst du nicht, dass bei Reb Pesachje alles zu teuer ist?" Mit verbittertem Herzen folge ich meiner Mutter bis zur Türe mit geringer Hoffnung, dass sich Gott vielleicht doch erbarmen und Pesachje veranlassen wird, uns zurückzurufen. Aber das ist nicht Pesachjes Gewohnheit. Er weiss, dass wir selbst umkehren werden. Und wir kehrten um. Die Mutter bat ihn, er möchte ein Wort sagen, „wie ein Mensch". Pesachje bleibt ungerührt, sieht zur Decke hinauf und seine Augen glänzen. Wir gehen wieder einmal fort und kehren abermals zurück. „Ein harter Jud, dieser Pesachje," meinte nieine Mutter im Weggehen, nachdem der Kauf abgeschlossen war. Es würde mir nie einfallen, bei ihm ein Siddur zu kaufen. So unerhört teuer; schade um das Geld, es hätte bessere Verwendung zur Bezahlung des Lehrers finden können. Aber, zuliebe der Jahrzeit nach dem Vater, Friede sei bei ihm, weil du Kaddisch sagst, tat ich es dir zuliebe. Nun, mein Sohn, erfülle du meinen Wunsch und versprich mir, jeden Tag ehrlieh zu beten." Ob ich wirklich so ernst und andächtig gebetet, wie ich es versprochen hatte, kann ich heute nicht mehr sagen, aber das! Kolbau'nikel liebte ich wie mein Leben. Ihr kennt euch denken, dass ich es sogar im Schlafe bei mir hatte, obwohl, wie ihr wisst, dies nicht recht erlaubt ist. Im Ohetier beneideten mich alle um diesen Besitz; ich hütete es wie meinen Augapfel — und nur, an jenem Chanuka, hübe ich, o weh, selber mit eigenen Händen dieses Kol- Imulrikei zu Mojsche des Tischlers Buben hingetragen, der schon lange darnach lüstern ausgespäht hatte, und — ich musftte mich noch obendrein erniedrigen, bitten, flehen, (h)ss er das Siddur um. einen Spottpreis kaufe. Ach, das Siddur, das Siddur! Wenn ich an das Siddur denke, schnürt sich mir das Herz zusammen und mein Gesicht brennt \<v St-hani! Verkauft, verschachert, wozu? Wem zu liebe? Ben je zuliebe? Damit Ben je noch einige Kopeken einstecken kann? Aber was konnte Ben je dafür, dass er Glück im Spiele hatte? Es ist ja eben nur ein Trenderl — versuchte Ben je mich über den Verlust zu trösten, indem er meine letzten Ooschen in seine Börse gleiten Hess — würdest du Glück haben, so würdest du gewinnen, nun aber habe ich Glück und i c h gewinne, Und Benjes Wangen sind flammenrot und bei ihnen im Zinnner ist hell beleuchtet und so angenehm wann. Eine silberne Menorah steht bereit, die Eöhrchen mit feinriochendem Oel gefüllt, und aus ihrer Küche schlügt ein verlockender Duft von frisch ausgekochtem Fett herüber. Bei uns wird heute „Latkes" gebacken, verkündete mir Benje, als ich schon beim Ausgang war, während mir der Hunger das Herz zusammenpresste; ich hüllte mich fest in meine zerrissene Kapote und eilte nach Hause. Meine Mutter war eben aus ihrem Kram heimgekehrt, mit erfrorenem Gesichte und erstarrten angeschwellten Händen. Sie stand vor dem Ofen und wärmte sich. Als sie mich erblickte, leuchtete ihr Antlitz auf. Kommst du aus der Schul? — fragte sie mich. Aus der Schul — log ich. Ma'ariw gebetet? Ma'ariw gebetet — log ich weiter. Erwärme dich mein Kind, dann wirst du mir Chanukalicht „bentschen". Gott sei dank, es y schon heute das letzte Lichtlein . . (Sehluss folgt.) Wie Salomon Friedmann zu seinem Weinschank kam. Dieser Tage hat vor dem Kassationshof ein Geschichtchen seinen Abschluss gefunden, das einen fast ergötzlichen Beitrag zum Thema „Gleichberechtigung der Juden" darstellt. Es hat nicht übermässig in die Speichen des Rades der Weltgeschichte eingriffen, der Hauptheld ist ein sonst durchaus unbekannter Jude im Neusandecer Kreise und die Ereignisse, die in den Rahmen dieser kleinen Begebenheit eingeschlossen sind, werden schwerlich das Interesse der Zeitgenossen auf längere Zeit fesseln können, aber immerhin verdient das kleine Geschehnis als beinahe anekdotenhafte Episode aus dem wirtschaftlichen Leben der Juden vermerkt zu werden. Die Gemeinde Carne Dunja hatte drei erloschene Weinschankkonzessionen zu vergeben. Drei Bewerber meldeten sich, die die Absicht hatten, in den drei herrenlosen Schankstuben die Bürger von Carne Dunja mit den beliebten geistigen Getränken zu versorgen. Die Gemeindevertretung betrachtete mit kritischem Blicke die drei Petenten und hielt hierauf im Rathause von Carne Dunja eine bewegte Sitzung ab, die in folgendem Beschlüsse gipfelte: Zwei Bewerber sind für die Verleihung der Weinstuben zu empfehlen, der dritte Bewerber wird „mangels lokalen Bedarfes abgelehnt. Lesern, die sich für den Namen dieses Abgelehnten interessieren, sei mitgeteilt, dass er Salomon Friedmann heisst. Der zurückgewiesene Salomon Fried mann ging mit sich zu Rate und kam in salomonischer Bedachtsam - keit zu folgenden Erwägungen : Mangels lokalen Bedarfes nicht bewilligt! — Wie soll ich den Grund „mangels lokalen Bedarfes" verstehen? — Nach der Schankstube ist lokaler Bedarf, auf wen bezieht sich also das „Mangels"? — Offenbar auf mich, den Salomon Friedmann I — Es mangelt ihnen der Bedarf nach einem Salomon Priedmann. Und es wurde ihm klar, dass offenbar seine Stammesverwandtschaft mit seinem alttestamentarischen Namensvetter einen entscheidenden Einfluss auf das „Mangels" ausgeübt habe. Nachdem solcherart Salomon Friedmann den Kern der Situation erfasst hatte, sann er auf Abhilfe. Woran denkt so ein Jude in erster Linie? Natürlich ans Geld! Das heisst — er denkt daran, dass die Gemeindeväter von Carne Dunja in erster Linie ans Geld denken. Herr Salomon Friedmann steckte also 130 Kronen in die Tasche, begab sich zum Bürgermeister und zu den beiden ersten Gemeinderäten und bat sie, „sie mögen ihn doch nicht als Juden zurücksetzen und ihn so behandeln wie die Andersgläubigen". Und als er sich von den drei kommunalen Grössen empfahl, drückte er jedem etwas in die Hand; und zwar, in weiser Abstufung des Würdenverhältnisses, dem Bürgermeister 100 Kronen, dem ersten Gemeinderate 20 Kronen und dem zweiten Gemeinderate 10 Kronen. Die Finger der drei Honoratioren schlössen sich verständnisvoll um das diskret Dargereichte. Wie sich selbst in einem so kleinen Orte wie Carne Durja Wunder ereignen können! Bei der nächsten Gemeindesitzung beschloss in einem seitsamen Stimmungswechsel die Majorität: Die Gesuche der beiden christlichen Bewerber werden ohne Beisatz befürwortet, das des Friedmann werde diesmal ebenfalls befürwortet, weil auch für diese Konzession ein lokaler Bedarf vorliege, allein es werde