Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 „bie # weit" Seite 13 grossen Teiles der galizischen Eierhändler) mit Ausweisungsmöglichkeiten etc. etc. Man staunt, dass in jüdischen Kreisen mit solchen Mitteln gekämpft wird. Die W ahl bedeutet mehr als „konservativ" oder „liberal", sie lässt klar die Scheidung in zwei soziale Schichten erkennen, hier Grosskapitalismus und Grossindustrie, dort die anderen sozialen Schichten. Die Bildung eines grossen jüdischen Volks verein es ist sofort in die Hand genommen worden. Folgendes Inserat fand sich am Tage vor den Berliner Repräsentantenwahlen im „B. T.a: Zur Autklärung! Repräse ntanten-Wahlen. Die Kandidaten des Zentralvereines für die Interessen der jüdischen Gemeinde sind konservativ, orthodox und sogar zionistisch; der Verein selbst steht in keiner Beziehung zu dem ähnlich lautenden, bekannten Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens! Wählt also nur die Kandidaten des liberalen Vereins! „Sogar* ist doch köstlich. Zionistisch »die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" als Abschreckungsmittel für Juden! Die Kultuswahlen in Brünn. Die Zionisten sind mit der Minorität von 3Q0 Stimmen unterlegen. Wir kommen auf diese Wahl noch zurück. Sie vollzog sich ebenbürtig der in Berlin, was Wahlmache der Liberalen betrifft. Die Wahlen in das Konsistorium von Frankreich. Die Neuwahlen zum jüdischen Konsistorium sind viel ruhiger vorübergegangen, als man erwarten durfte, da möglicherweise die diesmalige Wahl die letzte sein mag. Noch weiss man allerdings nicht, ob der Antrag auf Trennung von Staat und Kirche in der Deputiertenkammer durchgehen wird, eventuell aber dürfte das jüdische Konsistorium zu existieren aufhören. Die meisten Mitglieder sind ohne Wahlkampf wiedergewählt worden, nur in Algjer hat es einen Protest gegen das Wahlergebnis gegeben und in Paris war ein energischer Kampf zwischen den Anhängern des bisherigen Mitgliedes David Leon, Präsident der hiesigen portugiesischen Gemeinde, und Herrn Eliesar Lambert, Advokat am Appellationsgerichtshof, ehemaliger Rabbiner Lambert aus Metz. Der Kampf gilt nicht den Personen, sondern der von ihnen vertretenen Richtung, der sephardischen auf der einen und der orthodox-aschkinasischen auf der anderen Seite. Die letztere Richtung hat in der Person des Herrn Lambert den Sieg davongetragen. Im Zentralkonsistorium ist das Mitglied für Paris, Henry Aron, fast einstimmig wiedergewählt worden* ebenso im Pariser Konsistorium der Präsident Baron Gustav von Rothschild und der Vizepräsident Narcisse Leven, Vorsitzender der Alliance Israelite, der dem Konsistorium schon seit 31 Jahren angehört. Mitteilungen des Verbandes für Statistik der Juden« (Zentrale : Berlin-Halensee.) Dem Verband für Statistik der Juden ist es nach langwierigen Verhandlungen über die Beschaffung der pekuniären Mittel dank den Bemühungen seines Kuratoriums, an dessen Spitze Sanitätsrat Dr. Maretzki und Geh. Sanitätsrat Dr. Blumenthal stehen, gelungen, die von der letzten Plen arvers am mlung in Aussicht genommene Errichtung eines ständigen Bureaus für Statistik der Juden zu verwirklichen. Das Bureau, das seine Geschäftsräume in Berlin-Halensee, Westfälische Strasse 40, hat und von dem Nationalökonomen und Statistiker Dr. Arthur Ruppin geleitet wird, ist seit dem L Oktober 1904 in Tätigkeit und hat neben anderen Aufgaben die Bearbeitung des neuen Jahrganges des „Statistischen Jahrbuches des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes" und eine Untersuchung über den Anteil der Juden am Schulwesen in Preussen in Angriff genommen. Das Bureau wird (voraussichtlich schon vom 1. Jänner 1905 ab) eine „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" herausgeben, die neben monographischen Abhandlungen alle über die Juden in den einzelnen Ländern veröffentlichten statistischen Daten enthalten und auf diese Weise ein Archiv für die Statistik der Juden sowie ein Mittel zur Vorbereitung der angestrebten Demographie und Statistik der Gesamtjudenheit bilden soll. Die Errichtung eines fachmännisch geleiteten Amtes für die Statistik der Juden stellt den ersten bedeutsamen Schritt zu einer genauen Erforschung der sozialen Verhältnisse dar. Es ist zu hoffen, dass die Erkenntnis von der Wichtigkeit und Notwendigkeit dieser Forschungen sich vertiefen und in der Ausrüstung des Bureaus mit entsprechenden Mitteln seinen Ausdruck finden wird, damit das Bureau sich entwickeln und seiner Aufgabe in immer weiterem Umfange gerecht werden kann. Die jüdische Bevölkerung in den süddeutschen Bundesstaaten. In Württemberg leben unter 2,085.000 Einwohnern 12.500 Juden (=1,7%). Davon wohnen in Stuttgart (190.000 Einw.) 3200 Juden, in Heilbronn (40.000 Einw.) an 1000 Juden, in Cannstatt (30.000 Einw.) über 500 Juden, in Ulm einschliesslich Neu-Ulm (bayr.) unter 45.000 Einw. an 800 Juden. Die übrigen sind auf kleine Städte und Landgemeinden verteilt. Die Verwaltung der jüdischen Interessen im Königreich untersteht der „ Israeli tischen Oberkirchenbehörde". Ausserdem bestehen 13 Rabbinatsbezirke und das Stadtrabbinat Stuttgart. — Im Königreich Bayern leben unter einer Gesamtbevölkerung von 6,200.000 Seelen 60.000 Juden. Analog der Einteilung des Königreiches in acht Regierungsbezirke ist die Organisation der jüdischen Gemeinden aufgebaut. Ausser Oberbayern mit Münchens 9000 jüdischen Einwohnern hat Mittelfranken die stärkste jüdische Bevölkerung mit 13.500 Juden: davon haben Nürnberg (270.000 Einw.) 6700 Juden und Fürth (60.000 Einw.) 3100 Juden. Eingeteilt ist Mittelfranken in die Distriktsrabbinate Ansbach und Schwabach, das Rabbinat für Stadt und Distrikt Fürth und das Stadtrabbinat Nürnberg. Nächst Mittelfranken hat die stärkste jüdische Bevölkerung der Regierungsbezirk Pfalz mit 10.500 Juden (4 Bezirksrabbinate). Dann kommt der Reg.-Bez« Unterfranken mit 2400 Juden von 125.000 Einwohnern (6 Distriktsrabbinate). Die bedeutendsten Gemeinden sind Würzburg (80.000 Einw.) mit 3200 Juden, Schweinfurt (16.000 Einw.) mit gegen 450 Juden, Kissingen (5000 Einw.) mit 120 Juden und Aschaffenburg (25.000 Einw.) mit 620 Juden. Der Reg.-Bez. Oberfranken hat 3500 Juden unter 620.000 Einwohnern. Es bestehen 3 Distriktsrabbinate und das Stadtrabbinat Bayreuth (400 Juden), die grösste Gemeinde ist Bamberg mit an 1200 Juden.. Der Reg.-Bez. Niederbayern ist dem Distriktsrabbinat Regensburg unterstellt. Er hat unter 700.000 Einwohnern bloss etwas über 300 Juden. Im Reg.- Bez. Oberpfalz leben unter 570.000 Einwohnern 1500 Juden, davon in Zerstreuung 130. Hier bestehen zwei Distriktsrabbinate; die grösste Gemeinde ist hier Regensburg (50.000 Einw,) mit 600 Seelen. Der Reg.-Bez. Schwaben zählt 2100 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 180.000 Seelen. Es bestehen 3 Distriktsrabbinate, davon ist Augsburg (95,000 Einw.) zugleich Stadtrabbinat (1220 Juden) und Ichennausen mit 620 Juden zugleich Ortsrabbinat. Ausserdem befinden sich hier 4 kleinere Rabbinate, die von den Distriktsrabbinern verwest werden. — In Baden leben unter 1,900.000 Seelen 28X00 Juden. Die oberste jüdische Behörde im Grossherzogtum bildet der Grossherzogl. Oberrat der Israeliten. Es bestehen 12 Bezirks- und 2 Ortsrabbinate (Karlsruhe, Mannheim). Die giössten Gemeinden sind Mannheim (150.000 Einw.) mit 5G0O Juden, Karlsruhe (100.000 Einw.) mit 24.000 Juden, Heidelberg (42.000 Einw.) mit 900 Juder, Bruchsal (800 Seeler), Breisach (an 500Seelen), Freiburg i. B. (1100 Seelen), Konstanz und Pforzheim (je 600 Seelen). — Im Grossherzogtum Hessen wohnen unter 1400.000 Einwohnern 25,000 Juden. In den drei Regierungsbezirken bestehen 8 grossherzogliche Rabbinate, davon 3 im Reg.-Bez. Starkenburg, 1 in Oberhessen und 4 in Rheinhessen. Die grössten Gemeinden sind Mainz (90,000 Einw. davon 4400 Juden), Darmstadt (bei 75.000 Einw. 1400 Juden), Giessen (bei 28.000 Einw. 900 Juden), Bingen (10.0CO Einw., davon 600 Juden), Worms (45.000 Einw. davon 1250 Juden) und Offenbach (55.000 Einw., davon 1250 Juden). Wofür unsere Reichen Geld haben. Der „Berliner Vorwärts" geisselt treffend die christliche Pose unserer getauften oder vorläufig noch ungetauften Juden,indem er schreibt: «Herr, siehe dein Volk an! So möchte der wahre Christ ott ausrufen, wenn er vernimmt, dass der Teil der Bevölkerung, der nicht imstande ist, für die Mosaik der Kirche mit der weggemeisselten Kamelinschrift die einzig erwünschten grösseren Spenden zu geben, sich immer mehr von der Religion der Väter abwendet und dem glaubenslosen Umstürze huldigt. Noch blüht die zarte Blume inniger Glaubens- und Bekenntnisfreudigkeit, und wer je am praktischen Christentum gezweifelt hat, der soll sich jetzt die Liste der deutschen Männer betrachten, die sich beim Bau der Kirche zu Grunewald durch reiche Spenden hervorgetan haben. Orgel, Kirchenfenster, Kronleuchter, Taufgerät, Altar, Glocken, alles ist freiwillig dieser Kirche von christlicher (?) Hand gegeben worden. Unter den frommen Spendern werden jetzt offiziell genannt die Bankiers Franz und Robert Mendelssohn, der Bankier Neuburger, der Konsul Nachod und der Bankdirektor D e r n b u r g. Ist es zuviel gesagt, wenn wir behaupten, dass aller Religionsfeindschaft zum Trotz das deutsche Gemüt in den hier genannten Männern sich bewährt und der christlich-germanische Geist bei ihnen in strenger Rassenreinheit eine Pflegestatt findet?" l^SSiwm^