Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 „bi* & weit" Nr, 50 reichen. Hoch also die^rFahne Zions, die Zeit ist schon gekommen. Wir nahen ein Ziel, wir müssen alle kämpfen. (Allgemeiner Beifall.) Der Herr Oberrabbiner wurde vom Präsidenten Herrn Rabbiner Dante A. Lattes mit einer schönen Rede begrüsst. Personalnachrichten. Unser Gg. M. U. Dr. Heinrich Siegfried Loebl, emerit. Assistent am k. k. Kaiser Franz Joseph-Spitale hat sich in Wien, L Kaiser Ferdinands- Platz 2 (Adlergasse 16) etabliert. (Innere und Nervenkrankheiten). Todesfälle. Der Vater unseres Gesinnungsgenossen Dr. Max Kleinberg, Herr Advokat Dr. Joachim Kleinberg, ist am 3. Dezember in Teschen verschieden. Er erfreute sich allgemeiner Achtung. Ehre seinem Andenken! — Am vergangenen Samstag starb in Frankfurt a. M. der rühmlichst bekannte Talmudforscher Rabbi Elias Rubinstein s. A. Rabbi Elias Rubinstein stammt aus einer der vornehmsten Gelehrtenfamilien Russlands. Er war ein Urenkel des „Wilnaer Gaon", Vor mehr als dreissig Jahren kam er hierher und lebte ausschliesslich dem Thorastudium. Er stand mit den Grössten seiner Zeit in regem Briefwechsel und erfreute sich grosser Wertschätzung. Von der grossen Verehrung, der sich der Verblichene hier erfreute, legte das am Sonntag stattgefundene Leichenbegängnis beredtes Zeugnis ab. — Freitag den 18. d. M. fand in Wien das Leichenbegängnis des Herrn Rabbiners Marcus Liebmann statt, der im 85. Lebensjahre verschieden ist. Der Verstorbene erfreute sich wegen seiner grossen Gelehrsamkeit, seines selten grossen talmudischen Wissens, seiner Frömmigkeit und Bescheidenheit der allgemeinen Hochachtung. Er war 22 Jahre Komitatsrabbiner in Leva, dann 30 Jahre Rabbiner im Bethause II., Hammer-Purgstallgasse 6. Viele hundert Leidtragende folgten dem Sarge. Ehre seinem Anden ken! Bücherwelt. Hermann Steinbach: Dunkle Stunden. Gedichte. Dresden, 1904, Piersons Verlag. Wenn ein junger Mann Gedichte schreibt, sind sie gewöhnlich traurig. Die Gedichte eines unreifen Dichters oder noch besser eines, der kein Dichter ist, sind nicht der innere Ausdruck seines wiiklichen Charakters, seires Seelenlebens. Es ist ein Nebel, ein Chaos von Stimmungen, die dem Dichter selbst noch nicht ganz klar sind, die er falsch deutet. Das erste Zeichen eines mittelmässigen Talentes ist die allzugrosse Subjektivität, die allzu düstere Stimmung seiner ersten Gedichte. Vor uns liegt ein Band Gedichte. Meistens sehr kleine, unbeaibeitet der Foim nach, unkünstlerisch. Aber Seele haben sie dennoch. Bitter, düster ist die Stimmung, die diesen Gedichten zugrunde liegt. Wir zitieren das einleitende Gedicht, das Leitmotiv der ganzen Sammlung : Abends, wenn die Sterne schimmern, In den Häusern Lichter flimmern, Geh' ich einsam meinen Gang Weltentfremdet, seelenkrank, Wieder ist ein Tag geschieden, Sanft vom Westen eingewiegt, Manchmal leis' an mir hinieden Seine Spur vorüberfliegt Und verklingt Und verzittert und versinkt. Stille! Wie des nichtigen Käfers Surren Sind vorbei des Tages Spuren Sind vorbei--- Dieses Gedicht ist die Probe der Kraft und des Dichter* Vermögens unseres Schriftstellers. Dasselbe Motiv klingt in allen Liedern wieder — ziemlich eintönig. Aber doch findet der Dichter manchmal einen wirklichen innigen Ton. Ein kleines Gedicht: „Mutter, gib mir Tränen" ist gut, weil es kurz, aufrichtig, tiefempfunden ist. Nur an Form, an künstlerischer Reife fehlt es allen Gedichten seiner Sammlung. Keine Musik der Worte, keine Farbenschönheit der Bilder. Auch den traurigsten Empfindungen kann man künstlerische Formen verleihen. Siehe Verlaine, Baudelaire. Die Gedichte sind sehr urgleichmäseig. Ziemlich gute stehen neben sehr, sehr massigen, in denen auch die Trauer keine echte ist. Manche erinnern an Vorbilder, lassen zu viel von Nachbildung spürer. Aber ein Grundton dominiert trofzdem in allen Gedichten — eine echte Schwermut. Ob dieses Gefühl den jungen Dichter zum wirklichen Dichter machen wird, oder im öden, trüben Nebel des Lebens verschwinden wird im Leben, wo alles leer und trüb ist — wird die Zukunft zeigen. Denn das ist ja das Kennzeichen des Dichters, dass er sein Gefühl aus dem Gewirr der ihn umgebenden Welt herausschälen, differenzieren, in Kunst verwandeln kann. „Mir flüstern nachts die gold'nen Sterne Ins Ohr manch seltsamschöne Mär, Die ich begraben tief im Herzen; Es ist schon lange, lange her. Und in das Herz die Sterne lugten Und raubten mein Geheimnis fort Und trugen es bis in den Himmel, Die Wunde klafft — das Herz verdorrt. Dort webten sie für mein Gedächtnis Aus Träumen einen Baldachin; Schau ich hinauf in stillen Nächten, Geht's wie im Traum durch Herz und Sinn." (70.) Ein Traum — jeder, der sich sehnt, träumt, jeder der leidet, träumt — wie er aber den Traum gestaltet — das ist die Dichterkraft, das Merkmal des Poeten--- Cor. Abraham Reisen: emso pp Gesammelte Erzählungen für die Jugend.Verlag„Haoi % W ars chau 5665 (hebräisch), Abraham Reisen ist den Lesern wohl bekannt, als Jargon dichter, als einer der Beliebtesten und Gelesensten. Im vorliegenden Bändchen stellt ersieh uns mit einer Sammlung von hebräischen Skizzen vor, von denen wir uns wohl erinnern, manches im Jargon gelesen zu haben, aber auch im Hebräischen haben sie alle Vorzüge, die wir gewohnt sind, in Reisens Jargondichtungen zu suchen und zu finden. Originalität der Erfindung bei höchster Anspruchslosigkeit und Einfachheit, dichterisches Empfinden ohne auffällige Deklamation, Treue und Wahrheit in der Beobachtung, wie sie nur wahren Dichtern gegeben ist. Diesmal hat sich Reisen die Kinderwelt zum Gegenstande seiner Beobachtung auserwählt und er bietet uns in einer Reihe von Bildern ein treues Gemälde von dem traurigen, kleinlichen und kümmerlichen Dasein der Kleinen und Grossen in der Judengasse, in der Familie, im Cheder, im Bethause, in den schönsten poetischen Farben ausgeführt. Das Bild eines Jungen, der die freie Luft, den blauen Himmel und den Glanz der Sterne liebt, den aber der ernste, verstimmte Vater in die Stube hetzt und ihm nicht einmal gestattet, durch die Spalte im Fensterladen in das Freie hinauszublicken; die zwölfjährige „Resele*, di-3 in Dienst gehen muss und in der ersten Nacht nicht einschlafen kann im Bewusstsein, dass daheim niemand da sei, der ihrer kranken hustenden Mutter ein Glas Wasser reichen könnte; der unglückselige Chaim der Melamed, der neben seinem pädagogischenBerufe auch noch Beugelbacken muss, dem aber die Armut trotz der beiden Berufe nicht gestattet, zum Frühstück einen Beugel zu kosten, wenn nicht zufällig — ein ^glücklicher Zufall11, —ein Stück durch Verbrennen oder durch Besudelung in der Ofenasche unbrauchbar gemacht wurde — das sind die Typen, die Reisen mit grossem Geschick zu schildern vermag. Auch die Chederstreiche, wie das „Badengehen" im Sommer oder der Ulk gegen den „Melamed", der den „Akdomauth" nicht verdeutschen kann und von seinen Schülern dennoch zu dieser bitterherben aramäischen Lektüre gezwungen wird, sind reizende Geschichten voll gesunden Humors, die nicht allein die Kleinen, sondern auch Grosse mit Vergnügen lesen werden. M. B. We1f«^broi)il<. Jerusalem. Es wird hier an die Errichtung einer Augenklinik in Verbindung mit einem neuen Hospital geschritten. Ein Spezialist soll aus Europa berufen werden. Die Kosten, auf 26.0CO Francs pro Jahr berechnet, sollen durch milde Gaben bestritten werden. Derzeit zählt die heilige Stadt vier grosse Jeschiboth, drei Schulen, ein Alters* versorgungshaus, eine Irrenanstalt, ein Blindenasyl, drei Waisenhäuser, drei Kindergärten, eine Freiapotheke mit zwei Armenärzten und drei Hospitäler, die alle von Wohltätigkeitsgeldern erhalten werden. Die Liste wird nun in Bälde um einen Ngmen veimehrt werden. Hazioni. Die Kultuswahl in Berlin. Bei den hiesigen Repräsentantenwahlen wurde die liberale Liste mit zirka 5000 Stimmen gewählt, während für die aridere Liste 3000Stimmen abgegeben wurden. Die Wahlbeeirflussung und der Terrorismus, der auf Seiten der Sieger ausgeübt war, spottet jeder Beschreibung. Wahlkreisgeometrie, Beeinflussurg der Angestellten, der Kundschaft;mit Hinweis auf Fazilitäten beimKredit, Kirremachen von vielen ausländischen Juden (zum Beispiel eines