Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316124--46380-3341231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „bie # weit11 Nr. 50 paar national fühlenden Juden sich ärgern werden — wer schert sich darum. Das britische Reich ist so gross, die Ozeane, die das ^Empire" umspülen, tosen so laut, dass diese schwachen Stimmen überhört werden können. Und das Elend der jüdischen Massen? Nun, was geht das die Engländer an? „Chacunpour soi, Dieu pour tous% sagt der Franzose. Das sind die Aussichten der Auswanderungsbill. Besonders tröstlich sind sie wahrlich nicht. — Einstweilen leiden die Auswanderer, die nach England kommen, Hunger und Not. Es ist ein Elend, wie man sich kaum eine Vorstellung davon machen kann. In Liverpool wurde eine Partie von Emigranten angehalten, weil viele unter ihnen an Trachom litten. Das Elend unter den armen Leuten war unbeschreiblich. Wäre nicht Lord Rotschild mit einer Spende von 100 Pfd. Sterl. zu Hilfe gekommen — es bliebe den Armen nichts übrig, als auf der Strasse zu sterben. Aber was hilft es, einer kleinen Gruppe vom Emigranten zeitweilig zu helfen, die Tage der schweren Leiden zu verlängeren? Die Frage ist zu ernst, zu schwer, als dass man sie auf diese Weise lösen könnte. Lösen heisstj radikal helfen — das muss die Politik unserer leitenden Juden, „leading Jews", sein. Es ist die höchste Zeit, — etwas zu tun, schaut zu, dass es nicht zu spät wird. Das Volk leidet und duldet — wenn die Leiden zu gross werden, wenn die Last des Lebens zu schwer wird, dann wird es zu hassen beginnen — und der Hass eines Volkes ist fürchterlich — merkt es euch, ihr grossen Juden, bevor es zu spät ist. --- Spectator. Der jüdische Bssitzstand. Einer unserer „Grössen" hat der Lemberger Bürgerschaft im Laufe der letzten Tage eine Ranz, merkwürdige Ueberraschung bereitet. Unseren Brüdern aus dem Westen, welche die Lieht- und Schattenseiten eines galizischen Eldorados schon vielfach aus den Werken der Franzos und Sacher-Masoch, aus den Schilderungen der Daszynski und Pemerstoricr kennen gelernt, bleibt noch manches verborgen, das man mit eigenen Augen sehen« mit eigenen Ohren hören muss, um es zu wissen. Dass Tote unerwartet ihren Gräbern entstiegen und an politischen Wahlen unter der Patronanz berüchtigter Wahlniacher teilgenommen, dass in völlig gesunden Ortschaften einige Stunden vor Beginn einer politischen Versammlung ganz plötzlich gefährliche Epidemien ausbrachen, mag schliesslich auch in anderen minder zivilisierten Ländern vorgekommen sein. Wo aber hat man es gehört, dass sich elivflussreiche jüdische Notabein dazu missbrauchen Hessen, ein jahrelang kraft einer bestehenden jüdischen Majorität in jüdischen Münden befindliches Reichsratsrnandat für die nach dem Wunsch einer Eamilienclique zu vollziehende Besetzung eines — jüdischen Matrikenführerpostens (!) zu verschachern? Es will schier unglaublich klingen und ist doch leider zu wahr, was sich eben in unserer Mitte zugetragen, ein Vorfall, der die Entrüstung aller ehrlich Denkenden hervorgerufen hat. Kurz nach dem Ableben des Abgeordneten Piepes-Poratynski (Vertreter der Lemberger Handels- und Oewerbekammer) wurde die Erage der Nachfolgerschaft im Rahmen der lokalen Publizistik zur Diskussion gestellt. Im Hinblick auf die Majorität der jüdischen Kammerräte wurden in ersterLinie jüdische Kandidaturen zur Sprache gebracht. Die polnische Tagespresse, die sonst allen jüdischen Aspirationen feindselig gegenübersteht, beobachtete in diesem Falle eine gewisse durch die faktischen Verhältnisse gebotene Reserve. Anders die jüdischen Grosspolitiker. Jüdischer Besitzstand und jüdische Interessenvertretung mögen sonst ganz nette Dinge sein, sie sollten jedoch diesmal zurücktreten, weil es sich um die Befriedigung persönlicher Familieninteressen handelt. Der bisherige Stadtpräsident von Lemberg, Dr. Malachowski, ist amtsmüde. Die Fama behauptet freilich, dass der Gemeinderat seiner überdrüssig geworden. Da nun Neuwahlen für die nächste Zeit bevorstehen, musste beizeiten an die würdige Plazierung eines so hohen Herrn gedacht werden. Der Zufall will es nun, dass am 30. November der Bewerbungstermin für die Verleihung des jüdischen Matrikenamtes in Lemberg ablief. Unsere Leser dürften nun neugierig nach einem Kausalnexus zwischen der Amtswirksamkeit des Stadtpräsidenten und der Führung der jüdischen Geburts- und Sterberegister ausschauen.. Die Lösung der Frage erscheint nicht allzu schwierig. Herr Samuel von Horowitz spielt in der Lemberger Handelskammer die erste Geige. Seine Wahl zum Präsidenten ist gesichert, das Abgeordnetenmandat war ihm ebenfalls angeboten worden, v. Horowitz ist jedoch gewohnt, seinen Verwandten Gefälligkeiten zu erweisen. Und da sich gerade eine Person aus dem Familienkreise um den besagten Posten, dessen Besetzungsrecht dem Bürgermeister zusteht, bewirbt, so kommt nachfolgender Pakt zustande: 1. Dr. Malachowski verpflichtet sich, Herrn X. zum Matrikeuführer zu ernennen. 2. Samuel v. Horowitz nimmt es auf sich, bei der Reichsratswahl im Plenum der Handelskammer die Mehrheit der Stimmen auf Herrn Malachowski zu vereinigen. Es bedarf nach dem obigen keiner weitläufigen Kommentare, um die Gesinnungstüchtigkeit unserer jüdischen Führer zu kennzeichnen. Wir haben es längst aufgegeben, die Taten derselben auf ihre ethische Grundlage hin zu prüfen. Die neueste Mache des Herrn v. Horowitz hat jedoch den Beweis erbracht, wie wenig diese Herren davor zurückschrecken, durch egoistische Vertretung ihrer Privatinteressen erworbene jüdische Rechte preiszugeben. Wir sind weit davon, in unseren bisherigen jüdischen Abgeordneten Ideale jüdischer Volksvertreter zu erblicken. Dies berechtigt jedoch keineswegs die Einflussreichen von heute, über den Kopf des jüdischen Volkes hinweg Abgeordnetenmandate preiszugeben. Fällt ja leider das Chilulhaschem fast immer auf die jüdische Allgemeinheit zurück, während di'e Matadore gegen alle Anwürfe unempfindlich bleiben. B e n Z i o n. Krakauer Brief. Der erste Ruf zur „Autoemanzipation", der seinerzeit an das Gesamtjudentum ergangen war, fand bei uns in Galizien schon frühzeitig geneigte Ohren und brachte eine ziemlich rege Tätigkeit hervor. Während Lemberg jedoch bereits seit dem Anfange der achtziger Jahre ein wichtiges Zentrum bildete und fast 15 Jahre selbstständig die nationale Agitation in Wort und Schrift betrieb und dadurch einen bestimmenden Einfluss auf die Verbreitung der zionistischen Idee in ganz Galizien ausübte, blieb Krakau noch lange die Hochburg der Assimilation. Zwar hat bei uns auch Braudes vorübergehend gewirkt und der erste zionistische Bürgerverein ist bereits im Jahre 1893 entstanden, es fehlten jedoch die Männer, die mit energischer Hand die Agitation in Angriff nehmen und sie bewusst und kontinuierlich fortführen konnten. Erstlin der zweiten Hälfte der neunziger Jahre haben „Der Jud" und der 1898 entstandene akademische Verein „Przedswit-Haschachar" den Boden für eine gedeihliche Entwicklung vorbereitet und heute gehört Krakau samt dem ganzen ihm unterliegenden Rayon zu den st ärksten Organisationen Oesterreichs. Der am 27. November abgehaltene Distriktstag bot uns Gelegenheit, einen Einblick in den Stand der Bewegung zu gewinnen, und wir wollen im nachstehenden einiges davon mitteilen. Der Distriktstag wurde vom Obmann Dr. Goldwasser eröffnet Er hält Dr. H e r z 1 einen Nachruf, den die Versammlung stehend anhört, und begrüsst die erschienenen Delegierten (35) und den Vertreter des Lokalkomitees Herrn O. F. W a s c h i t z.