Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316124--46379-3341230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 50 „bi* # Weit1' Seite 5 Aus England. Ich habe im vorigen Briefe begonnen, über die Antialienpolitik zu' schreib an. Es war die Zsit, wo man in England eine schwere Komplikation der internationalen Verhältnisse allgemein befürchtete. Einmal war es Bussland» von dem man Feindseligkeiten erwartete, dann war die Aufmerksamkeit auf die indische Grenze gerichtet. Es war eine Zeit der Spannung und der Unsicherheit. Aber der Sturm hat sich gelegt. Lord Landsdownes Rede hat die Gemüter beruhigt. Mit Rassland gibt es keinen Krieg mehr. Mit Frankreich wurde ein Vertrag abgeschlossen, Portugal knüpfte sich noch enger an Britannien, indem Dom Carlos König Eduard einen feierlichen Besuch abstattete. Und der Empfang des lusitanischen Königspaares war ein prachtvoller. Ein kleines Land, das eine grosse Vergangenheit hinter sich hat, das einst das stärkste Kolonialreich war und jetzt so tief gesunken ist, schmiegt sich an die Brust des mächtigen britischen Löwen — und der grimmige Löwe streichelt den schwachen Freund, nimmt ihn unter seinen Schutz. Natürlich nicht ganz aus humanen Gründen* England will sich ja die Küste der pyrenäischen Halbinsel sicher halten. Und wenn Gibraltar nicht ganz sicher ist —. Oporto wird immer englischer. Da könnte man historische und politisch-philosophische Betrachtungen anstellen, Sidon und. Jerusalem — das ist Lissabon und London. London konnte nur dann stark werden, als Lissabon schwach wurde. Walter Raleigh, Warren Hastings, John the Navigator hätten nicht aufkommen können, wenn Vasco de Gama und Magelhaens in der portugiesischen Geschichte sich auch weiter fortgeerbt hätten, wenn Portugal ebenso stark geblieben wäre, wie es einst war. Aber der Fanatismus, die religiöse Unduldsamkeit, die immer ein Zeichen einer unklugen Politik sind, haben das blühende Land zu einer Ruine gemacht Dasselbe ist ja auch mit Spanien der Fall. Wäre Spanien nicht an der grausamen Amputation, die Ferdinand der Allzukatholische an ihm vorgenommen hat, indem er die Juden und die Mauren verbannte, zugrunde'gegangen, das schöne Kastilien hätte vielleicht die Primgeige im europäischen Konzert gespielt. ' Spanien hat es nicht verstanden und hat der ganzen Welt eine ungeheure Anzahl von Kräften gegeben, die ihm selbst hätten zunutze kommen können. Um ein Beispiel aus vielen herauszugreifen: Ich will nicht auf die bekannten Persönlichkeiten der politischen und literarischen Welt hinweisen, die von spänischen Juden herstammen. ' Aber eine Tatsache dürfte wohl den meisten Lesern unbekannt sein, die ich vorführen möchte. Lady Blenn er-Masset erzählt uns in ihrem neuesten Buche über den berühmten Kardinal New man die Geschichte dieses bedeutenden Mannes, der für das religiöse England epochal, ist. Er hat ja den Katholizismus in England eingeführt! Und nun stellt es sich heraus, dass dieser Kardinal, früher Hochkircbler in hervorragender Stellung, dann purpurtragender römischer Prälat, ein Judenstämmling ist, und zwar ein Nachkomme einer aus Spanien geflüchteten jüdischen Familie. Es ist nicht etwa ein Stolz für das Judentum, dass wir der christlichen Kirche ubique terrarum ihre besten Stützen geben — Neander, Franz Delitzsch, Herschell,' Ratisbonne u. s. w. — aber es ist ein interessanter psychologischer Beitrag zur Kenntnis der jüdischen Psyche. Aber .!. . ich komme ja vom Hundertsten ins Tausendste. Ich will auch nicht öde Politik treiben. Politik vom höheren Standpunkte aus betrachten — Politik im Zusammenhang mit der Geschichte, mit der Vergangenheit und' der Zukunft des Volkes, solche Politik" kann sich nicht bloss an die Worte dieses oder jenes „Politician", dieses oder jenes „Member of Parliament" halten. Und das ist ja auch der Fehler unserer meisten jüdischen Politiker in England. Sie wollen nicht weiter als über ihre Nase blicken. Unser Freund Lucien Wolf, der „Diplomaticus" von der „Contemporary Review" ist ein weit]ausgreifender Staatsmann, sobald es sich um irgend eine internationale oder englisch-politische Frage handelt. Die Judenfrage aber behandelt er wie eine „kommunale* Frage, er, der Historiker! Aber wir sind an Widersprüche ja gewöhnt. Noch eine kleine Betrachtung lässt sich an den portugiesischen Besuch in London knüpfen. Man hat auf dem letzten Kongresse behauptet, Uganda werde eine jüdische Kolonie sein, die Metropole werde dann nachkommen. Die Theorie mag ja sehr geistreich sein, es mag ja als Paradoxon schön klingen, wenn man behauptet, bei Juden gelten einmal die gewöhnlichen Gesetze der Soziologie und der Politik nicht. Aber wahr muss es deswegen noch nicht sein. Die Geschichte Portugals lehrt es uns recht anschaulich. Eiae schwache Metropole kann keine Kolonien haben, kann die einmal in Besitz genommenen nicht behalten, nicht kulturell beeinflussen, um so mehr wenn es gar keine Metropole gibt. Dann ist es a fortiori oder, wieman bei uns Juden sagt, „al achas kama ukama* anzusehen, dass die Kolonie nicht gedeihen werde. Und tatsächlich ersehen wir aus den Berichten aus Amerika, dass Mr. Zangwills Apostolat für Uganda unter den amerikanischen Zionisten keinen grossen Anklang findet. Ja die Zionisten jenseits des Ozeans sind ziemlich enttäuscht Sie haben ja erwartet, dass der grosse Wortführer des Zionismus etwas mehr Rücksicht auf das urjüdische Ideal nehme. Eine Kolonie zu gründen, ohne eine Metropole zu haben, ist, wie wenn man einen Nagel kaufe, bevor man sich die Lampe angeschafft hat. Und nun komme ich auf die innere englisch-jüdische Politik zurück. Wie bekannt, ist der Streit für und gegen Chamberlain wieder heftig geworden. Duke of Devonshire, Sir Campbell-Bannerman haben grosse Reden gegen das System der Imperialisten gehalten. Balfour schwankt wie immer. Auch die Chamberlainpartei rüstet sich. Eine Rede- und Presskampagne beginnt. Balfours Stellung wird von Tag zu Tag prekärer. Noch ist unbekannt, welche von beiden Parteien den Sieg davontragen werde — die freihändlerische oder die schutzzöllnerische. Eines ist klar, Balfour wird sich nicht lange halten. Mit Balfour stürzt auch die Antialienbill, deren Befürworter er war. Betrachten wir aber, welche Aussichten die Bill im Falle eines Sieges einer der Hauptparteien Englands haben wird. Behält die Partei Chamberlains die Oberhand, die imperialistische, die exklusive, welche England aus dem alten Rahmen iher toleranten, freien, etwas sentimentalisierenden Politik herausreissen will, welche Macht über Recht stehen will — dann ist ja das Geschick der Einwanderer besiegelt. Die Antialienbill ist ja ganz im Geiste der Schutzzöliner. Denn heisst es einmal: wie du mir, solch dir, ist einmal das Prinzip der „Retaliation", der Wiedervergeltung, zur Basis der fiskalen und internationalen Politik Britanniens gemacht, dann heisst es auch in der Frage der Einwanderung: Lässt Russland, sagen wir, die englischen Juden frei eil wandern, lassen wir auch die russischen Juden zu uns herein, oder „haust du meinen Juden, haue ich deinen". Das ist ja „Retaliation". Angenommen nun der Fall, die Liberalen, die Unionisten hätten gesiegt — was ja auch kaum wahrscheinlich ist — dann, auch dann würde die Antialienbill durchgesetzt werden. Denn ganz starr an den alten Doktrinen des „Freetradertums", können auch die Anhänger von Lord Rosebery und Sir Campbell Bannerman nicht halten. Eine Konzession müssen sie schon den Imperialisten machen. Und braucht man einen Sündenbock — dann ist ja der „Alien", der arme polnische Jude, das beste Objekt dafür. Es wird sich ja keine Seele aufregen darüber — nicht einmal Mr. Louis Si n cl a i r. Und wenn auch die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.