Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 fJbie * weit11 Nr. 50 Sehr wichtig ist der Umstand, dass die Tätigkeit der Gesellschaft mit verhältnismässig geringen Kosten" verbunden ist. Durchschnittlich wurden auf jeden Emigranten (wiiel aus dem Bericht für 1902 ersichtlich) nicht mehr als 15 oder 30 Dollars ausgegeben. Von diesen kommt ungefähr die Hälfte auf -die Uebersiedlungskosten für den Emigranten bis zum Bestimmungsorte, die andere Hälfta bilden allgemeine oder administrative Kosten, die hauptsächlich auf die Unterhaltung der Arbeitsnachweisbureaus und -Agenten verwendet werden. Die Arbeitsmethode der Gesellschaft war folgende: Einerseits bemühte sie sich, unter dem N>öw Yorker Proletariat eine genügende Anzahl von solchen aufzufinden, die geneigt wären, Überzusiedeini. Infolge der oben angeführten Ursachen ist dies keine leichte Aufgabe. Andrerseits findet sie mit Hilfe ihrer Agenten, ihrer Bureaus und freiwilliger Korrespondieinten in anderen Städten, wohin die Gesellschaft ihre Klienten zu dirigieren die Absicht hat, für letztere Beschäftigung, die den Eigenschaften der Klienten entsprechen. Sodann führt sie die Emigranten dortnin über, wo für dieselben Anstellungen bereits in Aussicht genommen sind. Die Praxis bewies aber der Gesellschaft, dass diese Methode nicht immer zweckentsprechend ist. Infolge der weiten Entfernungen nimmt die Korrespondenz und die Ueberfahrt so viel Zeit in Anspruch, dass, bis die'r Emigrant endlich am Bestimmungsort ankommt, die in Aussicht genommene Stelle sich bereits als besetzt erweist. Indessen ist in den schnell emporblühenden Städten der Vereinigten Staaten eine stete und immer wachsende! Nachfrage nach Arbeitskraft vorhanden, wobei die individuellen Eigenschaften den Arbeiter wenig in Betracht kommen. Aus diesem Grunde begann die Gesellschaft eine neue Methode der Plazierung ihrer Klienten in Anwendung zu bringen. Sie errichtete in vielen Städten, wo beständige Nachfrage nach Arbeitern herrscht, Bureaus oder besoldete Agenten für Arbeitsnachweis. Jedem dieser Agenten wird monatlich eine bestimmte Zahl (die durch Erfahrung festgestellt wird) arbeitsbedürftiger Emigranten zugewiesen und der Agent verhilft ihnen, binnen kurzer Zeit zu einer Anstellung. So segensreich die Tätigkeit der Removal Office auch ist, ist sie immerhin noch ungenügend zu nennen. Zur Verbessern ig der Lage der schon ansässigen konzentrierten Auswanderermassen, zur Beseitigung der Gefahren, die der Emigration von d'ern nicht aufhören wollenden Andränge der Auswanderer in den Zentren entstehen .könnten, bedarf es einer bedeutenden Erweiterung dieser Tätigkeit. Was bedeuten 5—6000 jährlich in andere Städte Uebersiedelnder, wenn jedes Jahr 60 000 Juden neu ankommen, von denen 70% in New York allein bleiben. Für die russichen Juden speziell ist dieses Verhältnis noch ungünstiger: während sie von sämtlichen ankommenden Juden zwei Drittel stellen, finden wir sie als Klienten der Removal Office mit nur einem Drittel vertreten. Auf 40 000 jüdische Auswanderer aus Russland kommen also jährlich weniger als 2000, die mit Hilfe der Removal Office übersiedeln. Wie es scheint, wird die Tätigkeit der amerikanischen Gesellschaft in ihrer Entwicklung hauptsächlich dadurch behindert, dass sie unter dem Proletariat, welches in den Haupt- Zentren bereits irgendwie Wurzel gefasst hat, nicht die genügende Zahl von solchen findet, die auf einen neuen Ort überzusiedeln bereit sind. Dieser Umstand veranlasst diie Gesellschaft; ihre Klienten vorwiegend unter den eben angekommenen Emigranten zu suchen, welche die Gesellschaft mit allen Mittein zu überzeugen sucht, wie nachteilig es für sie werden müsse, sich in den von Juden schon dicht bevölkerten Städten niederzulassen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass es viel zweckmässiger wäre, schon viel früher zu beginnen, die Emigranten in dieser Beziehung aufzuklären, und zwar in ihrer alten Heimat. Dort könnte diese Tätigkeit von grösserem Erfolge begleitet sein, indem der Emigrant von solchen Personen belehrt werden würde, die ihm persönlich nahestehen und auch einen gewissen Einfluss auf ihn haben. (Fortsetzung folgt.) Ein Interview mit Lord Hindlip Ein Keuterscher Vertreter interviewte Lord Hindlip, der soeben von einer sechsmonatlichen Reise in Ostafrika zurückkehrte, über die ostafrikanischen Verhältnisse und erhielt dabei manche Auskunft, die auch allgemein von Interesse sein dürfte. So sagt Lord Hindlip beispielsweise, dass Mombasa grosse Portschritte mache. Es sei ein wertvoller Punkt nicht nur für Engliseh- Ostafrika, sondern auch für Deutsch-Ostafrika und den Kongo. Was nötig ist, ist eine gute englische Dampfschifffahrtslinie, die mit keinem anderen Dampfschiffsrerbande in Verbindung steht, und die dazu dienen kann, die augenblicklichen Frachtsätze herabzusetzen. Selbst unter Deutschen würde eine derartige Linie willkommen geheissen werden, denn sie sind nicht zufrieden mit dem tatsächlichen deutschen Monopol, das augenblicklich besteht. Ueber Deutsch-Ostafrika berichtet Lord Hindlip ferner noch: „In Deutsch-Ostafrika werden grosse Anstrengungen gemacht, Baumwolle zu gewinnen. Ein Baumwollsachverständiger ist soeben aus Amerika eingetroffen und in einigen Distrikten werden die Eingeborenen zum Baumwollbau gezwungen. Die Regierung kauft die Baumwolle. Grosse Summen wurden von Seiten der Regierung auf den Bau von Wegen und vorzüglichen Gebäuden verwendet, und es ist zu hoffen, dass die Regierung grosse Vorteile aus ihren energischen Massnahmen in dieser Beziehung erzielen wird/ Lord Hindlip kam sodann auf den Plan einer Burenansiedlung in Deutsch-Ostafrika in der Nähe der englisch-deutschen Grenze zu sprechen. Er sagt darüber: „In Deutsch-Oätafrika hat mit Bewilligung und Unterstützung der deutschen Verwaltung eine bedeutende Burenbewegung begonnen. Soweit ich die Sache verstehe, haben die Buren die Absicht, eine halb unabhängige Kolonie zu gründen in einem Distrikt, der ihnen von der deutschen Regierung westlich vom Kilimandscharo in der Nähe der englischen Grenze zugestanden wurde. Es haben sich bereits einige 20 Familien auf dem Lande niedergelassen und es sind Anzeichen dafür vorhanden, dass die Tendenz dieser Ansiedler, über die Grenze in die Reservate auf britischem Gebiete einzudringen, der britischen Verwaltung manche Sorge bereiten wird/ Ueber die Uganda-Eisenbahn, die auch für Deutsch-Ostafrika von Einfluss sein dürfte, äusserte sich Lord Hindlip wie folgt: „Wenn das Land (er meint in diesem Falle Britisch-Ostafrika) wirklich eine erfolgreiche Kolonie sein soll, so sind drei Ergänzungsbahnen zu der Ugandabahn demnächst notwendig. Eine Linie müsste bei Mombassa abzweigen nach Tana hin. Sie würde an der Küste entlang gehen und die Distrikte berühren, die für Baumwollbau, Kokosnussfaser und Zimmerhölzer in Aussicht genommen sind. Sie würde ausserdem den beträchtlichen Küstenhandel zu besorgen haben. Eine andere Zweiglinie müsste von Voi an der Ugandalinie nach Kilimandscharo gehen, um die deutschen Märkte anzuzapfen,und eine dritte wäre von Nairobi durch das Kikujugebiet zu leiten".. . Der Betrieb der Ugandabahn hat sich nach Ansicht Lord Hindlips sehr gebessert, aber es ist neues rollendes Material erforderlich, da das vorhandene Material zu alt ist und den Anforderungen der Linie, die jetzt anfängt, die Betriebskosten einzubringen, nicht entspricht. Das für die Zionisten reservierte Gebiet berührt Lord Hindlip nur ganz kurz, indem er sagt: „Das für die Juden reservierte Gebiet ist immer noch für alle Ansiedler geschlossen und da man nichts von der Ankunft von Zionisten hört, fangen die Leute an, sich darüber zu wundern, wie lange man noch eines der besten und gesündesten Gebiete in dem Protektorat unbenützt liegen lassen wird."