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Die Welt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 995ic # weit11 Seite 3 schränkt, um freigebig gegen seine Liebe sein zu können. Eine bedeutende Einschränkung allerdings ist nicht jedermanns Sache und auch nicht in der Grundidee des Nationalfonds enthalten. Aber gedacht ist der Nationalfonds als Aufbau von Beiträgen, die von den Juden nicht gezahlt werden sollen, sondern müssen. Für so verkommen halten wir die Juden nicht, dass sie Hand und Herz verschliessen, wenn es sich darum handelt, verfolgten und bedrängten Brüdern eine Heimstätte zu schaffen. Ein Minimum, ein Nichts, die äusserste Grenze des Zeichens erfüllter Pflicht wird gefordert, diese aber regelmässig. Der Nationalfonds muss von den Juden als gewisses Geld ausgestattet werden. Muster dafür sind die allwöchentlich erscheinenden Ausweise der Wiener Verbindungen und einiger Wiener Familien, die mit Buchstaben angedeutet sind. Nehmen wir nach diesem Muster Wiznitz. Vier Wiznitzer Familien weisen jede vierte Woche K 1.60 aus. (20 Köpfe a 2 Heller wöchentlich.) Zehn Londoner Studenten weisen jede sechste W7oche K 1.20 aus. — Das aber ist es, was verlangt wird: Das regelmässige Rendezvous aller Zionisten in gewissen Zeiträumen in den Ausweisen des Nationalfonds in der „Welt". Eine Vorschrift von Bedeutung: Jede so gebildete Spendergruppe für den Nationalfonds hat einen Sammler, der für die Regelmässigkeit der Eingänge sorgt. Der Tag, an dem diese Heerschau des Nationalfonds zu imposanter Grösse aufwächst, wird ein Festtag des Nationalfonds, wird ein Tag des Befreiungsfestes sein. Wähle sich ein jeder seine Form und seine Art nach seiner Liebe und Geschmack. Vernachlässige dabei niemand seine Freunde und Nachbarn. Bittet unsere herrlichen Frauen um Hilfe! Vergesset nicht an die hochwichtigen Vorschläge unserer wackeren Frau Tobias Markus in Florenz, die mit Hilfe des Nationalfonds eine nationale Erziehung der Kinder ins Werk setzen will. Wendet euch an diese Dame, an uns, an den benachbarten Zionisten. Aber vorwärts — unsere Feinde m ü s s e n uns achten! Von diesem Schreibtische hier in Wien gehen zum Befreiungsfeste treue Zionsgrüsse an all die wohlbekannten Freunde in Nord- und Südamerika, in Sibirien, in Afrika, in Russland, in China, in Australien in die Nähe und Ferne, in die Weite und Grösse; sie holen die Gegengrüsse der Freunde ab und sie alle fliegen dann zusammen hinüber bis zu dem Hügel, den Makkabis heisses Heldenblut tränkte. Ruhen wir nicht, Freunde, bis wir den Hügel haben! J. Upf imny, Die jüdische Auswanderung aus Russland und ihre Regelung. Von L. Wygovsky. (Fortsetzung.) III. Missstände der Auswanderungsbewegung und Massnahmen zu deren Beseitigung. Indessen bleibt die grösste und bedeutendste Erscheinung unseres ökonomischen Lebens, als welche die Emigration heutzutage unstreitig erscheint, sich selbst überlassen und nimmt infolgedessen derartige vernunftwidrige Eormen an, dass äussere regulierende Einwirkung mehr und mehr unentbehrlich wird. Betrachten wir genau, worin diese Missstände unsere rÄ Emigration bestehen und wtei andrerseits sich die Tätigkeit» gestalten müsste, die sich zur Aufgabe machen würde, die Emigration in gewisse Bahnen zu bringen. Uebermässige Konzentraiion des Auswandererstromes. Das Hauptübel unserer Emigration besteht darin, dasssie sich ausschliesslich auf eine geringe Anzahl von Grossstädten, nämlich London, New York, Chicago, Philadelphia u. a. konzentriert. Unsere Auswanderer überfüllten diese Städte bis zur Unmöglichkeit und setzten dort durch starkes Angebot von Arbeitskraft die Löhne im allgemeinen stark herab, insbesondere aber in denjenigen Berufszweigen, welchen die Auswanderer hauptsächlich angehörten. Welchen Grad die Konzentrierung in nur wenigen Städten erreicht, ist aus der Tatsache zu ersehen, dass von sämtlichen jährlich in die Vereinigten Staaten Nordamerikas gelangenden jüdischen Emigranten 70% im Staaie New York oder, was fast dasselbe ist, in New York selbst bleiben. Infolge der Ueberfüllimg und der steigenden Konkurrenz beginnen die Bedingungen für ein gutes Fortkommen im Lande der Einwanderung sich zu verschlechtern und weisen die Tendenz auf, sich den unseligen zu nähern. Immer schwieriger wird es den Emigranten, sich im neuen Orte auch nur erträglich einzurichten. Selbst die traurige Erscheinung der Rückkehr vieler ohne Beschäftigung gebliebener Emigranten in die alte Heimat macht sich in letzter Zeit stark bemerkbar. Die Zahl der Zurückkehrendem erreicht in letzter Zeit etwa .1000 jährlich. Das Bestreben, sich in wenigen Orten zu konzentrieren, ist nicht nur den Juden allein, sondern auch den Auswanderern anderer Nationen eigen. Die Ursache dieser Erscheinung ist zuzuschreiben: L Dem natürlichen Bestreben des Menschen, der genötigt ist, in ein fremdes Land mit ihm unbekannten Einrichtungen, Gebräuchen und Lebeinsbedingungen überzusiedeln, Anschluss an seine Landsleute zu suchen, bei denen er nötigenfalls auf Rat und Tat rechnen könnte; 2. der ausser sten Armut des Gros der Auswanderer, deren Mittel kaum für die Ueberfahrt bis zum Landungshafen ausreichen; 3. der mangelhaften Orientierung über solche1 Städte, wo es noch keine Niederlassungen von Landsleuten gibt, und 4. der Unkenntnis der Laudessprache. Wie aus obigem zu ersehen, sind die Ursachen derartige, dass ihre Bekämpfung und also auch die der anormalen Konzentration in den Grossstädteu keine Schwierigkeiten bieten müsste. In der Tat beikämpfen verschiedene gemeinnützige Gesellschaften dieses Uebel, indem sie durch künstliche Massnahmen die Auswanderer über das ganze Land verpflanzen. Eine solche Gesellschaft gibt es auch für die jüdischen Auswanderer, das sogenannte Removal Office an der Jewish Agricultural and Industrial Aid Society in New York. Diese Institution machte sich zur Aufgabe, die im New Yorker Ghetto sich ansammelnden Auswanderer möglichst über alle Staaten Nordamerikas zu zerstreuen. Zu dem Zwecke übernimmt es die Gesellschaft, diejenigen, die einverstanden sind, in irgend einen anderen Staat überzusiedeln, auf eigene Kosten bis zum Bestimmungsorte zu bringen und mit Hilfe ihrer Agenten und Bureaus ihren Klienten Beschäftigung in dieser Stadt nachzuweisen. Im Laufe von vier Jahren, währe id weicher die Gesellschaft existiert, machte sie in ihrer Entwicklung ganz erhebliche Fortschritte. Die Zahl derer, die aus New York in andere Städte geschafft und dort versorgt wierden, wächst mit jedem Jahre und betrug im Jahre 1902 über 3000 und im Jahre 1903 5500 Menschen. Wie aus den l Jahresberichten der Gesellschaft zu entnehmen ist, richten sich die Emigranten, an den neuen Orten sehr gut ein. Die Zahl der nach New York Zurückkehrenden (der sogenannten „Rezidivisten") ist unbedeutend (im ganzen 2—5%).

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