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Die Welt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „bis * weit11 Nr. 50 Ihnen müssen wir unter der drohenden Gefahr der Eintönigkeit nach Nordaus Wort immer wieder sagen, was wir verlangen» Denn so fleissig die Verleumdung war, muss jetzt die Wahrheit sein und wir Zionisten haben mit unserem Programm der Welt eine strahlende und stolze Wahrheit zu verkünden, den Gegenpol des Sklaventums, in dem die jetzige Politik dem Untergang im Sumpfe zusteuert, Männer, deren Geist an Grösse mit ihrer Liebe zum Judentum wetteifert, haben den Werdegang der Menschheit unter die Lupe genommen und wo sie etwas Schönes und Gutes für die Gründung einer neuen Gesellschaft entdeckten, haben sie es zur Grundlage ihrer Pläne für den praktischen Zionismus gemacht. Sie haben es einzurichten gewusst, dass die grossen Prinzipien der französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, dieser knappe Auszug aus der Gesetzgebung des Buches der Bücher — dass diese Prinzipien alle Aussicht haben, in modernster Form auf der Basis eines klug herbeigeführten Wohlstandes durch die Ausführung des Zionismus ins Leben zu treten. Allerdings ist es dazu nötig, dass ein gewisser Schustergeselle aus Leeds das Vorbild jedes Juden werde. Es sind zu viele Liebhaber ihrer eigenen Person unter uns, die sich wohl nicht gegen unsere Ziele sträuben, wohl aber gegen die mühevolle Arbeit am Wege. Und denen soll der prächtige, schulterbreite, blonde Leedser Schuster, der uns seine Löwenpranke mit herzlichem Gruss über den Schreibtisch reichte, seine lehrreiche Lebensgeschichte erzählen: Er ist seit einem Jahrzehnt bei ein und demselben Meister in Arbeit; aber nur elf Monate jährlich. So lange braucht er nämlich, um sich für eine einmonatliche Reise ins heimatliche Ungarn die Kosten zu ersparen. Und unweigerlich fährt er jedes Jahr einen Monat lang in der Heimat, wo er keine Verwandten hat, herum, um für den Zionismus zu agitieren. Hut ab vor dem Schuster aus Leeds! Wohl ist es nicht jedermanns Sache, solche Glanzproben männlicher Treue zu geben. Auch fasst das Leben das Schicksal der meisten so hart an, dass sie weder Zeit noch Schwung haben, um ihrem Ideale zu dienen. Wenn sie unsere Pionniere in der Familie, in ihrer engeren Gesellschaft sein können, so ist auch das schon ein höchst dankenswerter Eifer. Eine Art praktischer Betätigung gebietet aber der Zionismus den Juden, vor deren strengen Notwendigkeit und mühelosen Leichtigkeit keine Entschuldigung entschuldbar ist. Es mag einer dort und da bei anderen Arbeiten für das Judentum ins Stocken des Erfolges geraten, der j ü discheNationalfonds aber trägt in seinen Zielen und seinen Wegen für jeden seiner Getreuen die Bürgschaft moralischer und materieller Befriedigung. Wenn wir das Land haben werden, wo wir uns die Lehren einer harten Schule gut zu nutze machen wollen; wenn wir das Land haben werden, das unserer Bettlerfahrt vor den Türen alier Länder ein Ziel setzt; wenn wir das Land haben werden, gegen das hin sich einst die Denker aller Welt anerkennend werden verbeugen müssen; dann schenkt uns der zustimmende Staatsakt der Nationen wohl die Tür, aber nicht das Haus — wir werden uns im Lande Palästina unseren langentbehrten Ernährer, die Erde Palästinas erst kaufen müssen. Die Zusammensetzung dieser Erde ist das Bild der Zusammensetzung unseres Nationalfonds. Krume, Geröll und Blöcke. Halten wir noch zum Vergleiche fest, dass die Hauptmasse des Landes die feinkörnige Krume ist. Gedacht ist der Nationalfonds als eine Masse von Pfennigen des Volkes, die immer stärker zuströmen, nicht weil einer mehr gibt, sondern weil immer mehrere geben. Nun hat die Arbeit der Zionisten wohl einen grossen Teil der Aufklärungsarbeit besorgt und überall die Nationalfondsmarke als die Märke eines guten Juden gezeigt. Sie hat die Sammelbüchsen im Hause unserer berühmten, gut jüdischen Hausfrau, im Laden unseres redlichen, nationalstolzen Kaufmannes angebracht, diese stumme offene Hand des jüdischen Volkes, das ein Zeichen des Gedenkens in Freud und Leid haben will. Jeder Zionist hat getrachtet, eine ehrenvolle Erwähnung seines Namens in ein zionistisches Blatt zu bringen und zwar an der Spitze eines Ausweises über eine Sammlung für den Fonds. In vielen Brieftaschen liegen die zusammengefalteten Sammelbögen, stets bereit, einen neuen Namen links, den dazu gehörigen Betrag rechts aufzunehmen. Die Vereine sparten und steuerten zusammen, um eine der monumentalen Quittungen aus dem Goldenen Buche, mit einem beliebten Namen geziert, erwerben zu können. Wohl wurde viel, sehr viel dankenswerte Arbeit geleistet. Aber der Nationalfonds ist ein zu grosses, ist ein zu stolzes Volkswerk, um als blosse Sammelbüchse zu figurieren, die bloss der gute Zufall und die gute Laune füllt. Wir armen Teufel von Juden wollen ja damit ein doppeltes Befreiungswerk vollbringen — von der Gnade der Völker und von dem Dünkel jener unserer hoffärtigen Brüder, die sich um so viel mehr dünken als wir als sie mehr bezahlen können. Solche Dinge wollen anders angepackt sein, als vom Zufall. In einem Marlitt sehen Romane, der Name ist bedeutungslos, wird ein Mann gelobt, der als leidenschaftlicher Raucher plötzlich sich auf eine einzige Zigarre beschränkt und den Restbetrag für die anderen pünktlich und regelmässig einem politischen Zwecke zuführt, der der seinige ist. Merkt ihr etwas von Männlichkeit und Treue? Mit hoher Freude füge ich an diese Erwähnung eines Deutschen folgendes Zitat aus Nr. 29 der „Welt" (dieser Jahrgang), das mehr als alle Worte spricht. Zum Stolze der Zionisten sei es gesagt, dass es regelmässig erscheint und dass es nur ein Beispiel ist von mehreren. Das Zitat stammt aus der Abteilung „Nationalfondsspenden", Abteilung „Selbstbesteuerung" und lautet: Bnei Zion, Baku: Selbstbesteuerung der Vereinsmitglieder aui Basis der Wohnungsmiete. — Zum Inkasso hat sich das Vereinsmitglied Rabbinovicz erboten. — Unverheiratete zahlen von Rbl. 180.— jährlicher Miete l°/0, von Rbl. 360.— 2°/Ä, von Rbl. 600.— 3°/0, von Rbl. 1200.— 4°/0, von Rbl. 1500.— 5°/0. Verheiratete zahlen von Rbl. 180.— jährlicher Miete V4%. von Rbl. 360.- 7>7o»von RbL600.- 3/4°/0, von Rbl. 1200.- 17,%, von Rbl. 1500.— 2°|0, von Rbl. mehr als 1500 3%....................K 379.20 Wir zitieren dieses Beispiel aus dem oben angeführten Grunde. Weil es nur von mehreren stammt, nicht aber von vielen. Weil die schöne Idee des Gründers der Rubrik „ Selbstbesteuerungu (Siehe diese Nummer „Jeder Zionist widmet dem Nationalfonds ein beliebiges Prozent seines Einkommens") noch zu wenig Gefolge fand. Es ist da etwas von der Argumentation eines jugendlichen Liebhabers darin, der sich ein-

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