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Die Welt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion and Administration : WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—Vi 12 Uhr. Preise der Anzeigen : laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne Nummern SO Heller. Rß7lflf1Cni*llicO° Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: DC£Uyd|JI ÖEOCc Deutschland ganzjährig Mk, 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,— halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 50. Wien, 9. Dezember 1904. — I. Tebeth 5665. 8 Jahrgang. Im Anfang war die Tat. Der grösste Fleck auf der Landkarte Europas und seine Nachbargebiete bedeuten für die jüdische Weisheit einen gordischen Knoten, der aus Beamtenwillkür, tierischem Hass und Ohnmacht der Verfolgten unlösbar zusammengeknüpft ist. Von allen Seiten zerren und zupfen unsere Politiker daran, schwitzen Gold und mühen sich und andere bis zur Verdriesslichkeit ab. Aber wie der alte Baal steht das jüdische Elend da als ein Koloss, schlingt unsere Kinder und unsere Schätze in sein glühendes Innere, unbarmherzig, unersättlich. Wozu sollten wir aber unsere Argumente erst über Oderberg, Königsberg oder Podwolocyszka einfuhren? Bleiben wir ruhig im Lande, wo die Parlamente an den Gesetzbüchern Wache stehen, an den Büchern, darin die Motten unsere Rechte fressen; betrachten wir weitab von jeder hochtrabenden Tragik eines politischen Agitators unser und unserer Kinder Schicksal. Fragt euch, Juden! Nicht ihr, die Bauchredner der jüdischen Politik, deren Weisheit aus der Tasche klingelt — aber ihr, die ihr nach ein bisschen Ruhe und Zufriedenheit schmachtet und sie nicht erreichen könnt trotz aller mühselig, aber voll erfüllten Pflicht! Das übelste Volk beleidigt euch tödlich in euerer Ehre; im Staat sitzt ihr in den letzten Rängen, und der Platz eines Juden am Brottisch eines Ariers ist eine Nachricht aus dem Märchen, Wahrlich, wir Juden stehen den Kaffern nach. Diese Hereros, die sich gegen das mächtige Deutschland erhoben, haben an materiellem Wert nicht viel besseres zu verteidigen als eine Wüste; Kultur zu schaffen, ist Deutschland eingezogen; aber auch schon der blosse Gedanke an Abhängigkeit treibt diese nackten Leiber mit den mutigen Herzen in den ungleichen Kampf. Wir Juden parlamentieren und paktieren lieber unter tiefen Bücklingen nach allen Seiten und je öfter wilden Nacken beugen, umso fester tritt der Fuss unserer Unterdrücker darauf. Es hat also auch Herr Rechtsanwalt M $ y e r und Konsorten Veranlassung, um die Zukunft bedacht zu sein. Man erinnert sich doch wohl noch dieses sonderbaren Anwaltes eines eigentümlichenRechtes, der sagte, als deutscher Jude weder Verwandtschaftsnoch Mitgefühl mit den Brüdern im Osten haben zu müssen. Es regnete doch Verwahrungen, Zurechtweisungen, Proteste in die „Allg. Ztg. des Judentumsu hinein, in welcher dieser Artikel erschien? Sage und klage — es rührte sich auch nicht eine Feder, um die Gemeinheit an ihrem Ursprungsorte zu bekämpfen! Weder ein Verein noch ein Einzelner fand sich an zugehöriger Stelle zur Abwehr dieser Art von Antisemitismus und so gaben ungezählte Assimilationsjuden eine Zustimmung durch Schweigen. Was aber nützt diese Flucht ins Inland? Wo ist die feste Burg teutscher Juden, worin sie nur Gott zu fürchten brauchen, sonst aber nichts auf dieser Welt? Es ist nicht von Uebel, vor diesen Ueberklugen eine ganz billige Weisheit auszukramen: dass sie nämlich ihren Tag vor dem Abend ihrer Kinder loben. Gerade jetzt haben anlässlich einer Wahl in Deutschland die Liberalen mit den Antisemiten ein Kömpromiss geschlossen. Das mag etwas neues sein unter den Parteien. Unter den Prinzipien ist das ein schon alter Gebrauch. Die liberalen Grundsätze haben mit den antisemitischen längst schon ihren faulen Frieden gemacht, wenn nicht gar eine Uebergabe stattgefunden hat. Aus diesem Bündnis entspringen ausdrückliche Gesetze und stillschweigende Traditionen und die Tore der Wissenschaft, des Handels und des Gewerbes werden immer dichter umlagert von den Scharen des jüdischen, stellenlosen Proletariates, In den Armenämtern und in den Arbeitsvermittlungsstätten ist das Thermometer der Gnade unserer Gastvölker, Es ist in erschreckend raschem Fallen begriffen. Dieser ungenaue, weil schwache Abklatsch des Tatsächlichen in der jüdischen Gegenwart ist noch immer der politische Götze der gegenwärtigen Machthaber. Die Empfindsamen und Denker werden aber gleich stark davon abgestossen und es ist ein hoff nun gkündendes Zeichen für das Judentum, dass überall in Westeuropa unzufriedene, wenn auch nicht streitbare Elemente sich von dem herrschenden Regime absondern und auf eigene Faust, die eigentlichen Aufgaben der Gemeinden erfüllen.

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