Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite g „kie # weit" Nr. 4f sultate führen werde, aber die angeführten Daten geben einen wahrhaften Begriff von der Ausdehnung unserer Emigration. Es erübrigt noch hinzuzufügen, dass im ganzen während der letzten 20 Jahre nicht weniger als eine Million Juden aus Russland ausgewandert sind. IL Die Wirkung der Auswanderung. Die angeführten statistischen Daten geben schon eine Vorstellung davon, mit welch einer bedeutenden Erscheinung des jüdischen Lebens wir es hier zu tun haben. Die volle Tragweite der Auswanderung für unser Volk tritt jedoch erst ins rechte Licht, wenn wir uns die Wirkung vergegenwärtigen, welche die Emigration auf die auswandernde Masse einerseits und die am Orte zurückbleibenden Juden andrerseits ausübt. a) Auf die Lage der Auswandernde n. Die ökonomische Bedeutung der Emigration für die Uebersiedelnden liegt auf der Hand. Schon die Tatsache, dass die Emigration nicht aufhört, nicht schwächer wird, dass die Auswanderer zu Hunderttausenden ununterbrochen die Reise über den Ozean antreten, beweist, dass die Uebersiedelnden im fremden Staate also dasjenige linden, was sie suchten, d. h. günstigere wirtschaftliche Verhältnisse. Dies wird auch direkt durch Aussagen kompetenter Leute bestätigt, die in Amerika leben und die Möglichkeit haben, die Einwanderer und deren Lebensweise in der neuen Heimat von der Nähe zu beobachten. Alle diese Meinungen stimmen darin überein, dass der Einwanderer es nur in der ersten Zeit schwer hat, dass aber früher oder später die grössere Zahl sich sehr erträglich einrichtet. Dieses Bestreben, seine Lebenslage in ökonomischer Hinsicht zu verbessern, bildet natürlich den Haupt-, um nicht zu sagen, den einzigen Beweggrund für die Emigranten. Aber abgesehen von ökonomischen Vorteilen bietet die Emigration noch vieles andere. Um nicht darauf näher einzugehen, wollen wir nur bemerken, dass diese Vorteile sich in folgendem zusammenfassen: 1. Im Erwerb elementarer Menschenrechte, deren wir hier beraubt sind, und der Befreiung von der speziell jüdischen restrikativen Gesetzgebung. 2. Im Erwerb aller bürgerlichen Rechte und Freiheiten, die der Uebergang in den Untertanenverband eines freien, konstitutionellen Staates zur Folge hat, mit gleichzeitiger Befreiung vom Militärdienste. 3. Im Erwerb aller Vorteile, die mit dem allgemeinen unentgeltlichen Unterricht der Bürger verbunden sind. Alles zusammen schafft dermassen günstige Bedingungen, dass die Juden, beispielsweise in Amerika, mit vollem Rechte von einer physischen und geistigen Wiedergeburt sprechen können. b) Auf die Lage der Zurückbleibenden. Die Bedeutung der Emigration für die am Orte zurückbleibende jüdische Bevölkerung besteht in der allgemeinen Erleichterung des Kampfes ums Dasein, in der Schwächung der allzu grossen, harten, jüdischen Konkurrenz. Wie bekannt, liegt der Hauptgrund der unerträglichen, elenden Lage unserer Massen in der ungeheuren Ueberfüllung aller Erwerbszweig.?, zu denen die Juden überhaupt bei uns Zutritt haben. Bei uns gibt es vielleicht 10—20 Kleinhändler oder Handwerker dort, wo erträglich nur einer existieren könnte. In den Grenzen der ihnen angewiesenen Beschäftigungen leiden die Juden fast ausschliesslich von jüdischer Konkurrenz. Indem nun die Emigration die überfüllten Erwerbszweige stark lichtet und bedeutende Massen von Konkurrenten vom Ort ihrer Betätigung fortführt, heilt sie das Uebel auf die unmittelbarste und radikalste Weise. Wir haben, gesehen, in welchem Masse sie dieses tut: sie führt den gesamten jährlichen Zuwachs an wirtschaftlich selbständigen Personen fort — 15 von jedem Tausend Konkurrenten und aus der Mitte der Handwerker sogar viel mehr als den Zuwachs — 33 Menschen von tausend. Um sich die Folgen der Emigration in ihrer ganzen Tragweite zu vergegenwärtigen, muss man selbstverständlich eine längere Zeitperiodt4 als ein Jahr nehmen. Betrachten wir beispielsweise einen Ab-: schnitt von etwa 10 Jahren, so finden wir, dass von tausend Beruisfähigen überhaupt schon 150 Personen und von tausend Handwerkern 330 fortziehen. Berücksichtigt man ausserdem, dass, die Emigranten sich nicht gleichmässig aus verschiedenen Ortschaften des Ansiedlungsrayons rekrutieren, sondern zeit-, weise oder beständig vorherrschend bald aus dem einen, bald' aus dem anderen Orte, wird es zur Genüge klar, welch mächtigen Faktor zur Erleichterung der drückenden wirtschaftlichen Not die Emigration repräsentiert. Dieser Umstand rnuss die Aufmerksamkeit derjenigen auf die Emigration lenken, die sich die Hebung des wirtschaftlichen Wohlstandes unserer Masse zur Aufgabe machen. Schon in der Weise, wie sie jetzt vor sich geht, als ungeregelte, elementare Gewalt, bringt die Emigration der jüdischen Bevölkerung unschätzbaren Nutzen. Letzterer könnte aber unendlich grösser sein, wenn in diese ordnungslose Bewegung System hineingebracht und dieselbe einer einsichtsvollen Leitung unterstellt werden würde. (Fortsetzung folgt.) Aus Russland. f;;;1; iinwi 1 »I Ii Hornel. Ein Monat ist bereits verstrichen seit Beginn1 des Prozesses gegen die Teilnehmer an den blutigen Exzessen; gegen die Juden in HomeL Bereits 500 Zeugen wurden vernommen und viele von ihnen hatten bestätigt, dass die zur Unterdrückung der Unruhen ausgesandten Truppen den; bedrängten Juden weder Schutz noch Hilfe erweisen wollten.' Dagegen fahren die Zeugen der Anklagebehöide noch, immer fort, unstichhaltige Anklagen gegen die Juden zu erheben und sie für das Vorgefallene verantwortlich zu machen. Grossen Eindruck machte jedoch, wie die „Russkoje'j Slowo" meldet, die Aussage des Polizeikommissars Bzozowski. Dieser Zeuge, welcher in der Voruntersuchung erklärt hatte, dass am 29. August 1903, dem Tage des Aus bruches der Exzesse, die Juden es waren, welche zuerst auf, die Polizei schössen, erklärte nun im Gerichtssaale, dass^ die Polizisten es waren, welche zuerst auf die Juden Feuer gaben und dadurch ein Blutbad anrichteten. Der Prozess dürfte erst gegen Ende Dezember seinen Ausgang nehmen, weil noch 600 Zeugen zu vernehmen sind.! Wilna. Wie der „Wilenskij Wjestnik* meldet, haben1 vor wenigen Tagen im Städtchen Bykischki Exzesse gegen; die Juden stattgefunden, denen viele Juden samt Hab und Gut zum Opfer fielen, Gegen 200 Reservisten überfielen; die jüdischen Krämerladen und vernichteten sie völlig. Hierauf begannen sie die jüdischen Häuser zu demolieren! und das Hab und Gut zu plündern. Sie vernichteten alle jüdischen Häuser, drangen sogar in die Synagoge auf der] Komaistrasse und misshandelten viele Juden schwer. In der. Stadt wurden viele Juden, welche sich durch die Flucht nicht rechtzeitig retten konnten, tödlich misshandelt. Die Bemühungen des Polizeiaufsehers Jakowlew, die RuheJ wiederherzustellen, blieben erfolglos und die Plünderer raubten urd randalierten nach Herzenslust. Erst durch die Ankunft des Kreispolizeichefs Afrossimow wurde den Exzessen ein Ende gemacht. Die Not der geplündertenj Juden lässt sich kaum schildern Smolensk. Der Gouverneur von Smolensk gibt amtlich! bekannt, dass in Smolensk undRosslawl Exzesse gegen die Juden stattgefunden haben, welche einen ernsten Charakter trugen. In Smolensk haben die Exzedenten die jüdischen] Geschäfte und Häuser demoliert und viele Juden schwer oder minder schwer misshandelt. Slcnim (Gouvernement Grodno). Der halbamtliche^ „Wilenskij Wjestnik* berichtet über blutige Exzesse gegenjjij Juden, welche vor wenigen Tagen in Slonim stattgefunden!'!: haben. Einberufene Reservisten überfielen am hellichten Tage die jüdischen Geschäfte und begannen dort die Waren'lijl und alles Gut zu plündero. Anfangs gelang es den Juden,|l;i welche sich mit grosser Energie wehrten, die ExzedentenJ|i||;i davonzujagen und ihre Wohnungen zu beschirmen. Später'jiiii; aber plünderten die Reservisten in starker Zahl die jüdi-||j sehen Häuser, misshandelten alle Juden, welche sich zur!j|t Wehre setzen wollten und verwundeten 14 Juden, darunter,'::!!:! einen Greis von 90 Jahren, lebensgefährlich. Der Gemeinde-|!:|j rat beschlpss, den Generalgouverneur telegrpphisch zu eri! suchen, eine Sotnje Kosaken in Slonim einzuquartieren, um Iii;' die Wiederholung weiterer Exzesse zu verhüten. •i;ü um