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Die Welt · 1904-12-02 · 49 (2.12.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 bis $ W^lt" Nr. 49 Stelle ausführlicher. Aus dem Bewusstsein dos Judentums des Dichters entstand sein Roman: „Werther, der Jude" (1892). Es versteht sich von selbst, dass der Dichter einen gewissen Zusammenhang mit dem Goethesehen "Roman andeuten wollte. Wie ist derselbe beschaffen? Der Goethesehe Werther ist der Roman eines fin de sieelc-Jünglings. Beidon ist die Empfindlichkeit gemeinsam. Hier ist es nicht die Feinfühligkeit einer ganzen Epoche, sondern das Gefühl, gepeinigt durch das Schicksal des eigenen Stammes. Dies macht den Roman originell. Im Werther brachte der Dichter sein eigenes Leid zum Ausdruck. Der Roman hat ein ausgezeichnetes Motto: „Wenn ich nicht für mich bin, wer sollte für mich sein?" Wie ist das Verhältnis des Dichters zum eigenen Stamme beschaffen? Jakobowski fühlt sich als Jude. Er kämpfte gar oft in seinem Innern gegen dieses Gefühl, denn es war für ihn eine romantische Empfindung wie die der altjüdischen Generation, welche überwunden werden musste, um einer nationalen Empfindung Platz zu machen. Der atavistische Instinkt muss aufhören. Jakobowski ist ein Jude, aber doch ein ganz anderer als die unseres täglichen Umganges. Er hat vor allem ein offenes Auge für ihre Schattenseiten und Fehler, da. man kann sagen, dass er ihre Fehler sehen will. Dabei ist er nicht religiös im Sinne dos alten Testamentes. Spinoza geht ihm über alles. Jn seiner Phantasie stellte er sich ihn als kleinen, bleichen .luden vor. der tagsüber Steine schärft, damit er zu essen habe, des abends und nachts aber mit seinen wunderbaren Augen ins Merz des Weltalls blickt, um sein Geheimnis zu erlauschen. Christus und Spinoza flössen in seiner Phantasie in eine Gestalt zusammen, in einen typischen Menschen, in einen idealen Juden. Als moderner Jude entbehrte er überhaupt jeder rosigen Lebensauffassung: niemand weiss — so fühlte clor Dichter — was es bedeutet, heutzutage Jude zu sein, wie die nur halbwegs empfindsame Seele Tag für Tag vor Sehmerz sich winden muss, und vor allem die der jungen Generation. Der Antisemitismus, der früher ein wichtiger sozialer Faktor war, wurde nun eine Modo der oberen Kreise und ein auf den Gassen beliebter Sport. Der Dichter erwartet alles von der ethischen Besserung dos einzelnen, er hat keinen heisseren Wunsch, als dass joder „edel, hilfreich und gut" sei. J a k ob o w s k j s c h r i e b d i e s e n R o ni a n in i t seine m o i g o n o n II e i' z b 1 ii t. Das entschädigt für manche fo r n i a 11 o e h n i s eh o S c 1 nv äeh en." Zum Schlüsse spricht Prof. Kivjci in ein paar Sätzen über ..Dyaab, der Narr", indem er meint, class dieses Drama ohne vorherige Durchsieht des ..Werther" unverständlich ist. da es maskiert denselben jüdischen Grundgedanken hat wir dieser. Kaum Jahre alt, ward uns Jakobowski entrissen. Aiel zu früh. Fr hätte sich vielleicht in der Folge der Jahre zu einem echten, wahren Dichter des Volkes entwickeh. dem er angehört hat. durch seine Brust würde dann jenes gesunde, schaudernde Gefühl des Getragenseins gebebt haben, wie ozeanische Wogen, jene Empfindung., die jeder keimt, dem je das Glück zukdl wurde, einem ganzen Volke aus der Seele zu sprechen, dann würde er wahrscheinlich nicht auf halbem Wege stehen geblieben sein. Vielleicht hätte der Dichter, wenn er uns geblieben wäre, in einer späteren Auflage den Vers aus seinem ersten Buche: ..Siehe, o Herr, nur dies eine halr ich Kämpfend erstrebt und schluchzend erfleht: Krst ein Deutscher und dann ein Jude, Erst ein Charakter und dann ein Poet." ins gut Jüdische übertragen. Ein Nachruf auf Willy Bambus. Das tragische Geschick, das Willy Bambus getroffen und das wohl selten einen Mann mit so schwerem Schlage bedacht hat, muss jeden rühren, der den Mann nicht einmal gekannt hat, geschweige denn jeden, der ihm einmal im Leben nahe gestanden hat. Es kann daher nur jeden mit Befriedigung erfüllen, wenn jemand, der über den Tod hinaus in Liebe an ihm hängt, ihm einen Nachruf widmet, wie das durch I. Turoff in Nummer 47 der „Welt" geschehen ist. Aus jeder Zeile des Artikels spricht die Anhänglichkeit an den Mann, von dem Turoff mit mehr oder weniger Becht glaubt, dass er ihn zum Zionisten gemacht hat. Wir wollen mit Herrn Turoff darüber nicht rechten. Durch wen Bambus einmal zufällig die erste Bekanntschaft mit dem Zionismus gemacht hat, ist gleichgültig. Wir haben ja in Berlin eine Keine von guten Zionisten, die zuerst von unserer Bewegung etwas erfahren haben, als sie ein Plakat des ,JBar-I\ochba" mit seiner Einladung zu seinen Tuniahenden sahen. Aber wer Bambus je nähergetreten ist, musste wissen, dass er auch zu der Zeit, wo er in jahrelanger Arbeit dem Kongresszionismus mehr geschadet hat als alle Gegner, die den Zionismus von aussen her angriffen, stets Zionist gewesen und geblieben ist. Aber Coriolan war auch kein Volsker, sondern ein echter Römer, im Herzen, im innersten Herzen, als er das feindliehe Heer vor die Mauern seiner Vaterstadt führte. Er wollte ja wohl kaum Rom vernichten, sondern nur durch die Macht der Feinde die Herrschaft der Demokraten brechen, von der er nicht verstand, dass sie allein Roms Zukunft bedeutete. In diesem Sinne war Bambus stets ein Zionist und hielt sich immer für den wahren und allein richtig handelnden Zionisten, wie vielleicht auch Herr Turoff sieh für den allein richtigen Zionisten erachtet. Zionist ist er ja wohl auch. Nur unsere Auffassung, was für den Zionismus und unser Volk das beste ist, ist verschieden. Wir hätten nämlich niemals in der „Welt" den Nachweis geführt, dass Bambus der wahre und idealste Zionist gewesen sei, den* in einer Reihe mit Pinsker und Herzl genannt werden muss, um gleichzeitig in der assimilatorischen „Allgemeinen Zeitung des Judentums" einen langen, sehr warmen Nachrufartikel auf denselben Bambus zu schreiben, ohne auch nur das Wort Zionist vorzubringen. Doch das ist Sache des Geschmacks und der Auffassung und unsere Begriffe gehen darin gerade himmelweit auseinander. Aber Turoff gibt in seinem Artikel in der „Welt" auch einige tatsächliche Irrtümer, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Nicht Willy Bambus war der Gründer des ersten Jüdischnationalen Vereines in Berlin, des „Jung-Israel". Vielmehr machte er erst nach sehr langer Zeit mir die Konzession, sich an der Gründung eines jüdischnationalen Vereines zu beteiligen, nachdem ich ihm eine Gegenkonzession darin gemacht hatte, dass meine damaligen Freunde und ich uns an der gleichzeitigen Gründung eines allgemeinen populären Vereines für jüdische Geschichte und Literatur aktiv beteiligen wollten. Dagegen hätte es in einem Lebensbilde Willy Bambus3 nicht vergessen werden dürfe iL dass er der Begründer und die treibende Kraft bei der Bewegung war, die in den Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur ihren Ausdruck fand. Eine gleiche Sachkenntnis beweist Herr Turoff, wenn er Willy Bambus die Gründung der „Jüdischen Volkszeitung" und des ,?Zion" zuschreibt. Die „Jüdische Volkszeitüng" war nur die ehrenvolle Bestattung der geschäftlich ruinierten „Selbstemanzipation" Birnbaums. Und den „Zion" übernahm Bambus, als Nathan Birnbaum, der ihn von mir bei meinem Scheiden aus Berlin übernommen hatte, nach Wien übersiedelte. So lange der „Zion" rein zionistisch war,

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