Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 „bis # W^lt" Seite 5 seine Kindheit, die, ach, so viele Analogien im Leben der jüdischen Jugend hat. Der Vater schlich von Haus zu Haus Und lief sich fast die Seele aus, Fünf Jungens satt zu kriegen. * Mit einem Fünfzigpfennigbrot Da hat es seine liebe Not ... .«, Zehn Kilo müsst* es wiegen. Die Mutter, immer bleich und krank, Tn' Das ging so jähr- und jahrelang; Wir schlichen nur auf Zehen. Nm manchmal um ihr Bett herum Da sasscn wir und hörten stumm Die alte Wanduhr gehen. Ihm war es niemals vergönnt, sich wie Epheu an einer Stütze emporzuranken, er blieb stets Mauer, ein Fels, der allein dastand und sich an niemanden anzulehnen vermochte. Während seiner Kindheit übersiedelten seine Eltern nach Berlin, wo der lernbegierige Knabe die Louisenstädtische Realschule besuchte, um dann an den Universitäten Berlin und Freiburg seine Studien erfolgreich zu vollenden. Klein, ja geradezu hässlich von Gestalt, stotterte er stark und schielte ein wenig und trotz alledem war er eine liebenswürdige Persönlichkeit, als Mensch und Dichter, dem ein Gott die Gabe zuteil werden liess, das zu sagen, Avas er litt. Und nun stelle man sich diese feinsinnige Dichterindividualität inmitten erhitzter Debatten auf der Volks versamnilungstribünc als Eedner auftretend, vor, wie er mit einem Feuereifer, der wahrlich einer besseren Sache und eines besseren Publikums wert gewesen wäre, den Deutsehnationalismus seiner Glaubensgenossen verteidigte. Alan blieb ihm denn auch die gebührende Antwort nicht schuldig. Dieser Schmerz wurde weiters durch triste Familienverhältnisse gesteigert. Drei Brüder starben ihm in kurzen Abständen und als er vom letzten Begräbnisse nach Hause eilte, meldete ihm der Telegraph, dass seine geliebte Braut durch Typhus hin weggerafft wurde. „Dann polterte ein Sang herein, rr Der zog den zweiten hinterdrein, Und den schob gleich ein dritter. Die Tischler hatten guten Lohn, Die Totengräber grüssten schon, Und gar die Leichenbitter." Wir haben keineswegs ein Becht, ihn als durchwegs unsrigen zu betrachten, er lebte als Dichter in einer anderen Welt als der des Alltags. Und doch hat die wild auflodernde antisemitische Eassenhassbewegung zu Ende des vorigen Jahrhunderts einen starken Einfluss auf seine dichte risehe Persönlichkeit geübt. Dieses Moment sowie der ihm eigene, ererbte, schmerzliche Hang zur Reflexion Hessen ihn seine Abstammung in der Wahl jüdischer Motive bekunden. Während die grosse Anzahl „israelitischer Schriftsteller deutscher Nation" sich nicht zu erkennen gab und ebenso ruhig wie schmachvoll ihren Rücken für die Geisseihiebe des antisemitischen Kunstwartkritikers Adolf Bartels herhielt, bäumte sich Jakobowski gegen diesen Nationalthersites auf und fertigte ihn ab. Er trug — um mit Schiller zu sprechen — kein „Koller von Elendshaut, das keine Kugel kann durchdringen", er besass eben Rückgrat. Kaum zwanzig Jahre alt gab er die Lyriksammlung „Aus bewegten Stunden" heraus, zwei Novellenbände folgten hierauf das grössere Drama „Dyaab, der Narr", ein Band Gedichte „Aus Tag und Traum", das nordafrikanische Sittenbild „Der kluge Scheikh", die Versbücher „Funken" und „Leuchtende Tage", und schliesslich seine Meisterwerke: den grandiosen Roman „Loki" und „Werther, der Jude". Nicht eingerechnet sind die zahlreichen Anthologien und kunstkritischen Aufsätze, die Jakobowski als Redakteur der ehemaligen Münchner „Gesellschaft" herausgab. Nur seinen Meisterwerken wollen wir diesmal unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Der Grundgedanke von beiden Romanen ist derselbe; im ersten Werke ist Loki den Göttern gegenüber der tiefverachtete Jude inmitten der arischen Gemeinschaft, den alle Demütigungen, das erlittene Unrecht zum gerechten Rebellen machten und der aufwieglerisch, aber zugleich wahrhaft gross ist. Werther, der Jude, handelt von der damaligen Stellung des jüdischen Studenten in der arischen Gesellschaft, von seinen Kämpfen und Enttäuschungen, von den moralischen Knutenhieben und Nadelstichen, die ihm verabreicht wurden. Jakobowski hatte sieh diesen Roman als junger dreiundzwanzigjähriger Barsch förmlich von der Seele geschrieben. Auch Ludwig Jakobowski wurde es zuteil, erst nach seinem Tode entdeckt und gepriesen zu werden. Zwei Zeugen will ich an dieser Stelle dafür anführen: die Literarhistoriker Georg B r a n des und Prof. Jan K r e j c i von der Präger tschechischen Universität. Vorerst Georg Brandes, der als Kind einen Schreckensruf ausstiess, als auf seine Frage, wie denn ein Jude aussehe, ihn seine Mutter emporhob und ihn in den Spiegel blicken liess, derselbe Georg Brandes, der sich am polnischen Freiheitskampfe begeisterte, der im Vorjahre im Berliner Klub armenischer Studenten — es war zur Zeit der Kisehenewtragödie — so drastisch die Unmenschlichkeiten — der Türken zu schildern verstand, dass zahlreiche Damen in Ohnmacht fielen, er hatte für das mühevolle Ringen des jungen Jakobowski kein Sterbenswörtlein übrig. Erst nach dem Tode des Verfassers von „Werther, der Jude" hatte er bittere Worte der Selbstanklage und Selbsterkenntnis. „Diese Erzählung," sagt er in seinen „Gedanken und Gestalten" (S. 20), ,,birgt ein solches Studium der Wirklichkeit, eine solche Innigkeit der Darstellung, dass meines Wissens kein neuerer deutscher Roman so stark wirkt wie diese Beichte eines Jünglings, diese seine anklagen de Verteidigung. Und indem ich dieseWorte niederschreibe, tut es mir bitterlich leid, sie nicht gesagt zu haben, so lange der Verfasser noch am Leben war. Nim schmerzt mich das um so mehr, als ich Grund habe, zu glauben, dass Jakobowski sich meine scheinbare Gleichgültigkeit zu Herzen nahm."' Viel wichtiger als diese Selbstanalyse scheint mir ein Dokument zur Jakobowskiforschung zu sein, von dem ich vermeine, dass es eine weit über die Woche hinausgehende Bedeutung hat: Die ausführliche kritische Würdigung des „AYerther" in der besten tschechischen Monatsrevue „Nase Doba", *) von der ich auszugsweise einiges, auf Abstammung und Rasse des Dichters Bezug habendes verdeutschen will; nachdem sich der Autor über die lyrischen Dichtungen verbreitet, sagt er: „Eins ist aber für den Dichter äusserst charakteristisch: hüllenlos bekennt er sich zu seinem Judentum. In diesem Bekenntnis liegt etwas Elegisches, Schmerzliches, und auf eine sehr schöne Art legt der Dichter es ab: Sein Liebchen hat sein Bild, aber vor ihrer Mutter verbirgt sie es: sie legte es in die züchtigen Blätter ihres Gebetbuches, auf dessen Sammetdeckel das Kreuz des Heilandes glänzt; und wenn sie im hohen Dome aus dem Gebetbuche singt, dann weint er, der verlorene Jude, und auch in seinem Innern singt es . . . Das ist entschieden ein intressantes und Beachtung verdienendes Moment. Aber der Dichter berührt seine eigenen Beziehungen an anderer *) Nase Doba (Unsere Zeit), Jahrg. XI, Heft 3. Beilage: Prof. Dr. Krejci „Studie z novejsi literatury nemecka".