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Die Welt · 1904-12-02 · 49 (2.12.1904) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4i> „bi* # W^lt" Seite 3 Der es wirken durfte, er ist uns entschwunden. Dem Körper nach. Sein Geist und Herz aber lebt unter uns. Die Wurzeln des Baumes hat er getränkt, wie er es geträumt, und in die erstarrte Form neues Leben gebracht. Ein Diener am Licht ist er gewesen und tausende Genossen hat er geworben, die gleich ihm dem Lichte dienen wollen, die das Wunder verstehen und es verehren. Matatia hat ihn das Volk genannt. Es wusste wohl, dass er anders heisse. Dem Volke aber hiess er Matatia, Ihm war er der Priester, der die Götzenaltäre brach und die feigen Verräter verjagte. Ihm der Vater, der seine Söhne zum Kampfe gegen den Feind begeisterte. Ihm der Begründer eines neuen Keiehes, das wieder alle Verfolgten einigen und alle Bedrückten schützen sollte. Und das sollte kein Wunder sein? Und das sollten wir nicht wie das frühere feiern? Nein! Weihevoller als jemals früher, inbrünstiger als in alten Zeiten wollen wir heuer unser Chanukah begehen, unserer Helden gedenken, an unserer Zukunft arbeiten. Mögen auch Leute aus unserem eigenen Volke unser spotten, mögen sie auch abseits stehen oder gar uns hindern wollen, mögen die Diener der Finsternis, die heute kühner als je ihren Spuk treiben, den sie ihrer gläubigen Herde als heilig und gottgefällig anpreisen, mögen sie glauben, dass Matatias Erbe schutzlos sei, weil er zu seinen Vätern versammelt wurde — wir wollen an unserem Lichte festhalten, ernst und doch hoffnungsfroh, wollen bleiben, was er war, Diener am Licht. „II n d kein Amt ist beglückender als das eines Dieners am L i cIi t." Dr. Siegmund Werner. Chanukaseufzer. Alljährlich, wenn wir die Chanukalichtlein anzünden, gedenken wir gesehwellten Herzens der heldenmütigen Kämpfe der Makkabäer und verherrlichen diese die Bewunderung aller Welt herausfordernden Streiter für das Judentum und seine heiligen Segnungen. Die Vorgeschichte und die tiefere, ideelle Ursache dieser Kämpfe werden jedoch nur oberflächlich gestreift; wir lieben es, die Tugenden unserer Altvorderen in das hellste Licht zu rücken, allein wir unterlassen es, bei ihren Fehlern und Verirrungen zu verweilen, obgleich wir aus ihnen vieles lernen könnten, was uns als "Richtschnur im Leben zu dienen hätte. Die Geschichte ist die Lehrerin des Lebens und sie beleuchtet grell jenen traurigen Charakterzug unseres Volkes, das immer in die Ferne schweift, wo das Gute so nahe liegt, stets mit dem Fremden, Niehtjüdischen, äusserlich Gleissenden und Schillernden kokettiert, auf die eigenen, organisch entwickelten, wurzelechten Vorzüge aber mit mitleidigem Achselzucken herabschaut, das aus der Vorzeit Ueberkommene, wenn es noch so gediegen ist, geringschätzt. Es war von jeher der Fluch des jüdischen Volkes, seine Eigenart zu vernachlässigen, es den umwohnenden Nationen gleichzutun, in dem Wahne, dadurch die Achtung und das Vertrauen derselben zu gewinnen oder manches Unangenehme, Hemmende und Störende im staatlichen und gesellschaftlichen Leben zu beseitigen oder endlich eine innigere Verbrüderung mit anderen Stämmen herbeizuführen. Die Parole: „Wir wollen sein wie alle anderen Völker" war seit jeher das Verhängnis Israels. Schon im Denteronomium wird bei der Einsetzung des Königtums in Israel auf dieses schicksalsschwere Wort hingewiesen. Was der heidnische Prophet Bileam zum Euhme Israels gesungen: „Siehe, es ist ein Volk, das abgesondert wohnt und in anderen Völkern nicht aufgeht," ist ihm nicht in Fleisch und Blut übergegangen und die unnatürliche Vermischung mit heterogenen Elementen hat sich an ihm jederzeit bitter gerächt. Selbst Antäus, der Riese, war nur so lange unüberwindlich, als er durch erneute Berührung aus seiner Mutter Erde Kraft zog. Der furchtbare Druck eines Antiochus Epiphanes war, wenn wir die Verhältnisse sine ira et studio betrachten, durchaus nicht ganz unbegründet. Lesen wir doch die Bücher der Makkabäer! Noch bevor Antiochus seine harten Gesetze gegen Juden und Judentum erliess, heisst es dort: „In jenen Tagen standen ruchlose Leute in Israel auf und überredeten viele, indem sie sprachen: Auf , lasset uns einen Bund schliessen mit den Völkern rings um uns her; denn seitdem wir uns von ihnen abgesondert haben, traf uns viel Unglück." Die Hohepriester Jason und Menelaos schämten sich ihrer jüdischen Namen, legten sich griechische Namen bei und erkauften ihr hohes Amt mit aus dem Tempel geraubten Golde vom König; jüdische Hellenisten brachen jeden Verkehr mit ihren Glaubensgenossen ab, buhlten um den Händedruck eines vornehmen Griechen und Hessen sich in ihrer Assimilationswut nicht dadurch beirren, dass sie nicht selten einen Fusstritt einstecken mussten; Simon verriet seine Glaubensgenossen, verleumdete sie bei der syrischen Obrigkeit aufs schmählichste. Kann angesichts solcher jüdischer Auswüchse der grausame syrische Antisemitismus als ganz unberechtigt hingestellt werden? Und was war es denn eigentlich, was den Anpassungsfanatismus jener syrischen Salonjuden entfesselte und schürte? Hatte es ihnen etwa die klassische Kultur der Antike angetan? Vertieften sie sich in die Gesänge Homers, rankten sie sich an dem Zeitalter des Perikles empor, nahm sie das Studium der platonischen und aristotelischen Philosophie gefangen? Weit entfernt davon, klammerten sie sich an Aeusserliehkeiten, der griechische Sport stach ihnen in die Augen, Rennbahn, Diskuswerfen, Kampfspiele absorbierten ihr Interesse, die unkeusehen Gebräuehe und Sitten der Griechen zogen sie in ihren Bann. Nicht das klassische, schönheitsselige Hellenentum war der Gegenstand ihrer Sehnsucht, vielmehr schwebte ihnen als Ideal das entmannte, entnervte and altersschwache Griechentum vor. Halbbildung und übertünchte Kultur ohne jede innere Wahrheit trat als gefährliche Rivalin gegen das echte, frischen Erdgeruch ausströmende Judentum auf. Das Ringen dauerte geraume Zeit; als Juda Makkabi den Tempel bereits gereinigt und eingeweiht hatte, währte der Kampf gegen die Hellenisten noch zwanzig Jahre, bis es endlich Simon, dem Makkabäer, gelang, sie aus der Burg Akra zu vertreiben und niederzuwerfen. Der Geist der alten syrischen Salonjuden war aber damit nicht für alle Zeiten niedergerungen, er spukt noch heute, noch immer ertönen Rufe: „Wir wollen sein wie alle anderen Völker." Indifferentismus, Fahnenflucht und Aufdringlichkeit bilden ein ausserordentlich deprimierendes Kapitel in der gegenwärtigen Geschichte der Juden, die überwiegende Zahl derselben will, um das Distichon eines verstorbenen deutsch-österreichischen Dichters zu variieren, nicht begreifen, dass „Köstliches Obst fürwahr; es entsprang semitischem Schlehdorn, Den mit klassischem Reis kundige Gärtner gepfropft." Unser Trost, unsere Hoffnung sind unsere modernen Makkabäer, die inmitten des alle Ideale ertötenden Materialismus stolz und unentwegt auf den altehrwürdigen Berg Sinai blicken, von dem das Licht seinen Ausgang nahm. Heil ihnen, die nach Zion, der Wiege der Thora, gravitieren! B. Jakobs,

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