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Die Welt · 1904-12-02 · 49 (2.12.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „&ie # Welt11 Nr. 49 worden. In der Mitte der stärkere Stamm, rechts und links vier Zweige, einer unter dem anderen, die in einer Ebene liegen, und alle acht sind gleich hoch. Eine spätere Symbolik brachte den nennton kurzen Arm, welcher nach vorne steht und der Diener heisst. Was haben die Geschlechter, die aufeinander folgten, in diese ursprünglich einfache und von der Natur genommene Kunstgestal t hineingeheimnist? Und unser Mann, der ja ein Künstler war, dachte bei sich, ob es denn nicht möglich wäre, die erstarrte Form der Menorah wieder zu beleben, ihre Wurzeln zu tränken wie die eines Baumes. Auch der Klang des Namens, den er nun an jedem Abende vor seinen Kindern sprach, gefiel ihm wohl. Es war ein Klang darin, besonders lieblich, wenn das Wort aus dem Kindermunde kam. Die erste Kerze wurde angebrannt und dazu die Herkunft des Festes erzählt. Die wundersame Begebenheit vom Lämpehen, das so unerwartet lange lebte, dazu die Geschichte der Heimkehr aus dem babylonischen Exil, der zweite Tempel, die Makkabäer. Unser Freund erzählte seinen Kindern, was er wusste. Es war nicht gerade viel, aber ihnen genügte es. Bei der zweiten Kerze erzählten sie es ihm wieder, und als sie es ihm erzählten, erschien, ihm alles, was sie doch von ihm. hatten, ganz neu und schön. Von da ab freute er sich jeden Tag auf den Abend, der immer lichter würde. Kerze um Kerze stand an der Menorah auf, und mit den Kindern träumte der Vater in die kleinen Lichter hinein. Es wurde schliesslich mehr als er ihnen sagen konnte und wollte, weil das noch über ihrem Verständnis war. Er hatte, als er sich entschloss. zum alten Stamme heimzukehren und sieh zu dieser Heimkehr offen zu bekennen, nur gemeint, etwas Ehrliches und Vernünftiges zu tun. Dass er auf diesem Heimwege auch eine Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schönen finden würde, das hatte er nicht geahnt. Und nichts Geringeres widerfuhr ihm. Die Menorah mit ihrem wachsenden Liehterschein war etwas gar.Sohönes und man konnte sich dazu erhabene Dinge denken. So ging er her und. entwarf mit seiner geübten Hand eine Zeichnung für die Menorah. die er seinen. Kindern übers Jahr schenken wollte. Frei gestaltete er das Motiv der acht gleich hoch ausla/ufenden Arme aus, die rechts und links in der Ebene des Stammdnrchsclmittes liegen. Er hielt sich an die steife überlieferte Form nicht für gebunden, sondern schuf wieder aus Natürlichem heraus, unbekümmert um andere. Deutungen, die ja darum auch ihr Eecht behalten mochten. Er war auf lebensvolle Schönheit aus. Doch wenn er auch in die erstarrten Formen eine neue Bewegung brachte, hielt er sieh dennoch an ihr Gesetz, an den vornehm alten Stil ihrer Anordnung. Es war ein Baum mit schlanken Aeslen, deren Enden wie Kelche sieh erschlossen, und in diesen Bliitenkelchen sollten die Lichter stecken. Unter so gedankenvoller Beschäftigung verstrich die Woche. Es kam (1er achte Tag. an dem die ganze Reihe brennt, auch der treue neunte, der Diener, der sonst nur zum Anzünden der übrigen da ist. Eine grosse Helligkeit strömte von der Menorah aus. Die Augen der Kinder glänzten. Unserem Manne aber wurde das ganze zu einem Gleichnis 'für die Entflammung der Kation. Erst eine Kerze, da ist es noch dunkel und das einsame Licht sieht noch traurig aus. Dann findet es einen Gefährten, noch einen, noch mehr. Die Finsternis nruss weichen. Bei den Jungen und Armen leuchtet es zuerst auf, dann schliessen sich die anderen an, die das Eecht, die Wahrheit, die Freiheit, den Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schönheit lieben. Wenn alle Kerzen brennen, dann muss man staunen und sich freuen über das getane Werk. Und kein Amt ist beglückender als das eines Dieners am Licht. Chanuka 5665. Dass wir auch heuer Feste feiern werden! - Ich hätte es nicht geglaubt. Und doch, da es nun wieder gekommen ist, das Fest des wachsenden Lichtes, die Illumination, die das jüdische Volk seit Jahrtausenden seinen Helden weiht, die Erinnerung an das liebliche Wunder vom heiligen Oelkrüglein, da sehe ich, dass wir unser Fest heuer erst recht begehen müssen. Weihevoller als jemals früher, inbrünstiger als in alten Zeiten; denn ein neues Wunder hat sich mit unseren Liehtlein begeben. Sie sind zu lohenden Flammen geworden, die weit über den Erdkreis leuchten, und wie einst im wundertätigen Oelkrüglein, so bietet sich ihnen auch jetzt wieder ein nie versiegender Born, der ihr stilles Lieht wundersam nährt und stärkt. Eine neue Menorah hat er unserem Volke angezündet. Er, dessen ich heute wieder in dankbarer Liebe gedenke. Er, den ich nicht zu nennen brauche. Der sich beglückt fühlte, Diener am Lichte zu sein. Fürwahr! Wir sind ein grosses, stolzes Volk, wenn wir dem Lichte solche Diener stellen. Welch eine ungeheure Kraft, welch unsterbliche Schönheit liegt in uns verschlossen, wenn wir der Welt solche Männer schenken können! Und wie arm sind wir doch dabei, wenn es Brüder gibt, die sich von dem Lichtglanze abwenden, weil sie ihn scheuen! Sie nennen sich und anderen hundert Gründe, die sie entschuldigen, rechtfertigen sollen. Und wenn es nicht anders geht, so wenden sie dem Lichte den Kücken und fragen dann ganz erstaunt, wo denn das Lieht sei. Vergebene Mühe! Unser Licht leuchtet immer heller und fröhlicher. Ein Künstler von Gottes Gnaden hat uns die Menorah dazu gefertigt, mit blühenden Kelchen, deren Schönheit und Pracht sich immer herrlicher entfaltet. Und ein Licht nach dem anderen flammt auf aus den Kelchen. Haben die Wunder je aufgehört? Dem Künstler nie, dem Dichter nie und dem Volke erst recht nicht, das Dichter ist und Künstler. Was die zünftigen Gelehrten, die beamteten Weisen, die Männer, deren Gott^ heit die flache, nützliche Nüchternheit ist. sich nicht träumen lassen können — das Volk ahnt es längst als lebensvolle Wahrheit und webt einen Wunderschleier drüber, bis einst der Mann kommt, der alle die heimlichen Gedanken, Hoffnungen und Träume seines Volkes in sich verkörpert, dem alle seine Schönheit und Kraft zuteil geworden. Wenn der den Schleier hebt, lässt ihn das Volk freudig gewähren. Es preist ihn und liebt ihn ob seiner Tat; denn er hat gewollt und getan, was dem Besten des Volkes zu tun bestimmt war. Unsere Lichtlein brannten schwach und trübe. Es gab Orte, wo sie ganz erloschen waren. Statt ihrer reckte triumphierend die nordische Tanne ihre Zweige in die Höhe und schmückte sich mit anderenLich lern, die unseremLieben fremd waren und die wir nur kannten als Lichter unseres Elends. Da kam er, der das Sehnen und Hoffen seines Volkes ganz erfassen lernte. Und. was viele vor ihm versucht hatten, ohne dass es ihnen recht gelang, er durfte es vollbringen! Er hat unsere Lichter wieder entzündet, dass ihr Schein trostreich und verheissungsvoll von neuem erstand,- prächtiger als früher. Und er hat uns auch eine Menorah gegeben, die Menorah. Den vornehm, alten Stil hat er gewahrt, aber es war nicht mehr die alte Menorah allein. Sie war unter seinen Händen gewachsen. Ein mächtiger Baum war aus ihr geworden. Auf ihren schlanken Aesten flammten tausend Lichter, nicht schwach und trübe, sondern hoch und hell, bis sie als einzige Flamme in die ärmsten Hütten der unglücklichsten unserer Brüder leuchteten! Wie die Aeste machtvoll wuchsen! Ein neues Wunder zu den alten! Heute ziemt es sieh, seiner dankbar zu gedenken. Dankbar und hoffnungsvoll-

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