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Die Welt · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 „biS # Welt11 Nr. 48 Wiener Kultusgemeinde den Manen Dr. Herzls erwiesen habe, was eine gerechte Würdigung dieses grossen Juden gewesen, sei, der die einzige weätausgreifende und zukunftverheissende Politik für sein geliebtes Volk betrieb und unter der übermenschlichen Arbeit als Märtyrer der Liebe zu seinen Brüdern zusammenbrach. Trotz dieser günstigen Symptome habe sich Redner bis in die letzte Stunde strikte geweigert, das ihm angebotene Mandat für den Kultusvorstand anzunehmen. Denn die Arbeit für seinen Beruf und vor allem die Arbeit, die -er bekaiintermasseu an anderer; Stelle zum Wohle des Judentums gewissenhaft betreibe, seien Last genug für seine Kräfte. Wenn er aber in letzter Minute sich doch umstimmen Hess, so sei das auf den Umstand zurückzuführen, dass bei der ersten Nennung seines Namens unter den Kandidaten gehässige Verdächtigungen und Verleumdungen gegen ihn entstanden seien, die sich an den Umstand knüpften, dass ihm von der Kultusgeniehide eine in sein Fach schlagende Arbeit, aus der er keinen Vorteil ziehe, übertragen worden sei. Gewohnt, jeder Verdächtigung Aug in Aug entgegenzutreten, habe Redner gerade deshalb seiner Kandidatur zugestimmt, um jedem Gegner Gelegenheit zu geben, seine Anwürfe vor der Oeffentlichkeit vorzubringen. Was sein Programm anbelangt, sagt der Redner, so sei es doch allgemein bekannt. Drei Grundzüge leiten ihn bei allem seinem Tun: Eine unbegrenzte Liebe zu seinem Volke, aber auch der feste Wille, das Volk in seiner traurigen, schwierigen Lage nicht durch das verderbliche Wohltätigkeitssystem zu betäuben, sondern weiter auszublicken und die jüdische Frage von einem höheren Gesichtspunkt anzufassen, nicht bloss über den Augenblick hinwegzukommen zu trachten, sondern für eine endlich dauernde Hilfe zu arbeiten, für die Heimatlosen ein Heim, für die Verfolgten eine Zufluchtsstätte zu schaffen. Nicht zu klagen und zu molestieren, sondern zu arbeiten, sei die Aufgabe der Kultusgemeinde. (Ein Ruf aus dem Publikum: Lueger rnuss aufs schärfste bekämpft werden!) Nein, Lueger bekämpfen zu wollen, ist ein Wahnsinn, denn wir sind Zwerge seiner Macht gegenüber, und jedes Quentchen Kraft, das In diesem ungleichen Kampfe verbraucht wird, ist eine Vergeudung und kann viel besser verwendet werden zu positiver Arbeit für unser armes Volk, besser verwendet werden zur Bekämpfung der Feinde irn eigenen Lager, der Abtrünnigen und Indifferenten. In diesem Sinne, mit diesen Absichten wolle Kandidat in den Vorstand treten und dort wirken. Er werde einer gegen 35 Anschauungsgegner sein. Er werde nicht durch mechanische Stimmenangabe wirken können, er hoffe aber durch die Macht der von ihm vertretenen Ideen und Anschauungen den Vorstand zu überzeugen und mit sich fortzureissen. Redner geht sodann in Erörterung von Detailfragen ein. Ueberali fordert er das Eindringen des nationalen Geistes; an Stelle der „Glaubensgemeinschaft" müsse endlich das Volk treten, für das auch an dieser Stätte zu wirken er nun bereit sei. Obwohl durchaus kein Jüngling mehr, will er es versuchen, im Kultusvorstande die Jugend zu Worte kommen zu lassen. Ein neuer Geist ist es, der ganz Israel erfüllt, er gehört auch in die Kultusstube. (Beifall.) Herr Pappenheim stellt seine Kandidatur auf als modern konservativer Jude, der die Lehre in alle Zweige des jüdischen Lebens zu versenken und darin zu vertiefen wünscht. Vom Zentralwahlkomitee ist dieser Kandidat nicht aufgestellt, ebensowenig wie der folgende Redner. Advokat Dr. Franz W e i s 1, ein nationaler Jude, hält eine von bestem nationalem Geiste erfüllt Rede, in welcher sich ein schönes jüdisches Wissen offenbart. Er lehnt es darin weit ab, zu irgend einem Zweige des jüdischen Lebens eine Spezialliebe zu hegen, vielmehr erfülle ihn tiefe Liebe zum Gesamtjudentum und seinen Bedürfnissen. Demgemäss würde er in einem Mandate im Kultusvorstand nicht eine lokale Mission erblicken, sondern stets darauf bedacht sein, die Gemeinde musterhaft und vorbildlich für seinen Teil zu verwalten, und namentlich der Jugenderziehung volle Sorgfalt zuzuwenden. Advokat Dr. Schreiber lässt in seiner Kandidatenrede dem Zionismus volle Würdigung an gedeihen. Er1 ist der Ansicht, dass für das ungeheure Verwaltungsgebiet der1 Gemeinde die bestellende Anzahl Funktionäre zu gering sei, und er bitte, bei der unausweichlichen Statutenänderung diesem Punkt Aufmerksamkeit zuzuwenden. Herr J. Steiner (eigener Kandidat) will im Rabbinat eine andere Einteilung treffen und vor allem einen anderen Geist hineinbringen, der dem bisherigen Geschäftsrabbinismus widerspricht. Auch soll jeder Protektion gesteuert werden sowie die jungen Rabbiner einen grösseren Wirkungskreis erhalten. (Dr. Stern berichtigt dazu, dass nicht protegiert werde und dass die neuen Rabbiner in vollster Tätigkeit stehen.) Zum Armenwesen wünscht Redner mehr als bisher die sehr erwünschte Tätigkeit der Frauen. Auch sollte zu Steuerzwecken ein Kataster sämtlicher Wiener Juden angelegt werden. Bei den nun folgenden Interpellationen der Wähler zeigt es sich, dass in den Kreisen der Wiener jüdischen Gewerbetreibenden tiefe Verstimmung gegen den Vorstand herrscht. Den Grund hierfür bilden Lichtanlagen im Leopoklstädtjr Tempel, die einer christlichen Firma übergeben wurden. Dr. Stern nimmt den Vorstand gegen die Angriffe der Herren Ing. Hirsch und Löwenbei n in Schutz, weil die Offerten der Juden angeblich viel zu teuer gewesen wären. Herr E. ß r o d, Vorstand des Gewerbevereines, vermittelt schliesslich in schöner Rede, weist nach, dass vom Vorstand schwere Fehler gemacht wurden, hofft aber, dass. die berechtigten Wünsche der Gewerbetreibenden nach Förderung, die er formuliert, in Zukunft berücksichtigt werden. Zum Schlüsse kommt es zu einer geradezu unglaublichen Szene. Advokat Dr. Jakob K o h n bringt die Affäre des gemassregelten Religionslehrers Rabb. Dr. D. Fink vorsichtig und vollkommen objektiv zur Sprache. Nach seinen ersten Worten schon erhebt sich der Präsident nervös und verlangt, die Sache solle nicht in der Versammlung besprochen werden. Er sei bereit, vor 12 gewählten Herren im Vorstandsbureau urkundlich belegte Aufklärung zu geben. Dr. K o h n färrt t' ützdem fort. Er kommt nicht über ein paar Worte. Dr. Stern, springt wütend auf und schreit: „Nachdem also die Sache doch besprochen werden soll, so schliesse ich die Versammlung!" Also geschehen in Wild-West. Wirklich war damit Schluss (10 Uhr). Ungeheure Aufregung im Saale. —y. * jj, * Vom Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde in Wien erhalten wir folgende Zuschrift: „Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde in Wien konstatiert über Wunsch des Herrn Architekten Oskar Marmorek in Angelegenheit der geschäftlichen Beziehungen des genannten Herrn zur Wiener Kultusgemeinde das folgende: Anfangs Oktober des laufenden Jahres traten an die Kultusgemeinde verschiedene schwierige Fragen bautechnischer Natur heran. Der Vorstand ersuchte den Herrn Architekten Oskar Marmorek um seinen fachmännischen Rat. Herr Architekt Marmorek unterzog sich in bereitwilligster Weise der an ihn ergangenen Aufforderung, untersuchte die in Frage kommende Baulichkeit (den Leopoldstädter Tempel) und legte dem Vorstande ein Projekt für die notwendigen Adaptierungsarbeiten vor. Das Projekt fand in allen seinen Teilen, insbesondere durch die Lösung eines den Vorstand schon längere Zeit beschäftigenden, sehr schwierigen technischen Problems die einhellige Zustimmung des Vertreterkollegiums sowie des Vorstandsplenums und so wurde Herrn Architekten Marmorek die Leitung der Ausführungsarbeiten übertragen. In Abwesenheit

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