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Die Welt · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. „bis * w$it" Seite 9 kannte und ihnen voraussagte, dass sie „untertauchen" werde, und nur den Prozess zu beschleunigen riet. Wie „liberal* aber diese „liberale" Partei sei, zeige ihr Verhalten gegenüber der Reform des Wahlrechtes in die Repräsentanteiiversarnrnlung, indem nämlich ihr Haupt Vertreter, Professor Geiger, derselbe, der die Vermessenheit besass, die Erwähnung Zions in den Gebeten als Gotteslästerung zu bezeichnen, der Meinung sei, ein allgemeines Wahlrecht sei gar nicht gerecht, „ein Pferdeknecht könne nicht gleiches Recht mit Bismarck haben". Ein jüdischer Handwerker hob in der Diskussion hervor, wie schlecht der Vorstand mit den jüdischen Handwerkern umgehe, wenn er selbst in den Synagogen die Arbeit nichtjüdischen Handwerkern überlasse. Dr. Friedemann zeigte, dass der jüdische Vorstand nicht einmal Handwerkerasyle und -Vereine ins Leben gerufen habe, was sich schon die kleinste katholische oder evangelische Gemeinde leiste. Die Liberalen natürlich verschmähten es, auf den Versammlungen der Gegner zu erscheinen und auf die erhobenen Vorwürfe zu erwidern. Die Wiener Kultuswahlen. Samstag den 19. ds. fand im Hotel „Post" die Wählerversammlung der Kultusgemeinde statt, die im Zeicnen der durch das Zentralwahlkomitee geschaffenen Einigkeit tagte. Im Präsidium: Präsident der Kultusgemeinde Dr. A. Stern, die Vizepräsidenten Landessehulrat Dr. G. K o h n, kais. Rat M. H i r s c h. Anfang 6 Uhr. Was dem Abend sein Gepräge gab, ist nur dem verständlich, der die Entwicklung der Kultusgemeinde von einer Schleppträgerin der abgekrachten liberalen Partei bis zu ihren wahren Aufgaben verfolgt hat. Während jahrelang die offiziellen Versammlungen auf dem Gefrierpunkt des jüdischen Gefühls gestanden hatten, nahm diesmal niemand Anstand, sich dem Sinne nach oder wörtlich einer kräftigen nationalen Sprache zu bcfleissigen. Es war eine langsame, aber doch eine ehrliche Rückkehr zum Judentum zu spüren — eine Genugtuung für jeden guten Zionisten, der die Wahrheit auch in der Wiener Gemeinde auf dem Marsche sieht. Präsident Dr. $ t e r n begriisst die Versammlung und teilt im Nachtrage zu dem an die Wähler versendeten Rechenschaftsbericht von den grossen Schenkungen (2 Millionen Kronen Rothschildspital, 2 Millionen Kroneri Merores-Waisenhaus) mit. Das Rothschildspital hatte bis jetzt ein Defizit von 200 000 K. Man konnte von den vorhandenen 150 nur 123 Betten belegen und hätte zu weiteren Reduktionen schreiten müssen. Weiters würdigt Redner die Tätigkeit der Damenwohltätigkeitsvefeine, die für die Verwaltung der humanitären Institute der Gemeinde wirklich Erspriessliches leisten. Als erster Kandidat tritt Herr Baurat Goldschmidt auf, der die Entwicklung des Armenwesens unter seiner Leitung schildert, das von 8000 fl. Jahresbedarf noch im Jahre 1888 bis zur Höhe von 88 000 K Ausgaben sich entwickelt Int. Weiters erwähnt er, dass der vierte Teil aller Wiener Wöchnerinnen unterstützungsbedürftig ist. Redner weiss mit eim-r Menge Daten seinen guten Willen und seinen Fleiss glaubhaft zu machen und zeigt, wie er durch Subkommissionen, Enqueten und Einteilungen Ordnung in sein grosses Verwaltungsgebiet zu bringen bestrebt ist. Herr kais. Rat M. Hirsch kann als Verwalter der Finanzen der Gemeinde seüt 1896 über seine trockene Verwaltungstätigkeit nicht viele Worte machen und beruft sich auf die bisherige Zufriedenheit der Fachleute für seine Tätigkeit. Auch Herr kais. Rat W. Hörne r, Prokurist des Bankhauses S. M. v. Rothschild, fasst sich kurz. Der Tenor seiner Ausführungen zeigt den guten Willen für die Angelegenheiten der Kultusgenieinden. (Der Wirkungskreis, des Redners zieht die wohlhabenden Juden. Wiens mit ein, die er bekanntlich allmählich für die KultusgerneiiLde heranzieht. Die Millionenspende Rothschilds ist sein Werk.) Grosshändler K a u d e r s stellt sich als Vorkämpfer für grössere Rechte der Bezirkskommissionen und Unterstützung der Tempel vereine vor. Sein Spefzialreferat im Vorstand wir das Kultuswesen (Koscherfleisch, Mikwah), wofür er im Sinne seines Konservatismus vorzusorgen verspricht. Eine flammende Rede in konservativem Sinne hält unter grossem Beifall Advokat Dr. Spitzer. Er geisselt die Indolenz der Reichen, den unaufhaltsamen Abfall in den jüdischen Palästen, ruft zur Sorgfalt für eine warmherzige Erziehung zum Judentum auf. Er will den Kultusvorstand' nicht als Verwaltungsbehörde sehen, sondern als Mutter der Gemeinde in allen Angelegenheiten. Auf dem Gebiete der Humanität will er echt jüdische Grossmut und Mitleid walten sehen. Er ist der Ansicht, dass das Judentum gegenwärtig einen Verjüngungsprozess durchmache und dass man den Vorkämpfern der Regeneration wie auch allen anderen Schattierungen im Judentum Platz mache. Vor allem ist er aber für strengste Einigkeit der Juden. Hier muss bemerkt werden, dass das konservative Element in der Wiener Judenheit in stetem Machtzuwachs begriffen ist. Die Herren sind auch anlässlich der jetzigen Wahlen sehr aktiv geworden und mehrere der Kandidaten vertreten sein Programm. Nach Dr. Spitzer entwickelte Herr Baurat Stiassny, der Baureferient der Gemeinde, seine Absichten und sein Programm. Seine Rolle bleibt nach wie vor eine rein fachliche, wozu noch künstlerische Intentionen kommen. Er ist Vorsteher des jüdischen Museums. Sozusagen als Generalredner sämtlicher Kandidaten tritt hierauf Dr. F i a 11 a, deir Präsident des seligen Politischen Volks Vereines, auf die Tribüne. Er führt das Programm des Zentralwahlkomitees aus, das wir aus Raummangel nicht bringen können. Soviel kann aber darüber bemerkt werden, dass ein häufig darin vorkommendes Wort „Stammesbewusstsein" ist, eine deutliche Illustration seines dem Nationalismus nanen Geistes. Auch sind! viele der ursprünglichen zionistischen Forderungen in betreff des praktischen Solidaritätsgefühles, der Tendenz -einer wirklichen Gemeindevorstehung, einer geordneten Steuerbemessung und der Jugenderziehung darin enthalten. Dem einst sehr liberalen Dr. Fialla hat es gewiss niemand an seiner politischen Wiege gesungen, dass er dieses rein jüdische Programm mit so schöner Beredsamkeit vertreten wird. Herr kais. Rat Anninger bringt als Vorsitzender des Zentralwahlkomiteies eine Zuschrift des verhinderten Kandidaten Salo Landau zur Verlesung, worin sich dieser als nationaler und strenggläubiger Jude dem Vertrauen der Wähler empfiehlt. Herr Landau ist Vertrauensmann der Orthodoxen. Herr kais. Rat Sachs bekennt sich als Jude mit Herz und Seele, der speziell gewählt zu werden wünscht, um die herrschende Felonie und Indolenz bekämpfen zu helfen. Dazu wird er stets für den Frieden in der Gemeinde wirken. Aktionen der Gemeinde über ihren jetzigen engen Rahmen hält er für unerlüsslich, namentlich in Fragen der russischen und rumänischen Auswanderung. Auch sonst müsse die Gemeinde sämtliche Interessen ihrer Mitglieder zu den ihren machen, nicht bloss die des Kultus, Flierauf ergreift, beifällig begrüsst, Herr Architekt Oskar Marmorek das Wort zu folgenden Ausführungen: Die Taten der jüdischen Gesellschaft in letzter Zeit und die Reden des heutigen Abends enthielten viel von j'eiriem gut jüdischen, gut nationalen Geiste, den Redner aus vollem Herzen, wünsche und begrüsse. Seine und der1 Versammlung Ideen seien einander näher gekommen und da dies Redners politischer Standpunkt unbeugsam und unverrückbar sei, so konstatiere er mit Genugtuung, dass sich die politischen Triebe der früher erbitterten Gegner im Sinne des Redners entschieden fortentwickelt hätten. Ein Symptom hierfür wäre die Ehrung gewesen, welche die

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