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Die Welt · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite $ „kie # w^t" tfr. 48 taten von Hornel bezeichnet und gegen sie allerlei Verdächtigungen ausgesprochen werden. Die vornehme Petersburger Monatsschrift „Wjestnik Jewropy" weist zwar die Insinuationen des Amtsblattes gegen die Juden energisch zurück und bezeichnet sie als blosse Gehässigkeiten gegen die Juden, aber der Eindruck der amtlichen Ausfälle gegen unsere Volksgenossen ist ungeheuer gross . . . Hornel. Die städtische Schule in Hornel hat dieser Tage neue pädagogische Kurse eröffnet, um Lehrer und Lehrerinnen heranzubilden. Die jüdischen Jünglinge sahen der Eröffnung der Kurse mit Ungeduld entgegen. Sie erschienen alle am 14. ds. vor dem Schulgebäude, wo die Kurse untergebracht sind, und mussten zu ihrem grossen Kummer die am Eingang angebrachte Bekanntmachung mit der lakonischen Aufschrift lesen: „Juden werden nicht aufgenommen" . . . Mohilew. Die in den hiesigen Blättern publizierten Einzelheiten über die in allen Städten und Städtchen des Gouvernements stattgefundenen Ausschreitungen gegen die Juden sind einfach erschütternd. Im Städtchen Kujaschitschi spielte sich, wie der „Sewero Sapadny Kurjer" meldet, folgendes ab: Ein betrunkener Bauer zog seine Röhrenstiefel aus und zwang Juden und Jüdinnen, ihm die n a c k t e n F ü sse zu k ü sse n. Wer sich weigerte, wurde von ihm tödlich misshandelt . . . Die Ware in allen Geschäften wurde geraubt und fortgeschafft. Alle Juden verliessen das Städtchen und verbargen sich in den Wäldern, wo viele aus Kälte und Hunger zugrunde gingen . . . Sogar die antisemitischen amtlichen „Mogilewskija Gubernskija Wjedomosti" müssen zugeben, dass in einigen Städtchen, so in Mstisslawl, Tscherikow und in Bychow die Plünderer schrecklich und bestialisch gehandelt haben . . . Hunderte von Häusern in den Städten und Städtchen im Gouvernement stehen jetzt unbewohnt da, weil die jüdischen Bewohner, völlig ruiniert, nun in die Fremde zogen, um Brot und Obdach zu suchen . . . Minsk. Wie der „Sapadny Wjestnik" meldet, berief der Gouverneur von Minsk, Graf Mussin-Puschkin, 30 Vertreter der jüdischen .Gemeinden des Gouvernements zu sich, um mit ihnen die Massnahmen zu beraten, welche ergriffen werden müssen, um den Ausbruch von Exzessen gegen die Juden zu verhüten. Die Juden werden aufgefordert, Geld zur Veranstaltung von Festmahlen für die einberufenen Reservisten zu geben, damit sie von den Exzessen ablassen. Die veranstaltete Subskription ergab 20 000 Rubel . . . Wir enthalten uns, diese Tatsache irgendwie zu kommentieren. Sie spricht Bände. Odessa. Der ,,Odesskij Listok" zitiert den Tagesbefehl des in der Mandschurei dislozierten 121. Pensaregimentes, Obersten Markow, über die Heldentaten, welche jüdische Soldaten seines Regimentes in zahlreichen Schlachten und Kämpfen gegen die Japaner vollbringen. Der Jude D u b o v i s wurde sogar von Kuropatkin eigenhändig mit dem Georgsorden dekoriert. Dieser Jude stand bis jetzt, wie Oberst Markow hervorhebt, täglich im Feuer und bekundete beispiellose Tapferkeit und Bravour. Die in Petersburg eingetroffene jüngste Nummer des in Port Arthur erscheinenden „Nowy Kraj4 berichtet gleichfalls über bewunderungswürdige Heldentaten, welche der Jude Nuchim T e w e 1 e s aus der Besatzung in Port Arthur täglich vollbringt. Er verstand es bis jetzt, täglich die japanische Blockade zu durchbrechen, bei den Chinesen Lebensrnittel zu kaufen und sie wohlbehalten in die Festung zu bringen . . . Beim Lesen dieser offiziellen Berichte über die Heldentaten jüdischer Soldaten vermehrt sich der Kummer über die Lage unserer Volksgenossen in Russland. Dort, an den Gestaden des Stillen Ozeans, kämpfen Juden mit Todesverachtung für ihr Vaterland Russland und dessen Söhne, hier, in den Städten und Städtchen dieses Vaterlandes, werden die Eltern und Verwandten und Volksgenossen dieser heldenmütigen Juden gcnlündert, misshandelt und totgeschlagen . . . Armes jüdisches Volk! ... Gt. Berliner Brief. Also am 24. soll es sich entscheiden, ob „der Sabbat oder tii'e jüdische Gemeinde in Berlin in Gefahr sei". Zur Verteidigung des Sabbats nämlich rufen die Konservativen die Gemeindewähler zum Kampfe gegen die Liberalen auf und stützen sich hierbei auf das vor drei Jahren von den Liberalen aufgestellte Programm, in dem diese Wohltäter des Judentums den Sonutagsgottesdienst als die einzige allein seligmachende Rettung der jüdischen Religion einzuführen gelobten. Sie verrechneten sich bloss damals. Die reaktionären Wähler gewährten ihnen, nicht die Gelegenheit, ihre guten Absichten verwirklichen zu können. Nun beteuern sie hoch und heilig, dass ihrerseits der Sabbat gar nicht bedroht sei, wenn auch einer ihrer Kandidaten unvorsichtigeirweise sich verplaudert hat, sie müssten auf den Sonutagsgottesdienst nur für jetzt, wo ihre Machtstellung gefährdet sei, nicht aber für immer verzichten. Dagegen heben sie hervor, „die jüdische Gemeinde in Berlin sei in Gefahr", wenn die Konservativen siegen, ohne jedoch angeben zu können, worauf diese Gefahr fürs Judentum beruhe. Ueberaus interessant ist nun für jeden Fall die Situation, da die beiden so sehr verschiedenen und sich bekämpfenden Parteien den Wählern fast gleichlautende Programme vorlegen und eine jede der anderen Unaufrichtigkeit vorzuwerfen weiss. Wie kommt dies aber? Haben sich die Programme mit der Zeit ausgeglichen oder besitzt keine Partei hinreichenden Mut, um offen und ganz klar ihr Programm zu verkünden? Wahrscheinlich trifft beides zu. Tatsächlich kann man keine einzige Partei allzu grossen Mutes und vollständiger Offenheit zeihen. Andrerseits aber ist diese Parteiung veraltet, entspricht nicht den tatsächlichen Verhältnissen, in Wirklichkeit existiert sie fast nicht mehr. Nur ein recht geringer Teil der Gemeindemitglieder ist so sehr konservativ, dass er es auch in seinem Leben bekundet und es deshalb auch entsprechend scharf hervorheben mussten. Noch geringer ist die Zahl derjenigen, die ein voll ausgebildetes, liberales Programm besitzen und ganz klare Wünsche) und Forderungen betreffs der Gestaltung des judentums. Vielmehr ist allgemeine Indifferenz und Programmlosigkeit der wahre Ausdruck für den Durchschnitt des hiesigen Judentums. Angesichts dessen ist es fraglich, ob die Zionisten, die allein mit einem ganz neuen Programm kommen, nicht auch die Pflicht haben, allein zu stehen, um seine Reinheit zu wahren. Wichtig vor allem nämlich ist es, durch Aufstellung eines klaren, einheitlichen, von einein Gesichtspunkte aus konsequent aufgebauten Programines die Juden erst zu lehren, in bezug auf jüdische Fragen einen Standpunkt überhaupt einzunehmen. Es bleibt daher die Frage offen, ob nicht noch für den Moment unsere Stärke eher im Kampfe als im Siege beruhe, ob es wichtiger sei, mit fremder Hilfe einige Mandate zu gewinnen oder seine Selbständigkeit zu wahren und mit um so grösserer Energie sich in den Kampf zu stürzen, wenn auch ohne Aussicht auf Sieg. Denn ohne Erfolg ist dieser Kampf nie. Zweifellos ist im Judentum, in den jüdischen Institutionen seit dem Auftreten des Zionismus trotz allern doch eme gewisse Wandlung zu bemerken, es wächst stet\ das Interesse und die Arbeit der Juden fürs Judentum. Ohne auch eine tatsächliche Macht, d. h. ohne die offiziellen Würden und Majorität in den offiziellen Korporationen, hat der Zionismus auf die Volksstimmung immer stärker eingewirkt. Nun fragt es sich, ob zur Eroberung dieser Korporationen der langsamere Weg der ferneren Einwirkung auf die Massen allein oder der kürzere durch Kompromisse führt. Eine gewisse moralische Schwächung ist ein Kompromiss für jeden Fall. Wenn auch die Entscheidung dieser Frage schliesslich von den lokalen Verhältnissen abhängen muss, so könnten doch gewisse allgemeine Grundzüge aufgestellt werden. Die Zionisten vereinigten sich hier mit den Konservativen und haben auf ihrer Liste zwei Mandate zugesichert. Zweifellos haben sie gewisse Berührungspunkte, zunächst das Interesse an der Erhaltung des Judentums, wenn auch verschieden aufgefasst, und an der Bekämpfung der antijüdischen liberalen Regierung. Ob dies aber hinreicht? Am 19. fand eine zionistische Wähler Versammlung statt. Heinrich L o e w e stellte die Erfolge der langjährigen Wirtschaft der liberalen Partei dar. Die Massentaufen, der allgemeine Abfall vom Judentum seien ihr zu verdanken. Die Jugend lasse sie so wenig vom Judentum wissen» dass es gar nicht wundernehmen kann, wenn dieselbe ihm so zahlreich den Rücken wendet. Der Religionsunterricht werde so betrieben, dass von unserer Bibel die christlichen Kinder mehr wissen als die jüdischen. Anknüpfend an die bekannte Affäre Geiger-Fromer meinte er, dem jüdischen GemeiiidebiblJ.otliekar sei nur Unrecni widerfahren, da er ja die Konsequenzen des liberalen Regimes

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