Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Ol* # Welt11 Nr, 48 englischen Regierung geführt, trotzdem er in Wien lebte? Und ist nicht das von einem Teile der Zionisten als eine neue Epoche in der Geschichte des jüdischen Volkes seit dem Beginne des Exils angesehene Anerbieten von der englischen Regierung an die zionistische Leitung gemacht worden, trotzdem letztere nicht in der Nähe von Downing Street ihren Sitz hatte? Die „Einwirkung auf die leitenden Männer" Englands kann also von Wien aus ebensogut geschehen wie von London aus. Sehen wir indes nüchtern zu, was England bis jetzt für den Zionismus in Wirklichkeit getan hat. Vom Gesichtspunkte des reinen Zionismus aus muss gesagt werden, dass das bis jetzt von England in unserem Interesse Geleistete und uns Angebotene nicht die Förderung, sondern die Schädigung des Zionismus in sich enthält. Der gute Wille Englands, dem jüdischen Volke zu helfen, soll damit nicht im geringsten angezweifelt werden. Ich spreche von den Wirkungen auf den Zionismus, Es liegt mir fern, hier etwa eine neue Debatte über das Ostafrikaprojekt zu eröffnen. Aber jedermann wird zugestehen, dass Ostafrika nicht Palästina ist, dass es eine grosse Spaltung in unserem Lager herbeigeführt und eine gefährliche Krisis in der Bewegung heraufbeschworen hat, eine Krisis, die noch lange nicht vorüber ist. Auch werde ich mir von niemandem das Recht nehmen lassen, zu behaupten, dass das Ostafrikaprojekt nicht nur die Auflösung des gegenwärtigen Zionismus in sich enthält, sondern auch (als Exponent des territoriali" stischen Frinzipes) die ganze Zukunft des jüdischen Volkes getährdet. Aber auch der eifrigste Ugandaanhänger, der von der Verwirklichung dieses Projektes eine Linderung der jüdischen Not und die Sammlungeines Teiles des jüdischen Volkes erwartet, muss zugeben, dass mit dem Anerbieten Ostafrikas nichts zur Erreichung Palästinas getan ist, dies vielmehr eine endlose Verschiebung dieses Zieles bedingt Wad-el-Arish, zu dem uns England verhelfen wollte, ist auch nicht Palästina. Mir ist es viel lieber, wenn Bülow sagt: „Ich glaube nicht an die Möglichkeit der Verwirklichung eurer Idee; ich kann nichts für euch tun", alt* wenn Chamberlain sagt: „Wohl, zu Palästina kann ich euch nicht verhelfen. Aber ich will mal sehen, qb ich nicht für euch einen anderen Flecken Erde bekommen kann.* Während der erstere das zionistische Prinzip unangetastet lässt, durchbricht letzterer dasselbe und gibt dem Laufe der Geschichte des jüdischen Volkes eine neue, vom Zionismus aus zu verwerfende Richtung. Dass übrigens England bei seinem Ostafrika-Angebot auch nicht lediglich vom Interesse für das jüdische Volk beseelt war, zeigen auch die Worte, die Sir Harry Johnston in seinem Briefe vom 29. September an Mr. Greenberg geschrieben hat. Er sagt u. a.; „J do not think under proper safeguards thai this gift will be more than a judicious speculation on our part" (Ich denke nicht, dass unter sicheren Garantien dieses Geschenk mehr als eine geschickte Spekulation auf unserer Seite sein wird). Aber ich glaube, dass Herr Dr. Friedemann überhaupt die Bedeutung der Politik für den Zionismus viel zu sehr überschätzt Was wir hauptsächlich pflegen müssen, ist die innere Politik: die Idee des Zionismus in der Mitte unseres eigenen Volkes nach Möglichkeit verbreiten und vertiefen, alle Juden von der historischen Notwendigkeit des Zionismus überzeugen, das jüdisch-geistige Element pflegen, alles tun, was zur Förderung dieser Bestrebungen führen kann, und vor allem fest auf unserem Programme beharren. Es muss nach innen und nach aussenhin aufs schärfste betont werden, dass unsere Bewegung keine philanthropische, auch keine koloniale, sondern eine jüdisch-palästinensisch-nationale ist. Wir wollen das jüdische Volk im alten jüdischen Lande neu beleben zu seinem eigenen Wohle und dem der ganzen Menschheit. Und unsere auswärtige Politik muss hauptsächlich darin bestehen, das Gewissen aller Völker aufzurütteln und alle Staaten für unsere Sache au interessieren und ihren Beistand zu sichern. Wir appellieren an alle Länder gleich. Vom Gesichtspunkte der Politik muss es also für uns irrelevant sein, wo der Sitz unserer Leitung ist Als Wien der Sitz des kleinen A.-C. wurde, geschah das, weil Dr. Herzl dort lebte. Es waren keine politischen Erwägungen, die nach Wien führten. Der Zionismus schuf sich gleichsam selbst das Zentrum. Obgleich unsere Leitung in der Hauptstadt Oesterreichs war stand sie allen Mächten gleich nahe. Und wenn die Mächte mit Dr. Herzl Verhandlungen pflegten, so war es nicht etwa die österreichische Regierung, an die sie auch nur im entferntesten dachten, sondern lediglich die Vertretung der zionistischen Körperschaft. Wenn wir aber jetzt die Zentrale nach einer Stadt verlegen sollen, unter ausdrücklicher Betonung, dass wir einen Ort haben wollen, „der Resonnanz hat, eine dem Zionismus zuneigende Bevölkerung, lebhaften politischen Pulsschlag" und „dessen Regierung lebhafte Beziehungen zur Führung unserer Bewegung enthält", so kann es den anderen Mächten scheinen, als ob unsere Sache nicht mehr eine rein jüdische, sondern quasi eine jüdisch-englische wäre, was natürlich für unsere Bewegung durchaus nicht vorteilhaft sein würde. Wir können dann womöglich nicht die Vorteile, sondern die Nachteile der englischen Weltpolitik zu fühlen haben. Weitere Gründe äusserer Natur, die sich gegen London geltend machen lassen, sind^folgende: London ist nicht im Mittelpunkte Europas in dem Sinne wie Wien, Berlin oder sogar Paris und ist für unsere Brüder im Osten nicht so leicht zu erreichen wie die genannten Städte. Ferner muss im Auge behalten werden, dass bis jetzt die offizielle Sprache der zionistischen Organisation Deutsch war, das auch den meisten Juden ausserhalb Deutschlands und Oesterreichs verständlich ist. Bei einer eventuellen Uebertragung der Zentrale nach London würde unwillkürlich Englisch an die Stelle des Deutschen treten. Das wäre aber angesichts der so geringen Zahl der englisch verstehenden Juden (ein sehr grosser Prozentsatz der in England wohnenden eingeschlossen) nicht nur eine Ungerechtigkeit, sondern eine Unmöglichkeit. Ich kann mir z. B. eine englische „Welt" auf keinen Fall denken, ebensowenig einen englisch geleiteten Kongress. Schon dieser Punkt allein rnüsste für ein deutschsprechendes Land entscheiden. Es lässt sich noch vieles andere gegen London geltend machen, was ich aber übergehen will, um nicht den Artikel allzulang werden zu lassen. Ich komme nun zu den persönlichen Gründen, und da glaube ich mich etwas kürzer fassen zu können. Herr Dr. Friedemann meint: „Die erste Vorbedingung für eine erfolgreiche Arbeit der Leitung aber ist, dass der Sitz der Bewegung in eine Stadt verlegt wird, in der eine Anzahl fähiger und arbeitsfreudiger Männer lebt" und sagt weiter: „Und dort (in London) lassen sich auch fünf Männer finden — ich nenne absichtlich im Kähmen dieses Artikels keine Namen — die geeignet sind, die Führung zu übernehmen". Wohl, Herr Dr. Friedemann würde zufrieden sein, wenn man zu drei Engländern ein russisches Mitglied hinzunehmen würde. Als fünftes Mitglied könnte unser Kölner Gesinnungsgenosse figurieren, der aber nicht in London wohnen würde. Also die „arbeitsfreudigen Männer", die fähig wären, „die Führung zu übernehmen", sind nur in London zu finden. Und aus diesen Männern soll der zukünftige Führer hervorgehen. „Und die stärkste Persönlichkeit des neuzuwählenden engeren A.-C. würde im nahen Zusammenarbeiten schnell zu jener führenden Stellung gelangen, die sehr bald auch zu einer äusserlichen Anerkennung als Leiter der Bewegung führen würde". Und Herr Dr. Friedemann weiss auch, was uns nottut, was