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Die Welt · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 „bi* # W$lt" Seite 5 schiedene Stimmung. Ein solcher Ork aber existiert in Europa nur einmal, nämlich in dem Lande, dessen Regierung ohnedies lebhafte Beziehungen zur Führung unserer Bewegung unterhält. Ich meine London. Dorfe leben jüdische arbeitende Klassen, dort ist der Mittelpunkt der heutigen Weltpolitik und somit die Gelegenheit persönlicher Einwirkung auf die leitenden Männer, dort besteht eine ernste, geschäftsmässige, nüchterne Auffassung der Dinge, die für eine realistische Auffassung von der Lage unserer Bewegung bürgt. Und dort lassen sich auch fünf Männer finden — ich nenne absichtlich im Rahmen dieses Artikels keine Namen — die geeignet sind, die Führung zu übernehmen." Es sind also äussere, innere und persönliche Gründe, die Herrn Dr. Friedemann sich für London entscheiden lassen. Ich will zuerst von den i n n e r e n Gründen sprechen und sie auf ihre Stichhaltigkeit untersuchen. „Dort leben jüdische arbeitende Massen, .... dort besteht eine ernste, geschäftsmässige, nüchterne Auffassung der Dinge, die für eine realistische Auffassung der Lage unserer Bewegung bürgt." Also die in London lebenden Juden sind mehr geeignet zu einem richtigen Verständnis des Zionismus und zu einer besseren Pflege und Weiterbildung desselben als die Juden vom Kontinent (Wien, Berlin, Paris). Es ist mir unbekannt, ob Herr Dr. Friedemann zu dieser Ueberzeugung auf Grund persönlicher Beobachtungen in der Metropole Englands oder einer sonstigen Stadt des Vereinigten Königreiches (denn was in dieser Beziehung von London gilt, gilt auch von den Provinzstädten) gelangt ist oder auf Grund sonstiger Informationen. Einerlei. Herr Dr. Friedemann hat diese Ansicht. Es tut mir ausserordentlich leid, sagen zu müssen, dass die Tatsachen schnurstracks gegen diese Ansicht sprechen. Ich hoffe, dass die Zionisten Englands es mir nicht nachtragen werden, wenn ich hier offen meiner Meinung über sie Ausdruck verleihe, Ich tue es im Interesse unseres Volkes und unserer heiligen Sache. Ich glaube, sie teilen selbst nicht die Ansicht Dr. Friedemanns. Nehmen wir nun die Judenheit Londons. Sie zerfällt in zwei Hauptteile: die des Westend und die des Ostend. Die Westendjuden kommen nicht in Betracht. Das weiss auch Herr Dr. Friedemann. Von den Ostendjuden kommen hauptsächlich die ärmeren Leute in Betracht oder, wie Herr Dr. Friedeinann sagt, die Jüdischen arbeitenden Massen". Die meisten Leute verdienen durch schwere Arbeit oder noch schwerere Handeltreiberei ihr tägliches Brot. Ihr durchschnittlicher Bildungszustand lässt sehr viel zu wünschen übrig, woraus ihnen absolut kein Vorwurf erwachsen soll. Sie sind aus einem Lande herübergekommen, wo sie zum gi össten Teile nicht nur in materieller, sondern auch in geistiger Verwahrlosung zu leben verurteilt waren. Auch ihr jüdisches Wissen ist ein sehr geringes (Ausnahmen gibt es natürlich immer). Die von diesen Eltern hier geborenen Kinder erhalten gleichfalls meistens eine sehr spärliche Ausbildung und wachsen heran zu einer sehr „nüchternen Auffassung der Dinge". Ich möchte nicht ausführlich sein. Mit einem Worte: Unter den Juden Londons (wie ganz Englands), die für den Zionismus in Betracht kommen, gibt es weder Intelligenz noch etwa Geldreichtum. Ihr Zionismus ist mehr instinktiv. Es fehlt ihm die geistige Unterlage, die nur in einem gediegenen Vertrautsein mit der jüdischen Literatur und Geschichte oder in einer allgemeinen weltgeschichtlichen Betrachtung, die zum Zionismus als zu einer notgedrungenen Konsequenz führen, gefunden werden kann. Da ihrem Zionismus eine solide Grundlage fehlt, so sind sie leicht irregeführt, was vielleicht die grösste Gefahr ist. So ist es auch zu erklären, dass fast alle englischen Zionisten für das Ostafrikaprojekt sind. Es fehlt die historische Erkenntnis, die geklärte Ansicht, und eine Rede kann genügen, um sie für eine im Prinzip entgegensetzte Sache zu gewinnen. Und auch der Autoritätsglaube muss hier verheerend wirken. Es genügt, dass ein Mann, der als Führer bezeichnet wird, seine Meinung wechselt, und den nächsten Morgen sind sämtliche Vereine Englands total verändert. Die englichen Zionisten können also den Zionismus weder besser verstehen noch besser pflegen und weiterbringen als die Zionisten des Kontinents. Sie können gute Soldaten sein, wenn — gute Offiziere da bind. Sie können den Zionismus selbständig nicht fördern. Sie haben uns auch bis jetzt keine Männer gegeben und können es auch nicht. Die paar Männer, die als die Führer des englischen Zionismus figurieren, sind aus dem nicht ganz westlichen Westend zu den „arbeitenden Massen" im Ostend herübergekommen und eo ipso an die Spitze getreten. Von welcher Wirkung dies für den Zionismus war, werden wir bei der Besprechung eines weiteren Punktes sehen. Während also in Russland der Zionismus aus dem besonders gründlichen Kennen der jüdischen Literatur und Geschichte fliesst, in Deutschland und Oesterreich wie auch in Frankreich mehr in allgemein historischer Erkenntnis wurzelt, ist er in England eine auf der Oberfläche bleibende Erscheinung, die, sich allein überlassen, sehr leicht ein Phantom werden kann. Auch numerisch sind ja die Zionisten Englands sehr gering. Hat ja ganz Grossbritannien nur 180.000 Juden. Und sie schwören wahrlich nicht alle auf die weissblaue Fahne. Aber das soll kein Hauptargument sein* Herr Dr. Friedemann meint: „Dort besteht eine ernste, geschäftsmässige, nüchterne Auffassung der Dinge, die für eine realistische Auffassung von der Lage unserer Bewegung bürgt." In dem von mir dargelegten Sinne wohl. Der Zionismus würde aber bei der „realistischen Auffassung" unserer englischen Gesinnungsgenossen schnell aus dem Reiche der Realität verschwinden. Und hat Herr Dr. Friedemann daran vergessen, dass in unserer Bewegung die Idee, das Ideal die Hauptrolle spielt und spielen muss? Die Idee hat die Bewegung geschaffen und die Idee wird sie erhalten. Es gehört so viel Glaube, soviel Hoffnung, so viel Sehnsucht, so viel Liebe, so viel Vertrauen, so viel Begeisterung, ja soviel Phantasie und Einbildungskraft dazu, dem Zioninismtis anzuhängen und ihn für verwirklichbar zu halten, dass eine rein „nüchterne, realistische Auffassung der Dinge" sein Verderben bedeuten würde. Die inneren Gründe sprechen also durchaus gegen London. Wenden wir uns nun zu den äusseren Gründen. „Der Ort, an dem sich die Leitung unserer Bewegung befindet, muss aber Resonnanz haben, eine dem Zionismus zuneigende Bevölkerung, lebhaften politischen Pulsschlag und eine von der Wiener „Gemütlichkeit" recht verschiedene Stimmung." London entspricht diesen Forderungen, »Dort ist der Mittelpunkt der heutigen Weltpolitik und somit die Gelegenheit persönlicher Einwirkung auf die leitenden Männer." Es ist also hauptsächlich die Weltpolitik Englands, die London für Herrn Dr. Friedemann so anziehend macht. Ich masse mir zwar nicht an, Politiker zu sein. Aber trotzdem glaube ich behaupten zu dürfen, dass Englands Weltpolitik mit dem Zionismus sehr wenig zu tun haben kann. Dass in London grosse Staatsmänner das Schicksal des britischen Reiches schmieden, braucht für uns kein Grund zu sein, die Zentrale unserer Bewegung nach London zu verlegen. Was die „leitenden Männer" Englands für uns werden tun wollen und können, werden sie tun, ganz gleich ob das engere A.-C. sich in Wien, Berlin, Paris oder in London befindet. Wenn sie uns Hilfe leisten würden, würden sie es tun, nicht weil unsere Leitung ihnen unter der Nase sitzt, sondern weil sie sich aus verschiedenen Gründen bewogen fühlen würden, dem armen jüdischen Volke zu einem besseren Dasein zu verhelfen. Hat nicht Dr. Herzl Verhandlungen mit der

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