Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316122--46336-3341185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 „bie # w^it Nr. 48 sein; ausser dieser Kenntnis des Wesens und des Weges des Zionismus, die wir ihnen aufdrängten, hatte unser Verhalten, keinen Erfolg bei ihnen erzielt, sie Hessen sich in ihren Arbeiten kaum von unseren Zurufen beeinflussen. Wohlan, so wollen wir diesen Einfluss dadurch erringen, dass wir mit ihnen a r - b e i t e n; Denn das ist und bleibt immer noch die wirksamste Art, sich Einfluss innerhalb eines Kreises zu verschaffe^, wenn man in demselben ernstlich arbeitet. Die Gelegenheit dazu ist da; wir wollen sie ohne Zaudern, ohne hinterhältige Gedanken, lediglich in der Absicht, unserem Volke zu nützen, ergreifen. Wir werden, wenn wir in die gemeinsame Bearbeitung der Auswandefrungsfrage mit den jüdischen Körperschaften eintreten, die nach unserer Ueberzeugung nötigen Forderungen erheben. Zunächst ergeben sich mir aus dem eingehenden Studium des vorliegendem Materials drei prinzpielle Postulate, die wir aufstellen wollen und müssen: .1. Eine Auswanderung von Juden aus Palästina ist h i n t a n z u h a 11 e n. 2. Bei der Auswahl der Immigrationsgebiete sind a 11 e K o! 1 o*n i s a t i o n s m ö g 1 i c h - k e i t e n im Orient zu berücksichtigen. 3, Bei Einwanderung i n andere Länder sind die Einwanderer rro ö g 1 i c h s t in geschlossenen K o 1 oi n i e n anzusiedeln. Diese Forderungen sprechen zu uns für sich selbst. Es könnte vielleicht nur von zionistischer Seite getadelt werden, dass wir durch Aufstellung der dritten Forderung die Einwanderung in andere Länder als Palästina und dessen Nachbarländer prinzipiell gutheissen. Wir wären unpraktische Doktrinäre, wollten wir uns auf diesen Standpunkt stellen. Wir haben das allerlebhafteste Interesse daran, dass die Juden aus schlechten Situationen schon jetzt in bessere gelangen; wir haben ja ein Gegenwartsprogramm und haben die Verelendungstheorie abgelehnt. Wir haben aber auch die Ueberzeugung, dass aus Kolonien in Amerika ein tüchtigeres Menschenmaterial in unsere künftige Heimstätte einrücken wird als direkt aus den jetzigen östlichen Aufenthaltsländern. Die Gefahr, dass die Auswanderer, wenn sie in Amerika oder Kanada angesiedelt sind, dem Zionismus verloren gehen, ist nicht gross; das haben die bisherigen Erfahrungen über die Verbreitung unserer Bewegung gelehrt. Zudem werden Bauernkolonien stets ein Bedürfnis nach neuen Siedlujigsgeiegenheiten für den Nachwuchs haben und dieser Nachwuchs, der aus landwirtschaftlichen Kolonien kommt, ist für unsere Heimstätte das denkbar brauchbarste Material. Der Gcfahr, dass die Immigranten in Amerika und anderen Ländern dem Judentum sich innerlich entfremden, wollen wir eben vorbeugen durch die dritte Forderung. Wir wissen aus einer unanfechtbaren Quelle, dass in gewissen Teilen Amerikas solchen jüdischen Kolonien eine Art autonomer Verfassung gern eingeräumt werden wird. Wir werden für die Menschen, die wir nicht nach Palästina und dem Orient bringen können, keine bessere Vorbereitung zu ihrem zionistischen Endzwecke schaffen können. Freilich wollen und müssen wir darnach trachten, die Oriöntimmigration in den Vordergrund zu rücken und dieselbe mit dem ganzen Ernste unserer Ueberzeugung zu vertreten. Es wird uns vielleicht um so eher möglich sein, die anderen zu unserer Anschauung in der Eniigrationsfrage zu bekehren, als wir unseren Forderungen durch gewisse praktische Darbietungen unsrerseits einen besonderen Nachdruck verleihen können. Die Arbeiten unserer Palästinakommission haben die wirtschaftlichen Grundlagen, auf denen sich in Palästina und benachbarten Gebieten, wie z. B. längs der Bagdadbahn Menschen ansiedeln können, aufgedeckt. Wir werfen mit diesen Forschungsergebnissen gewinnverheissendes Kapital in die gemeinsamen Bestrebungen ein. Wir bringen vielleicht noch Wertvolleres mit aus den Beziehungen, die Herzls geschmähte „Diplomatie" geschaffen. Endlich stellen wir der Emigrationsorganisation unsere schaffensfreudigen Gesinnungsgenossen als Mitarbeiter für alle Fragen, besonders auch in den Emigrationsländern, zur Verfügung. Es ist möglich, dass trotzdem unsere Forderungen zunächst Ablehnung erfahren. Das darf für uns keineswegs das Signal zur Retraite bedeuten. Wir werden dann an dem Nächstliegenden mit arbeiten helfen, weil es unserem Gegenwartsprogramm entspricht; die zwingende Logik unserer Gründe wird sich schon von selbst den anderen Mitarbeitern aufdrängen, je tiefer sie in das Problem der Judenwanderung praktisch eindringen. Die Emigrationsfrage ist ein wichtiges Problem für das jüdische Volk. Vielleicht ist sie überhaupt das Problern. Seine Lösung kann in sich begreifen, was unsere letzte Sehnsucht ist. In schwerer Stunde, in einer Stunde des bangen Hinbrütens, traf uns der Ruf zur Mitarbeit an dieser Frage. Indem wir diese aufnehmen, tun wir vielleicht den wichtigsten Spatenstich zur Erschliessung unseres Zukunftsbodens. Auf jeden Fall aber können wir die Arbeit als der Vorbereitung unseres Volkes dienend betrachten. Organisation und Selbsthilfe, diese beiden wichtigsten Ziele unserer jüdischen Volkserziehung, werden hier von den Vertretern aller Schattierungen in der Judenheit erstrebt. Wir geben, indem wir das Emigrationsproblem unseren Anhängern zum Studiuni und zur praktischen Beantwortung darbieten, der Bewegung für die nächsten Jahre einen ernsten Inhalt. Ich darf jetzt resümieren: Die praktische Tätigkeit unserer Bewegung in den nächsten Jahren hat folgende drei Hauptziele: 1. Erhaltung, vorsichtige Benützung und E r weit e r u n g der politischen Beziehungen. 2. Planvolle und zielbewusste Weiterarbeit unserer P a 1 ä s t i n a k o m m i s s i o n. 3. Mitarbeit an der Organisation der J u d e n w a n d e r u n g im Sinne einer kräftige n Orientkolonisation. Wien eder London?*) (Die Frage der künftigen Leitung der Bewegung.) In der Nummer 45 der „Welt*1 sind zwei Artikel erschienen über die zukünftige Gestaltung der Organisation. Herr Dr. K o k e s c h und Herr Dr\ Friedemann haben ihre Ansichten über diese eminente Frage geäussert. Sie sind beide für Beibehaltung des Zentralisationsprinzips. Nur während der erstere keine triftigen Gründe gegen die vorläufige Belassung der Zentrale in Wien einsehen kann, meint letzterer, dass Wien sich für den Sitz derselben nicht mehr eignet. Wie Herr Dr. Friedemann richtig erkennt, ist die Diskussion über „die zukünftige Leitung der verwaisten Partei" von der grössten Bedeutung und ist nur zu hoffen, dass sie sich recht lebhaft und sachlich gestalten wird, so dass die Delegierten zum nächsten Kongresse mit geklärten Meinungen hinkommen. Jeder Zionist muss einsehen, dass die Zukunft unserer Bewegung zu sehr grossem Teile von den leitenden Persönlichkeiten und vielleicht in noch höherem Masse von dem Sitze der Leitung abhängt, da doch letzterer sehr stark die Wahl der leitenden Männer beeinflusst. Herr Dr, Friedemann hat aber bereits der Diskussion eine bestimmte Richtung gegeben» Er ist beim Negativen nicht geblieben. Er hat einen positiven Vorschlag gemacht Er meint, der beste Ort für den Sitz der Zentrale sei London. Und dieser spezielle Vorschlag ist es, zu dem ich mich veranlasst fühle Stellung zu nehmen. Hören wir seine Gründe. Herr Dr. Friedemann sagt: „Der Ort, an dem sich die Leitung unserer Bewegung befindet, muss aber Resonnanz haben, eine dem Zionismus zuneigende Bevölkerung, lebhaften politischen Pulsschlag und eine von der Wiener „Gemütlichkeit" recht ver- *) Ohne mit dem geschäizten Verfasser in allen Punkten seiner Ausführungen einverstanden zu sein, wollen wir doch seinen Anschauungen Raum geben, weil sie zur Klärung der Frage beitragen dürften. Die Redaktion.