Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 „bie # weit11 Seite 3 Zeit in bezug auf die äussere Politik lediglich der Erhaltung und Festigung des 'bereits Geschaffenen gewidmet sein. Damit ist nun allerdings offen ausgesprochen, dass wir uns auf eine Verzögerung in der Annäherung an das zionistische Endziel gefasst machen müssen, wenn wir nicht andere Wege finden, die uns diesem rascher entgegenführen. Wir haben für die Verminderung und Verzögerung der äusseren politischen Arbeit aber auch Ersatz zu suchen nach einer anderen. Richtung: Die fruchtbarsten Anregungen, welche die Masse für die innere Propaganda und Arbeit aus der Herzischen diplomatischen Tätigkeit und aus deren Erfolgen empfing, werden entfallen, und wir werden, um unsere Scharen festzuhalten und zu beschäftigen, neue Bahnen einschlagen müssen. Welches sind diese neue Bahnen? Zunächst muss gesagt werden: Der Weg, den. wir gehen wollen, darf nicht nach rückwärts laufen, wir wollen nicht einen Standpunkt gewinnen, mit dessen Ablehnung die Entwicklung der Riesenbewegung des modernen Zionismus eingesetzt hat; wir können nicht mehr zur einfachen Kleinkolonisation zurück, selbst wenn wir es wollten. Man kann der mit dem Rechte und der Vehemenz einer Naturgewalt sich vollziehenden Entwicklung nicht in die Speichen fallen. Das Rad der Geschichte ginge einfach über uns hinweg, wollten wir es aufzuhalten suchen. Der Zionismus ist einfür allemal über die „alte'" Methode hinausgewachsen. Wir nehmen vielmehr unter zäher Festhaltung der programmatischen Grundlagen des Zionismus die Arbeit auf, die wir in den letzten Jahren vernachlässigt hatten und unter Herzl auch vernachlässigen durften, weil sein Weckruf uns schon zur rechten Zeit zu derselben wieder gelockt hätte. Wir haben u n s e r Volk und sein altes Land vorzubereiten für ihre künftigen Geschicke. Vielleicht liegt heute, nachdem Herzl die Aufklärung bei den massgebenden politischen Faktoren über unsere Bestrebungen vollzogen hat, in dieser Vorbereitung auch die Ausführung. In einer Richtung ist bereits begonnen worden. Die wirtschaftliche Erforschung und Erschliessung Palästinas erfolgt seitens der von dem Zionismus eingesetzten Bevollmächtigten in einer Weise, die grosse Befriedigung erwecken muss. Aber man störe diese sich nach streng wissenschaftlicher und darum unbedingt aussichtsvoller Methode vollziehende Arbeit nicht durch ein ungeduldiges Drängen. Das wäre das schwerste Vergehen, dessen wir uns schuldig machen könnten. Seien wir zufrieden, wenn die Palästinaarbeit in den nächsten Jahren die ökonomischen und agrikulturellen Bedingungen des Landes erschöpfend erforschen, die sozialpolitischen Grundlagen der bestmöglichen Ansiedlungsforme.il schaffen und den jetzigen jüdischen Bewohnern Palästinas, geordnete wirtschaftliche Verhältnisse geben wird. Wir' werden sicher alle auf dem Posten sein, wenn esgilt, für diese Zwecke Menschen und Mittel mobil zu machen. Just zur richtigen Zeit eröffnet sich uns die Aussicht auf Geschehnisse, welche die Vorbereitungsarbeit in regen Fluss zu bringen versprechen. Ich meine die Emigrationsfrage. Es muss mit rückhaltloser Genugtuung begrlisst werden, dass die Emigrationsfrage, die innerhalb unserer Bewegung sowohl wie in anderen jüdischen 'Körperschaften lange Jahre Geigenstand theoretischer Erörterungen war, in das Stadium der praktischen Organisation zu rücken im Begriff ist. Das bis jetzt vorliegende Tatsachenmaterial ist in der vorigen Nummer der „Welt" mitgeteilt worden. Die Thesen des- Deutschen Hilfsvereines werden manchem als sehr dürftig erscheinen. Aber es ist ein Anfang, der die Bedingungen einer Fortentwicklung in sich selbst trägt. Die Organisation der Judenwanderung, wie sie demnächst in Frankfurt eingeleitet werden wird, kann die Grundlage werden zu einer durchgreifenden Umgestaltung der Judenlage; wenn dieses Emigrationsproblem in richtiger Weise angefasst wird, kann es zum Heirnstättetnproblem in unserem Sinne werden. Was als nächstes angebahnt wird, ist eine Liebe rwachuhg der Auswanderung und eine. Aufklärung der Auswanderer von Land zu Land und eine Zentralstelle, von der alle Informationen betreffs der Auswanderung eingeholt werden können. In dem ganzen Text der Nathansehen Thesen ist von. unserem Standpunkt aus nur die geforderte Dezentralisation zu beanstanden. Dr. Werner hat in seinem Aufsatze „Von der Judenwanderung" hierzu das Nötige vom zionistischen Standpunkte, bemerkt. Es erscheint mir indes als sicher, dass hier Dezentralisation nur im Gegensatze zu der Massenansammlung der Auswanderer in den grossen Zentren, wie New York, gemeint ist. Im übrigen werden die geplanten. Konstitutionen unseren Beifall finden — aber nur dann, wenn wir sie als Anfang, als Einleitung zu Grösserem betrachten dürfen. Dass aber dieses Grössere kommen wird und muss, liegt, wie ich schon sagte, in dem Anfange begründet. Denn die Organe der Auswanderungsinstitution werden, wenn sie die in den Thesen ihnen zugewiesenen Aufgaben vollführen wollen, dazu genötigt, sowohl in den Ländern der Auswanderung als denen der Einwanderung Schritt für Schritt weiterzugehen. Ein eingehendes Studium der Verhältnisse der Judenschaft in den Auswanderungsländern wird die nächste Folge sein und als Ergebnis dieses Studiums wird sich die Erkenntnis aufdrängen, dass eine besondere Vorbereitung der Auswanderer, insbesondere der heranwachsenden Jugend, zu „emigrationstüchtigen Leuten" — denn vor allern ist glücklicherweise die landwirtschaftliche Ansiedlung in Aussicht genommen*) — vonnöten ist. Die Prüfung der Einwanderu.ngsgelegenheiten wird daher mit der Erkenntnis schliessen, dass ausser Amerika und den bisher bevorzugten Immigrationsgebieten andere Landstriche, besonders im Orient, eröffnet werden müssen. So liegen in dem jetzt rein geschäftsmässig und nüchtern aussehenden Plane Möglichkeiten geborgen, die unser zionistisches Interesse wachrufen müssen. Zur Verwirklichung dieser Möglichkeiten ist unsere Mithilfe nötig, die man ja auch willkommen heisst. Nun entsteht für uns freilich die Frage: Sollen wir gemeinsam mit den an dein Auswanderungsproblem beteiligten jüdischen Körperschaften arbeiten, da diese doch aus anderen Gesichtspunkten und mit vielleicht anderen Abschten an die Frage herantreten als wir Zionisten? Ich gestehe, dass ich diese Frage nicht nur deshalb bejahend beantworte, weil die Sache selbst, die schlimmstenfalls nur eine Erleichterung in dem Lose vieler Uncrlücklicher bedeutet eünstisreiifalls aber eine unserem Programm, sich nähernde Lösung der' Judenfrage überhaupt anbahnt, uns anziehen muss, sondern auch weil ich in diesem Augenblicke das Zusammenarbeiten mit den grossen jüdischen Körperschaften für sehr wünschenswert halte. Der Tod Herzls veranlasst uns auch in diesem Punkte - zu einer Revision unserer Aktiousweise. Wir haben bisher diese Körperschaften bekämpft, weil ihre Arbeit nach unserer heiligsten Ueberzeugung oft den wahren Lebensinteressen des jüdischen Volkes zuwiderlief. Wir haben ihnen unseren Standpunkt klargelegt, wir konnten sie von der Logik und der Notwendigkeit unserer Bewegung nicht überzeugen. Das eine wussten. wir aber, dass, wenn der Zeitpunkt gekommen sein würde, wo zur Erreichung unseres Endzieles ihre Hilfe kaum zu entbehren gewesen wäre, unserelm Führer Herzl, dem sich selbst geheime diplomatische und Ministerkabinette bereitwillig geöffnet haben, auch die Türen, die zu den Vorstandsstuben führen, nicht länger verschlossen geblieben wären. Nach Herzls Tod tun wir gut daran, die erste sich jetzt bietende Gelegenheit, ohne Preisgabe auch nur des geringsten Titelchens unseres Programmes mit jenen Körperschaften zum Wohle unseres Volkes zusammenzuarbeiten, zu ergreifen, um so mehr, als das erste Stadium unseres Verhaltens zu diesen Organisationen jetzt getrost als abgeschlossen betrachtet werden kann. Wir haben ihnen deutlich und klar unsere Absichten und Ziele erklärt, sie können darüber nicht mehr im Zweifel *) Leider ist das nicht so sicher, wie dies der Herr Autor anzunehmen scheint. Die Redaktion,