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Die Welt · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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falte 14 „bie # weit11 Nr. 47 oaum war ein sehr fieissiger Student an der Lemberger Universität. Sämtliche Staatsprüfungen und zwei Rigorosen hatte er mit Aufzeichnung bestanden und hatte nur noch ein Rigorcsum vor sich. Die Promotion sub auspiciis Imperatoris hatte er in sicherer Aussicht gehabt. Eine antisemitische Ausbeutung jüdischer Stiftungen. Um das Andenken an das 60. Geburtsiest des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger, seines gütigen Förderers, zu ehren, hat der im Jahre 1868 von Hotrat Professor Unger unter dem Protektorat weiland der Kaiserin Elisabeth gegründete Heilverein (Hygienische Gesellschaft) in Lesina, Dalmatien, eine Stiftung ins Leben gerufen, die darin besteht, dass derselbe alljährlich in seinem derzeitigen Kuretablissement „Kaiserin Elisabeth" und den in der Folge projektierten weiteren Erholungsstätten je einem Magistratshilfsbeamten zu Kurzwecken einen ganz freien Platz inklusive Verpflegung gewährt. Diese Stiftung hat für immerwährende Zeiten den Namen „Dr. Karl Lueger-Stiftung c'es Heilvereines in Lesina" zu führen und hat nur die Magistratsdirektion das Recht, diesen Stiftungsplatz einem würdigen Hilfsbeamten zu verleihen. Der genannte „rein christliche*' Verein hat bekanntlich auch beschlossen, seine Kuretablissements nur christlichen Kurgästen zugänglich zu machen und ausser dem bereits im Betriebe stehenden Kurhotel „Kaiserin EKsabeth4 Erholungsstätten für den Klerus, öffentliche Beamte christlicher Konfession, die christliche Kaufmannschaft, Redakteure und Administrationsbeamte christlicher Tages- und sonstiger Journale, Schriftsteller, Schauspieler etc. zu erbauen und unter Modalitäten zugänglich zu machen, wie sie noch von keinem anderen Kurorte der Monarchie geboten wurden. — Gestiftet aber wurde das Institut von Hofrat Professor Unger, einem Juden, nit nahezu ausschliesslich jüdischem Gelde. So geht es aber immer mit den Stiftungen ohne Unterschied der Konfession. Eine Assitnilationsblüte. Wie „The Jewish Gazette" in New York berichtet, wurde dort vor kurzem ein vornehmes, mit luxuriösem Komfort eingerichtetes Hotel eröffnet. Der Besitzer, selbst ein ungarischer Jude, erteilte seinen Angestellten den strikten Auftrag, keinem Juden in diesem Hotel Logis zu gewähren. Einige Juden, denen die Nachricht unglaublich schien, versuchten es, in diese judenreine Domäne mit List einzudringen, als man aber endlich das Geheimnis ihres Judentums erfuhr, wurden sie unter Hohngelächter zurückgewiesen. Charakteristisch ist es, -dass dieser ungarisch-jüdische Antisemit in einem ausschliesslich jüdischen Gasthause sein enormes Vermögen erworben hat und dass er jetzt noch Besitzer von einigen Restaurants ist, die sich einer grossen Frequenz von Juden erfreuen. „Es freut uns," so schliesst das genannte Blatt, „dass solche Leute wie der Besitzer dieses Hotels sich schämen, als Juden zu gelten; es könnten sonst die Christen wirklich glauben, dass alle Juden so seien!'4 K. Zangwill in Amerika. Der „Jewish Comment4 veröffentlicht ein Interview mit Zangwill. U. a. äusserte sich Zangwill über die zukünftige Führerschaft im Zionismus. Er meinte, \er einzige Mann, den er für befähigt halte, die führende Rolle u übernehmen, sei der Präsident des Jewish Colonial Trust, V o 1 f f s o h n aus Köln, da er ein praktischer „business man" ei. Auf die Frage, ob in der zionistischen Partei eine Spaltung vorhanden sei, antwortete er, dass der Tod Herz 1s aile Fraktionen noch fester aneinandergeschmiedet habe. „Der einzige Anhänger Dr. Gasters sei Dr. Gaster selbst." Zangwill sprach auch über seine literarische zionistische TätigKeit. Er wollte ursprünglich alle seine darauf bezüglichen Essays und Reden in ihrer ursprünglichen Form abdrucken lassen, habe sich aber jetzt entschlossen, die Essays umzuarbeiten angesichts der neuen Fragen, die im Zionismus auftauchen. Er versprach ferner, vor seiner Abreise d i e zionistische Rede zu halten. Die jüdische Bevölkerung Indiens. Dem soeben veröffentlichten offiziellen britischen statistischen Berichte zufolge ist die Zahl der jüdischen, Einwohner in Indien in den letzten Jahren stark gewachsen. So gab es dort 1881 bloss 12 009 Juden, 1891 17 194 und 1901 18 228. Somit ist die Zunahme während der letzten zehn Jahre zwar nicht geringer als während des vorangegangenen Jahrzehnts, ist aber im Verhältnis zur allgemeinen Lage des Landes ziemlich bedeutend. Die jüdische Bevölkerung Indiens beträgt etwa 0,0006% der Gesamtbevölkerung. Was die Zahl der Juden in den einzelnen Provinzen anbetrifft, so wohnen die meisten in der. Provinz von B e n g a 1 (1939) und in den Staaten von Madras (1288). Dagegen isc in Assam ein einziger Jude zu treffen. 1280 Juden haben Hebräisch als ihre Muttersprache angegeben. Ein Urteil über die Sozialdemokratie. In dem Falkenauer sozialistischen Blatte „F reie Worte" vom 11. November 1904 befinden sich in einem Artikel „Aus Halbasien", der sich mit den galizischen Verhältnissen befasst, auch folgende Ausführungen, die wir wörtlich folgen lassen: „Und vollständig gleichwertig dem polnischen und ruthenischen Bourgeoisgetriebe (einzelne ehrenwerte Personen und eine kleine ruthenische Gruppe ausgenommen) ist die Politik der polnischen Sozialdemokratie, weicne in allpolnischem Chauvinismus mit allen übrigen Parteien konkurriert. Auf ihrem letzten Parteitag in KraKau hat sie dies besonders deutlich an den Tag gelegt, indem sie ein ttündnis mit der „sozialistischen Partei l<ussisch-Pole jstk einging, die die poiitiscne Unaonangigkeit Polens (auf Kosten der Kutnenen und Juden!!) proklamierte. Und der entsprechende Kommentar dazu ist die Annahme des Antrages des Parteivorstandes, der sich gegen die destrebung der liriindung einer juüiscn-sozialistischen Partei ricntet, welche nicht etwa nur von einem grossen t eile des jüdischen,, sondern auch des rutnenischen Proletariats geiordert wird. So beweist demnach dieser marxistische Parteitag in KraKau, dass die Sozialdemokratie nicht nur kein Verständnis iür einen den galizischen Verhaltnissen angepassten modernen Sozialismus besitzt, sondern auch zu einer richtigen Nationalitäten- und Judenpol;tik uniähig is.t. Im Gegensätze zu all den früher gescnilderten Wehningen müsste hierzulande eine freisozialistiscne Organisation ins Leben geruien werden (mit getrennten polnischen, ruthenischen und jüdischen Sektionen), weicne sich zur Aufgabe macht die Aulkiärung der galizischen Bevölkerung im Sinne des genossenschaftlichen Sozialismus und der Bodenreform und die für die wirtschaftliche Organisation der Massen auf Grundlage der Autonomie der Nationen eintritt! Ein Streik der Schochetim. Dieser Tage regte ein in seiner Art einzig dastehender Streik die orthodoxe israeltische Kultusgemeinde, in Klausenburg auf. Die Schochets der Kultusgemeinde weigerten sich, ihre Funktion weiter auszuüben. Vergebens warteten in grosser Zahl die Bediensteten mit dem zu schiachtenden Geflügel auf die Schächter, die in geschlossener Reihe, drei an der Zahl, vor der Schächtbrücke auf und ab promenierten. Der Grund des Streiks war folgender: Die Schächter bekommen nebst ihrem fixen Gehalt eine bestimmte Menge Fleischabfälle von einem jeden Stücke Viehes, welche sie behufs Wiederverkaufs an einen andeern Koscher- Fleischhauer abgaben. Die Gemeinde hat nun für die Koscherfleischhauer eine eigene Halle errichtet und bekommt von denselben nebst den üblichen Gabellagebühren auch Pacht. Die FleLscheinkünfte der Schächter wurden nun nicht mit diesen Steuern belegt, so lange sie sich selbst mit dem Verkaufe befassten. Wie es aber bekannt wurde, dass dieses Fleisch von einem Fleischhauer verkauft und so den anderen Konkurrenz gemacht werde, ordnete die Kultusgemeinde an, dass auch dieses Fleisch einer Besteuerung unterliege. Dies war der Grund des Streiks, der im übrigen durch Androhung der Entlassung und der telegraphischen Berufung von „Streikbrechern44 wieder beigelegt wurde. Bald traten die Streikenden, „der Gewalt weichend", in die Arbeit. Li—„ Dr. Leopold Lipschhz gestorben. Am 24. v. M. ist Dr. Leopold Lipschitz, der Führer der Orthodoxen Ungarns, nach langem und qualvollem Leiden verschieden. In ihm' verlieren die Juden Ungarns einen pflichtbewussten Mann, der die Interessen der Judenschaft in seiner Weise stets vertrat. Zehn Jahre lang stand er an der Spitze der ungarischen orthodoxen Juden. In dieser Stellung ist es ihm auch gelungen, die scharfen Gegensätze zwischen Orthodoxen nnd Neologen wesentlich auszugleichen und eine Annäherung zwischen den beiden Parteien zu erreichen. Der Verstorbene bekleidete das Amt eines Rabbiners in Aba-Ujszäntö. Er zählte auch zu den gelehrtesten und geistreichsten Talmudisten. Bekannt ist sein Auftreten in der Tisza-Eszlärer Affäre. Dr. Lipschitz unterzog sich der Müne, die Gutachten der ausländischen Universitäten einzuholen, dis er, zu einem Buche gesammelt, herausgegeben hat. Dr. Leopold Lipschitz war der Schwiegervater unseres Gesinnungsgenossen Samu Bettelheim, des gegenwärtigen Präsidenten des ungarischen Landeskomitees. Li—. Einweihung des Waisenhauses der Charlotte Lea Merores- Itzeles-Stiftung in Wien. Ein reiches und tiefes Gemüt, das im Unglück geläutert wurde, offenbart sich aus dem Testament Jer Frau Merores, worin sie den fiauptteil ihres Vermögens im Be trage von zwei Millionen Kronen der Stiftung eines Hauses für die Verlassenen der Liebe widmete. Das Kuratorium waltete fürsorglich seines Amtes und am 15. ds. konnte der Schlussstein des Hauses gelegt werden. Das Gebäude ist von Baurat Stiassny nach allen modernen Anforderungen erbaut und trotz alier Zweckmässigkeit ist Licht und Luft voller Zutritt gelassen. Dass antisemitische Gehässigkeit selbst bei diesem jüdischen Baue Schwierigkeiten machte, mag angesichts sem-s Zweckes mit Entrüstung und Verachtung vermerkt werden. Das Haus ist derzeit von 25 Pfleglingen bewohnt. Die feier!;che Schlusssteinlegung fand im Vestibül statt. Es hatten sich dazu die Spitzen der jüdischen Aemter nebst zahlreichen Gästen eingefunden. Ausser den üblichen Gesängen und Zeremonien erfolgten Ansprachen von Baurat Stiassny, Oberrabbiner Dr. Güdemann und Dr. Alfred Stern. Die Volkshymne wurde stehend angehört.

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