Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316121--46326-3341174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

7 Nr. 4 „bis # W^ltÄI Seite 15 Feuilleton. Jüdische Künstler. Seit ihrem Bestände hat es „Die Welt" sich immer wieder angelegen sein lassen, die Ehre der jüdischen Künstler zu vertreten. Damit hat sie sich ein Verdienst erworben, das ihr unvergessen bleiben soll, wenn es schliesslich auch kaum anders zu erwarten war von einem Blatte, über dem die Geister Herzls und Nordaus schwebten und in dem sie walteten. Die beiden Führer haben es wiederholt in ebenso geistvoller wie eindringlicher Art dargetan, dass auf jedem Gebiete der Jude ungleich mehr leisten müsse, um zu demselben Erfolge und derselben Anerkennung zu gelangen, wie einer, der nicht belastet ist mit dem erschwerenden Umstand seines Judentums. Da eröffnete sich dann ein Spielraum, manches Unrecht gutzumachen, auszugleichen, es wenigstens zu lindern. Das Künstlerelend ist ein traditionelles nicht rur bei den jüdischen Kunstjüngern. Da aber wird es verschärft und verdoppelt durch die an sich schon bestehende allgemeine Judennot. Die Künstler, wenn es ihnen schlecht geht — und Künstlern geht es selten gut — hungern und härmen sich ab; jüdische Künstler werden auch noch getreten. Wenn es demnach seine hohe kulturelle und ethische Bedeutung hat, aufzuzeigen vor der Welt, welchen Anteil das Judentum an dem Geistesleben aller Kulturvölker für sich zu beanspruchen berechtigt ist, so kommt der angedeuteten Bestrebung der „Welt" doch auch ein nicht zu unterschätzender praktischer und materieller Wert zu. In einer Zeit, wo allenthalben die hasserfüllte Parole ausgegeben wird: „Kauft nicht bei Juden!" ist es doppelt verdienstlich, das jüdische Volk mit seinen Künstlern bekanntzumachen und ihm die sich daraus ergebende Nutzanwendung näherzulegen. Das Volk soll seine Künstler kennen und schätzen lernen und es soll mit der Ehrenpflicht eines Volkes vertraut werden, seine Künstler nach Kräften zu fördern, so traurig die allgemeinen Verhältnisse auch sein mögen. Der Anfang war gut und war rühmlich. „Die Welt" hat mit ihrer weltumspannenden Publizität dem Judentum die Bekanntschaft mit so manchem seiner vortrefflichen bildenden Künstler vermittelt. Schon hat sich durch die stetige Propaganda für das jüdische Publikum ein fester Kern jüdischer Kü^stlerschaft herauskrystallisiert. Max Liebermann genoss freilich schon früher als einer der führenden Geister der deutschen Kunst und der deutschen Künstlerschaft einen Weltruf, aber es war doch nicht überflüssig, das jüdische Volk darüber aufzuklären, welch nahes Anrecht es auf diesen gottbegnadeten Künstler habe. Dasselbe gilt von dem grossen Meister Israels, der seit einem halben Jahrhundert den Stolz der holländischen Kunst bildet und der auf dem Boden zu unvergänglichen Ehren gelangt ist, über dem dereinst der Genius eines Rembrandt und Frans Hals leuchtete. Lesser Ury und E. M.Lilien haben ein gut Teil ihrer Volkstümlichkeit der „Welt" zu danken. Weiters wurden wiederholt in diesen Blättern gewürdigt der sehr ernst zu nehmende Bildhauer Beer, der früh verstorbene, genial veranlagte polnische Jude E. G o 111 i e b, weiters Antok o 1 s ky und P i s s a r o. Erst jüngst brachte ein polemischer Artikel die bisher wenig oder gar nicht bekannte Tatsache ~zur Kenntnis der Oeffentlichkeit, dass auch die grundstürzendenrevolutionärenKünstler Thomas Theodor Heine und Max S1 e v o g t dem Judentum zuzurechnen seien. Das sind künstlerische Potenzen, deren gewaltige Wirkungen, ob man ihnen nun mit uneingeschränkter Sympathie gegenübersteht oder nicht, klar voriieger und nicht abzuleugnen sind und die dartun, wie seh* das jüdische Element als ein treibendes und belebendes mittätig ist auch bei den krampfhaften tiefgehenden Evolutionen modernster Kunst. Auch der Name V el war genannt ohne nähere Bezeichnung. Sollte darunter der Wiener Meister mit dem Vornamen Eduard gemein' gewesen sein, so wäre auch das eine Ueberraschung, weil es bisher wenigstens nicht bekannt war, dass auch seine Vorfahren dereinst trockenen Fusses durch das Rote Meer gewandelt sind. Seine Werke sind so anmutig und von so zarter Poesie erfüllt, dass sie nur willkommen sein dürften für das Inventarium iüdischer Kunst. Damit glauben wir die Liste jener Künstler erschöpft zu haben, deren Wirken und Streben dem Jüdischen Volke durch die „Welt" nähergerückt worden ist/) Es bleibt aber noch genug zu tun übrig. Wen* man einmal erst zu untersuchen beginnt, dann wird man auch sofort mit Staunen inne, welche Summe von Talent aufgespeichert ist in dem Volke, auf das die internationale Brutalität mit Geringschätzung herabsehen zu dürfen vermeint. Vervollständigen wir die Liste; machen wir wenigstens den Anfang dazu. Im übrigen soll dann weitergearbeitet werden ohne Unterlass und ohne Ermüdung. Heute also nur eine kleine Auslese vom Wiener Boden. Fraglos der erste Bildnismaler Oesterreichs ist Leopold Horowitz. Er ist Jude. Dass ihm dieser Umstand seine Karriere nicht erleichtert hat, liegt auf der Hand. Er ist trotzdem der bevorzugte Maler des Hofes und des Feudaladels geworden, obschon, wie bekannten diesen Kreisen keine besondere Vorliebe für jüdisches Element voi wallet. Heinrich v. Angel i, selbst Kavalier und repräsentativer Weltmann, hatte es in diesem Punkte schon leichter, aber schliesslich setzt sich doch die positive Leistung vermöge des eigenen Schwergewicht^ durch. Ein anderer erstklassiger Künstler ist innerhalb des Judentums viel zu wenig gewürdigt, Isidor Kaufmann, obschon gerade er es in erster Linie verdiente, da er seinen Ruf auch in der grossen nichtjüdischen Oeffentlichkeit fast ausschliesslich seinen köstlichen, warmherzigen Darstellungen aus dem intimsten Volks¬ und Familienleben des Judentums zu verdanken hat. Welch ein feiner Meister ist das doch und wie wenig gekannt von seinem Volke! Da gibt es in der Tat etwas gutzumachen und es gilt, sich nicht beschämen zu lassen. Denn wenn auch die jüdische Welt fortfahren sollte, ihm die gebührende Beachtung vorzuenthalten, so wird sie ihm doch nicht vorenthalten bleiben in der grossen Gemeinde der Kunstfreunde überhaupt, die in Isidor Kaufmann immer eine Zierde der Wiener Schule sehen wird, der guten Wiener Schule. Seine Bilder setzen die Tradition von Danhauser und Waldmüller fort und es ist ihr Rang, zu dem er sich erhebt, Es sind kleine Meisterwerke, die er schaff! geadelt durch eine würdevolle Ehrlichkeit und durchleuchtet von reinem Gemüt. Dann noch eine andere feine künstlerische Individualität — David K o h n. Er kämpft, wie es scheint, vergeblich an gegen die aligemeine Teilnahms- und Interesselosigkeit und braucht sich auf im mühsamen Unterrichterteilen, wo er berufen wäre, sein seltenes Talent in freiem, unbehindertem Kunstschaffen zu entfalten. Einmal im Jahre kommt er gelegentlich dazu, eine Ausstellung zu beschicken, und sofort erringt er, der Unbekannte, sich die uneinge- *) Entspricht nicht ganz den Tatsachen noch unseren ferneren Absichten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.