Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ffr. 47 fl6ie * w^tf" Seite S eingreifende Reformen in judiichem Sinne vorgenommen werden müssten. Er lenkte die Aufmerksamkeit auch auf den freien unentgeltlichen Gottesdienst, damit jeder Jude in die Lage komme, an den hohen Feiertagen würdig seinen Gottesdienst verrichten zu können, ebenso wie derjenige, der das Glück hat, für teures Geld sich einen Sitz im Tempel kaufen zu können. Der Referent schloss mit den Worten: Wir wollen den Frieden, aber man will uns den Kampf aufdrängen. Wir werden ihm nicht ausweichen; wir werden kämpfen, aber zu einer Zeit, die uns günstig scheint, dann wird der Sieg der guten Sache nicht ausbleiben. Ihre Pflicht aber ist es, meine Herren, mit uns zu kämpfen, und am Wahltage darf kein Mann fehlen. Es genügt nicht, wenn Sie allein Ihre Stimmen abgeben, Sie müssen auch Wähler werben für unser ideales zionistisches Ziel! Die Rede wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen und Herr Dr. Krenberger allseitig beglückwünseht. Der Vorsitzende eröffnete die Diskussion, an der sich die Herren Markus, Komet und Dr. Leopold K a h n beteiligten. Herr Marcus wies auf die Missstände in der Beaufsichtigung des Koseheifleischverkaufes seitens der Organe der Kultusgemeinde hin und meinte, dass dieselbe auch hier wie in allem Komödie spiele. Als drastisches Beispiel erzählte er, dass er einige Kultusräte und Funktionäre auf diese Uebelstände aufmerksam machte und ihnen ad ocuLos demonstrierte, dass in Wien fast durchgehends Tref< fleisch verkauft werde. Als Antwort sagte man ihm folgendes: „Ja, wir wissen das, aber was sollen wir tun? Die Fleischhauer sind, ja Kultussteuerzahler!u An drastischen Beispielen explizierte Redner dann unter grossem Beifalle der Versammlung die Untätigkeit und Verschleppungsmethoden des Kultusvorstandes, die geringe Heranziehung der Bezirksräte, die Taufwut in den Reihen gerade der angesehenen Familien und eine Reihe anderer Uebelstände. Herr Komet sagte, es sei nicht zu begreifen, wie der Zionismus, der für das Judentum so viel Erspriessliches geleistet, nicht nur verkannt, sondern auch bekämpft werden könne. Auch er hielt der Kultusgemeinde ein Sündenregister vor und eiferte die Versammlung durch eine sehr hübsche Parabel an, das Feuer der Begeisterung anzufachen, dann würden wir auch siegen können. Herr Dr. Leopold Kahn leitete seine Rede mit der Versicherung ein, dass er nicht kandidiere, auch keine Ambition habe, von den Kultusgewaltigen in Gnaden aufgenommen zu werden. Es sei ihm einmal passiert, dass ein einflussreicher Mann sich äusserte, er, Dr. Kahn, habe nicht die Befähigung, Kultusvorsteher zu werden, weil er keine anderen „Eigenschaften" besitze, als Hof- und Gerichtsadvokat zu sein, wenn ihm auch seine Kenntnis des jüdischen Lebens, seine Gelehrsamkeit in der hebräischen Sprache, sein Wissen und Können der jüdischen Literatur und Geschichte wie des Talmud und Midrasch nicht gerade zum Vorwurf gemacht werden könnten. Dann besprach er in geistreicher Weise das zionistische Kultusprogramm und forderte die Versammlung auf, am Wahltage an der Urne zu erscheinen. Um 11 Uhr schloss der Vorsitzende die anregende Versammlung z.—h. Aus Russland. Warschau. Am 6. d. M. fand im Saale der hiesigen Kultusgemeinde die konstituierende Versammlung des von der Regierung genehmigten „ Vereines zum Schutze jüdischer Frauen und Mädchen" statt Der Präsident Herr M. Bergson eröffnete die zahlreich besuchte Versammlung und setzte die £iele des Vereines auseinapder. Nachdem noch mehrere Redner in begeisterten Worten einzelne Punkte des Frauen- und Mädchenschutzes besprochen hatten, wurden die gedruckten Statuten des Vereines unter die Anwesenden verteilt. Die Hauptbestimmungen derselben sind: Das Hauptziel des Vereines ist der Schutz von Frauen und Mädchen vor dem Mädchenhandel sowie die Befreiung solcher, die den Mädchenhändlern bereits zum Opfer gefallen sind. Zu diesem Zwecke wird der Verein jeden bekanntgewordenen Fall den Behörden zur Kenntnis bringen; er wird Stellen und Arbeit vermitteln, an Bahnhöfen und Häfen eine Aufsicht über alleinreisende Frauen und Mädchen üben, Druckschriften zur Belehrung verbreiten und in populären Vorträgen die Volksmassen aufklären. Gefallenen Mädchen und Frauen wird der Verein die Rückkehr zu einem ordentlichen Lebenswandel dadurch ermöglichen, dass er entsprechende Schutzanstalten gründen und allerhand Informationen erteilen wird. Eine stattliche Anzahl von Mitgliedern traten dem neuen Vereine bei und die grosse Liste von beträchtlichen Spenden, die schon bei der Konstituierung geleistet wurden, lässt hoffen, dass die Warschauer Juden - schaft dieser hochwichtigen Institution die gebührende Aufmerksamkeit schenken wird. K—g. Petersburg. Das ganze Nordwestgebiet Russlands, der jüdische Niederlassungsrayon, gleicht jetzt einem blutigen Kriegsschauplatze; alle Häuser der judischen Städte und Städtchen stehen verwüstet und demoliert da, alle Geschäfte sind geplündert und alle Krankenhäuser sind von schwer misshandelten Juden und Jüdinnen überfüllt. Dieses deprimierende Bild aus dem jüdischen Niederlassungsgebiete liefern die täglich in den hiesigen Blättern erscheinenden Nachrichten über blutige Exzesse gegen die Juden in fast allen ihren Wohnorten im Nordwestgebiete. Wir werden unten die Gründe anführen, warum sich diese Exzesse gegen die Juden in so unheimlicher Progression mehren; hier sei nur bemerkt, dass sogar die Nachrichten, welche die nationalrussischen Blätter über die Exzesse gegen die Juden bringen, deutlich erkennen lassen, dass die Behörden, welche berufen sind, Ordnung und Ruhe aufrechtzuerhalten, den Juden weder Schutz noch Hilfe angedeihen lassen wollen . . . Der Prozess, welcher sich jetzt in Hornel abspielt, hat in dieser Beziehung ein lehrreiches Material geliefert und erschreckende Bilder von Judenhass entrollt. Hornel. Die letzten Verhandlungstage im Prozesse gegen die Teilnehmer an den vorjährigen Greueltaten gegen die Juden in Hornel förderten Tatsachen zutage, welche sogar auf den Gerichtshof einen deprimierenden Eindruck machten. Beim Verhöre der Kronzeugen der Anklage, des Kreispolizeichefs Jelenskij spielten sich erschütternde Szenen ab. Es erwies sich, dass dieser Chef der Kreispolizei während der blutigen Exzesse die Plünderer zu ihrem Vernichtungswelke ermutigte. Er stand auf dem Markte neben dem Geschäfte eines Christen und sah der Demolierung der jüdischen Geschäfte ruhig zu. Als eine alte Jüdin vor ihm niederkniete und ihn flehentlich bat, ihre Greisslerei, ihr* armseliges Hab und Gut, vor der Plünderung zu schützen, zog Jelenskij den Revolver aus der Tasche und rief: „S—jüdin, schau, dass du weiterkommst, sonst schiesse ich dich nieder!" Ebenso verfuhr er gegen andere jüdische Krämer, welche es wagten, ihn um Schutz zu bitten. Dagegen stand er vor den christlichen Geschäften und wies die Plünderer zurück, welche in der Nähe vorübereilten. Jelinskij erzählte selbst, dass er sah, wie die Plünderer einen alten Juden und eine Jüdin erschlugen; auf die Frage des Rechtsanwaltes Sokolow, warum er die Mörder nicht festnehmen liess, antwortete er: „Das war nicht meine Sache!" Aber die Führung des Prozesses selbst macht, wie die nationalrussischen „Petereburgskija Wjedomosti" hervorheben, einen traurigen Eindruck. Die Rechtsanwälte der Juden werden in ihrem Fragerecht masslos eingeschränkt und jeder Versuch, die Wahrheit zu erhellen und die Schuldlosigkeit der Juden zu beweisen, wird vom Vorsitzenden zurückgewiesen. Als Advokat Sokolow den Zeugen der Anklage Adamow der falschen Aussage überführen wollte, wurde er vom Vorsitzenden barsch unterbrochen und zurechtgewiesen. Die „Petersburgskija Wjedomosti" erklären mit Recht, dass diese Vorgänge geeignet sind, das Ansehen der russischen Justiz herabzusetzen und den Glauben an die Unparteilichkeit der Justiz zu untergraben. Mohilew am Dnjepr. Was in den letzten Wochen in allen Städten und Städtchen im Gouvernement Mohilew sich zugetragen hat, spoitet jeder Beschreibung. In allen Ortschaften im Gouvernement wurden die jüdischen Häuser demoliert, die Geschäfte ausgeplündert und zahlreiche Juden