Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite S> „6ie 4 w>H" ®r. 41 behaupte sogar, dass diesen Personen der Vorzug vor den Kandidaten Friedemanns zu geben sei. Nun kommen die zwei übrigen leitenden Männer in Frage. Auch ich sehe das Wünschenswerte, vielleicht sogar Notwendige einer „Uebersiedlung" ein. Die bejahende Lösung dieser Frage würde den Beweis liefern, dass unsere Bewegung für das Ideal opferfähige Leute bereits aufgezogen habe; und umgekehrt: wenn wir in dieser Beziehung auf unüberwindliche Schwierigkeiten zu stossen hätten, so würde uns dies ein Testimonium paupertatis, ausstellen. Um so mehr als diese Frage auch ohne Annahme das Besoldungsprinzipes, vor dem wir so sehr zurückschrecken, bejahend gelöst werden könnte. Aber im Falle der Uebersiedlung darf London kein Vorzug gegeben werden* Schliesslich möchte ich noch hinzufügen, dass ich nicht die Notwendigkeit einsehe, unsere Wahl auf Köln und Russland zu beschränken. Köln erfreut sich a priori allerdings der Sympathie vieler und seine Wahl könnte völlig freiwillig erfolgen« Was einen russischen Vorsteher anbelangt, so wäre dagegen nichts einzuwenden» wenn diese Wahl auf natürlichem Wege erfolgte. Aber Dr. Friedemann will unsere Wahl durchaus auf einen der russischen Zionisten lenken, versichernd, dass auf diese Weise „die Autorität des A.-C. ausserordentlich gestärkt worden wäre". Dagegen habe ich eiczuwenden: Einige unserer westeuropäischen Gesinnungsgenossen sind im Irrtum befangen, indem sie glauben, dass die russischen Zionisten nur den „ihrigen" vertrauen. Diese schädliche Legende brachten ihnen diejenigen der russischen Vorsteher bei, welche fortwährend von Ost und West reden. Diese Legende hat ihre Entstehungsgeschichte, die wir hier absichtlich nicht berühren wollen. Zu Ehren der lussischen Zionisten will ich bemerken, dass dieses Misstrauen einer unbedeutenden Fraktion eigen ist und in keinem Falle der Gesamtheit zugeschrieben werden darf. Wenn daher zur Beseitigung dieses Misstrauens der Eintritt eines russischen Mitgliedes ins A.-C. beantragt wird, so wäre es überflüssig. Vielleicht nimmt aber Dr. Friedemann an, dass ein solcher Vorsteher zur besseren Kenntnis der Sachlage in Russland notwendig sei. Das wäre fehlerhaft. Das enge A.-C. steht in direkten Verkehr nicht mit den russischen Vereinen, sondern nur mit den Vertrauensmännern. Die Verwaltung der spezifischen Interessen eines jeden Landes kann sich nur in den Händen der Landesorganisationen befinden. Die Funktion des A.-C. beschränkt sich in dieser Beziehung auf Registrierung der von den Landesorganisationen einlaufenden Berichte. In dieser Beziehung befinden sich alle Länder in gleicher Lage. Die Anzahl der russischen Zionisten spielt in dieser Frage keine wesentliche Rolle. Unser Zionismus soll einen universellen, alljüdischen und keinen landsmannschaftlichen Charakter tragen; dieses Prinzip soll bei der Zusammenstellung unserer Zentralbehörden anerkannt werden. Der Antrag des Dr. Friedtmann ist jedenfalls eine Uebertretung dieses Prinzipes. Aus den vorhergehenden Auseinandersetzungen ergibt sich daher meine Meinung, dass Wien der Sitz der Zentrale bleiben kann. Die Anzahl der wünschenswerten Kandidaten, welche Wien aufzuweisen hat, könnte ja, wenn es wirklich notwendig sein sollte, durch einige Uebersiedluugen ergänzt werden. Bialystok. LeoPaperin. „Die zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden." Von mir war „durch" angegeben worden, irregeführt durch die verschiedenen mir vorliegenden Berliner Drucke aus dem letzten Jahre. Dieselbe Fehlerquelle ist auch für die im Punkt 3 fälschlich enthaltenen Worte „und Förderung" verantwortlich zu machen. Punkt 3 lautet richtig: „Die Stärkung des jüdischen Selbstgefühlsund Volksbewusstseins.*4 Das jüngst von der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" herausgegebene Flugblatt Nr. 6 bringt bereits den authentischen Wortlaut des Baseler Programms ebenso wie Max Nord aus Flugschrift „Der Zionismus". Schachtel. D Baseler Programm. EinNachtrag. Zu meiner Untersuchung in der „Welt" Nr. 44 habe ich noch nachzutragen : Punkt 1 lautet; Die Wiener KultuswahL Der Einzelverein „Wien" des„ZionÄ berief für Samstag den 12. d. M. in den Saal des Hotel Guth, II, Stephaniestrasse, eine Versammlung zur Besprechung der bevorstehenden Wahlen in die Kultusgemeinde ein, in welcher Herr Direktor Dr. S. Krenberger das Referat fühlte. Nach der Begrüssung durch den Vorsitzenden, der dem verstorbenen Führer Dr. Her zl einen warmen Nachruf hielt, welcher von der Versammlung stehend angehört wurde, sprach der Referent in Angelegenheit der Kultuswahlen. Er hob hervor, dass die israelitische Kultusgemeinde, den christlichen Kirchen gemein den nachahmend, sich bloss zwei Aufgaben gestellt hat: das kulturelle und das religiöse Moment. Allein für eine israelitische Kultusgemeinde genüge dies allein nicht, sie müsse auch auf politischem Gebiete etwas leisten können und wollen, Sie dürfe nicht bei Vorgängen, wie beispielsweise in jüngster Zeit im niederösterreichischen Landtage, ruhig in der Seitenstettengasse zuhören, wie man uns beschimpft nnd ein Attentat auf unsere religiösen Einrichtungen ausüben will. Sie darf nicht stillschweigend hinnehmen, dass man unsere Gefühle in den konstitutionellen Körperschaften verletzt. Aber der Indifferentismus hat sich in der Kultusgemeinde ganz heimisch gemacht und darum darf man sich nicht wundern, wenn so viele Zweige am Baume des Judentums faul werden und vom Stamme abfallen. Der Referent unterzog dann die Leitung der israelitischen Kultusgemeinde einer scharfen Kritik, besprach den bestehenden Wahlmodus der Meistbesteuerten, verlangte die Herabsetzung des Wahlzensus, damit auch die ärmere jüdische Bevölkerung in die Lage kommen könne, an den Gemeindeangelegenheiten teilzunehmen, und forderte dem zionistischen Programme gemäss die Einführung der Bezirkswahlen. Was das Armenwesen betreffe, so solle es in den Händen der Bezirksarmenräte ruhen, welche die Armen in ihrem Bezirke kennen, wodurch diesen Armen der Weg um den Bettel in die Seitenstettengasse erspart bleibe. Besonders ausführlich beschäftigte sich der Referent mit der notwendigen Aenderung des Religionsunterrichtes, in welchem den Kindern ein Esslöffel Religion und eine kleine Dosis jüdischer Geschichte beigebracht werde, so dass sie, älter geworden, nicht einmal wissen, wess Stammes sie sind, da sie ihre eigene Geschichte nicht kennen und von der schönen hebräischen Sprache keine Ahnung haben, Das bewirke es, dass ihnen der ihnen fremd und unverständlich gewordene Glaube, überflüssig erscheint oder gar zur Last fällt, und leichten Herzens bringen sie es über sich, zum Taufbecken zu schreiten. Der Referent wies ferner darauf hin, wie schlecht es mit der Vorsorge für Koscherfleisch bestellt sei und dass da