Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 „bie # weit11 Nr. 47 und Jüdinnen schwer misshandelt. In Mohilew allein wurden, wie die „Petersburgskija Wj^domosti" melden, 800 Häuser zerstört, 500 Gebcnälte au&g» plubdert und zahlreiche Juden verwundet. Das russiscne Blatt schreibt darüber wörtlich: „Die Exzesse gegen die Juden wanrten volle sechs Tage. Das scnrecklichste Drama spielte sich im Kobyijewtal ab, wo die Aermsten unter den Juden leben. Dort wurde alles, das armseligste Hab und Gut der 'uden, sogar die Werkzeuge der Handwerker, völlig vernichtet und zerstört. Herzzerreissende Hilferufe drangen von dort herüber und erfüllten die Herzen der im Verstecke liegenden Juden mit unpäßlichem Kummer. Jetzt füllen das jüdische Krankenhaus unzählige schwer misshandelte Juden, sie finden aber dort keine äi ztliche Hilfe, weil alle jüdischen Aerzte nach dem K legsachauplatz geschickt wurden und im jüdischen Krankenhause nur ein alter jüdischer Arzt zurückgeblieben ist, weicher diesem kolossalen Andraug schliesslich nicht gewachsen ist. Unter den missnandelten Juden befinden sich viele Schwerverwundete, welche mit dem Lebenkaum davonkommen werden. Eoensolche traurige Nachrichten über blutige Exzesse gegen die Juden langen aus allen Städten im Gouvernement ein. Unter dem Rufe: „Schlagen wir die Juden tot!" durchziehen die Plünderer die Sirassen und vernichten alles.44 So schreibt das russische Blatt. Aber derartige Exzesse spielten sich im ganzen Gouvernement ab. In Kujaschittche, Selzow, Senno, Sacbarei, Rudi ja, Goiki, M^sstisslo w, Bjelinitschi und anaeren wurden alle jüdischen Häuser und Geschäfte demoliert und ausgeplüudert. In RudDja lief der Jude Bjelaiki zum Chef der Reservisten und klagte ihm sein Leid über die Vernichtung seiner Existenz. Der Oberst gab ihm keine Antwort, sondern sagte zu den Soldaten: „Kinder, ihr habt euch schon genug unterhalten!" Petersburg. Die Vorgänge in Mohilew haben in Petersburg begreifliches Aufsehen erregt. Eine judische Deputation, bestehend aus dem Baron Horaz Günzberg. dem Rabbiner Drabkin, den Herren Kamenka, Back, Alexandrow und Sellafirow, wurde vom Minister des Ianern Fürsten Swiatopolk-Mirsky in Audietz empfangen. D^r Minister erklärte, wie die „Nowosti* mitteilen, das Idpal, welches angestrebt werden soll, ist die allmähliche Durchführung der Gleichberechtigung all^r Elemente der Bevölkerung. Gleichzeitig wurde General Rydsewski nach Mohilew entsendet, um die Vorgänge zu kontrollieren. Er überzeugte sich selbst von den Sehreeküissen der Exzesse gegen die Juden und von der Untätigkeit der Polizei. Gleich nach der Abreise des Generais Rydsewski verfügte der Gouverneur von Mohilew, der bekannte General Klingenberg, der im Vorjahre die Judpn von Hömel für die Bluttaten in dieser Stadt verantwortlich machte, dass den Polizeimannschaften für ihr wackeres Benehmen Geldgeschenke gemacht werden. Gouverneur Klingenberg itt nun seines Amtes ent- ., hoben worden. jjgj. Witebsk. Die Ausschreitungen der Reservisten gegen $ die Juden in Witebsk und Umgebung haben einen solchen Umfang genommen, dass man in Petersburg es für notwendig hielt, den Adlatus des Ministers des Innern, General Rydsewsky, dahin zu entsenden. Am 29. Oktober ist General Ry isewsky in Begleitung d^s Stabschefs der Gendarmerie Dedjulin, des ältesten Adjutanten Höh za, des Vizedirektors des PolizeMepartemeLts Bologowskij und des Oberpo izeibeatmen Sanitzkij m Witebsk eingrtroff n, um die Ruhe und Ordnung herzustellen. Wie d*s „Sewero-Sapadnoje Slowo" meldet, gleicht die Stadt Wit-b?k j-tzt einem wahren Friedhofe. Alle Geschäfte sind geschlossen, die Einwohner sitzen in ihren Häusern, wagen nicht die Strassen zu betreten und zünden nach Anbruch der Dur kelheit kein Licht an, um nicht die Aufmeiksamkeit der Plünderer zu erregen. Was aber in den kleinen S ädten vorgeht, ist unbeschreiblich. Die Juden fluchten nach d^n benachbarten Wäldern, um nicht ermordet zu werden. Das Blatt schii sst seinen Bericht mit den Worten: „Eine böse Zeit machen wir durch!* Gt. 0. S. Silberbusch. (Zu seinem 50. Geburtstage.) Vor einigen Tagen, anfangs K i s 1 e w, ist derhebräische Romanschriftsteller und Novellist D. S. Silberbusch 50 Jahre alt geworden. Anlässlich dieser stillen, im engen Kreise seiner Freunde eich vorbereitenden Feier, die in den nächsten Tagen in Wien statifinden soll, geziemt es sich wohl, die literarischen Verdienste dieses Schriftstellers zu würdigen, zumal er ja einer der wenigen, an den Fingern zu zählenden Schriftsteller Oesterreichs ist, die in der hebräischen Literatur eine Bedeutung erlangt haben. Silberbusch trat vor ungefähr 25 Jahren in der hebräischen Literatur mit einigen Artikeln und Feuilletons in Smolenskys Wochenblatt „Hamabbit* auf. Wie es nun schon die Art Smolenskys war, mit seinem feinen Spürsinn Talente zu entdecken und sie der Literatur zuzuführen, so entdeckte er auch Silberbusch in einem Winkel Galiziens. Er berief Silberbusch 1881 nach Wien und beschäftigte ihn in der Redaktion des „Haschachar". Für diese Zeitschrift schrieb Silberbusch einen für jene Zeit und ihre Verhältnisse gediegenen Aufsatz über die Juden in Galizien, in dem er das Verhältnis der Polen zu den Juden als scharfer Beobachter kennzeichnete. Sein eigentliches Talent als Belletrist zeigte Silberbusch in seinem 1887 erschienenen Romane „Dim'as Aschukim" („Die Tränen der Bedrängten"), in dem er ein rührendes Bild von der trostlosen Lage der aller Menschenrechte beraubten Juden in Rumänien, die er bei seiner Reise in diesem Lande (1882) kennen gelernt hatte, entwirft. Schon in diesem Romane tritt seine starke zionistische Gesinnung hervor, als Fortsetzung jenes jüdischnationalen Geistes, den er in der von ihm (1884) redigierten Monatsschrift „HaorÄ („Das Licht") glänzead propagiert hatte. Von dem dauernden Werte dieses Romanes zeugt auch der Umstand, dass derselbe jetzt in einem Wilnaer Verlage in dritter Auflage erscheint. In den Jahren 1883—92 war Silberbusch als Religionslehrer am Gymnasium in Kolomea tätig. Von dort aus schrieb er Feuilletons und Briete für den „Hameliz", die zum grossen Teile in einer 1885 erschienenen Sammlung abgedruckt sind. In diesen Briefen finden sich interessante sowie geistreiche Schilderungen aus der Zeit seines Wiener Aufenthaltes, während dessen er das Aufleben des jüdischnationalen Gedankens unter der Jugend, die Entstehung der „Kadim ah" u. dgl. zu beobachten Gelegenheit hatte. Silberbusch gab auch in Kolomea ein hebräisches Blatt „Haarn" und später ein jüdisches Wochenblatt heraus; beide Organe waren im radikalsten Sinne jüdischnational und haben viel zur Bekämpfung der Assimilation und Entwicklung des nationalen Gedankens beigetragen. Seine belletristischen Arbeiten liegen uns in . mehreren Sammlungen vor; einige grössere Erzählungen |wie z. B. die in Brainins „Mimisrach umima'rabh" begonnene, von hervorragendem Talente zeugende Erzählung „Perez ben Schlemihl", sind leider bis heute Fragmente geblieben. Aber alles, was wir von Silberbusch vollständig in Druck besitzen, sichert ihm einen Ehrenplatz in der hebräischen Literatur nicht allein Oesterreichs, wo er nächst Brandstätter nur noch der einzige Belletrist dieses Landes ist, sondern auch in Russland, wo seine Arbeiten mit Vergnügen gelesen werden, trotz der Abneigung, die dort in gewissen Kreisen gegen die „alte Schule", den sogenannten „Ma'hloch hajoschon" herrscht. Und Silberbusch gehört dieser S m o 1 e n s kyschen Schule an. Sein Stil ist ein rein biblischer, prophetischklassischer, der aber zugleich so frisch und lebendig ist, dass er die einfachsten Dinge wie die höchsten Fragen des Lebens mit seltener Treue und Wahrheit wiederzugeben vermag. Dass Silberbusch zu den „Alten41 gehört, die noch heute etwas zu sagen haben, das haben wir in einer seiner letzten Skizzen im vorletzten „ Achiasaf-Kalender* gesehen* in welcher er die beginnende Reise eines Talmudjungen mit so grosser Meisterschaft schildert, dass sie manchem der „Neuesten" Ehre machen würde. Wir glauben diese Betrachtung geziemend zu schliessen, indem wir derb Jubilar wünschen, dass er seine begonnenen Arbeiten, deren Anfänge wir mit so grossem Interesse gelesen haben, bald der Vollendung zuführen möge. M. B.