Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4? # weit" Seite 7 Zur Organisationsfrage. (Die Frage der künftigen Leitung der Bewegung.) Wien oder London? In Nummer 45 der „Welt" beschäftigt sich Herr Dr. Friedemann mit der alle interessierenden Frage, ob Wien wie zuvor die Zentrale der Zionisten bleiben solle. Diese Frage ist für uns von grossem Interesse. Vor allem ist es eine Frage der Tradition. In einer Reihe von acht Jahren, im Laufe welcher diese Stadt zum Zentrum der ganzen zionistischen Bewegung geworden ist, hat Wien nicht nur eine ansehnliche Stellung in der Geschichte unseres Volkes eingenommen, sondern es geniesst auch grosse Popularität in der jüdischen Masse, in deren Mitte wh arbeiten. Wer weiss es nicht, wie leicht Traditionen bei uns entstehen, die bald darauf in unser Blut und Fleisch übergehen? Wir können uns nicht leicht von ihnen lossagen. Aehnliches haben wir auch bei der Wahl eines Kongressortes sehen können. Als unsere Versammlung im Jahre 1900 nach London übersiedelte und als man nach dem fünften Kongresse von Amsterdam, Haag und anderen Orten sprach, so fand die „Aenderung" bei der grössten Mehrheit nicht nur der Teilnehmer am Kongresse, sondern auch der Wähler, keinen Anklang. Natürlich trägt eine solche Auffassung einen rein sentimentalen Charakter. Aber gleich Dr. Friedemann, rechne auch ich damit, dass die Cadres unserer Bewegung aus der verfolgten jüdischen Masse sich zusammenstellen, die fast ebensosehr der Sentimentalität als dem kühlen Verstände leben. Basel und Wien haben bereits eine so feste Stellung in unseren Gedanken und Hoffnungen eingenommen, dass wir gewöhnt sind diese Städte für die Residenzen unseres politisch auflebenden Volkes zu halten. Diese Orte, mit deren Namen für uns so viel Herrliches, Grosses verbunden ist, sind zu denjenigen festen Punkten geworden, um welche die bisher formlose jüdische Masse den Prozess ihrer Kristallisierung begonnen hat. Die Versetzung dieser „Kristallisierungszentren* wird eine Erschütterung in der zionistischen Masse hervorrufen. Die Wanderung und Uebertragung des Zeltes von Ort zu Ort verdunkelt so häufig unser Leben, dass bloss der Zionismus mit seiner festen Organisation, mit seinen beständigen Zentren uns eine etwaige Illusion von Beruhigung und Konzentrierung bieten kann. Werden wir denn auch mit dem Zionismus ewig wandern? Das alles ist zweifellos sentimental, aber ich wiederhole, das Sentimentale inkludiert eine Kraft, mit der wir notwendig rechnen müssen, wenn wir es mit einem Volke der Tradition, mit einem zartfühlenden Volke par excellence zu tun haben. Für diejenigen unserer Gesinnungsgenossen, welche die Rolle des Gefühles auf politischem Gebiete anerkennen, wird auch die folgende Ausführung von Bedeutung sein. In Wien lebte und arbeitete der, welcher die Stadt Wien für uns Juden aus einer Stadt „der Gemütlichkeit" in eine Stadt umwandelte, welche die besten, erhabensten Hoffnungen des Volkes enthielt. Und die mächtige Kraft seines unsterblichen Genies war dermassen gross, dass er es vermochte, seine Autorität denjenigen Menschen und Institutionen zu verleihen, die den Abglanz seines riesigen Geistes wiederspiegeln. Herr Dr. Friedemann ist gewiss im Recht, wenn er sagt, dassHerzl „fast abgöttische Verehrung im Volke genoss"; und diese Verehrung nimmt zu und wird bei vielen Leuten zu einer Art Glauben, der tiefe Wurzel in ihren Herzen schlägt. Dort, wo Herzis Geist schwebt, kommt und wird sein Einfluss zur Geltung kommen. Ich glaube daher, dass in Wien ein bedeutender Teil der Autorität sich kundgibt, die der grosse Dahingegangene bei uns genoss. Das, was in Wien zum Abschl js3 gelangen, das, was von Wien ausgehen wird, wird der jüdischen, sein Andenken andächtig ehrenden Masse eis die unmittelbare Fortsetzung seiner Arbeit erscheinen. Diese Masse wird die eingetretene Aenderung nicht so schmerzlich empfinden. Ich schreite jedoch zu Vernunft grün den, unter Vorbehalt der Bedeutung der oben angeführten Imponderabilien. Ich will darauf nicht eingehen, dass Wien, dank seiner deutschen Sprache und geographischen Lage, in weit grösserem Masse den praktischen Interessen unserer Bewegung entspricht als das weite London, wo die von Herrn Dr. Friedemann beantragten leitenden Männer sogar während der Kongresse nicht in der Lage sein dürften, sich an uns in einer der Mehrzahl verständlichen Sprache zu wenden. Nehmen wir an, dass dies nur Kleinigkeiten seien. Aber der von Dr. Friedemann zugunsten Londons als politisches, unseren Bestrebungen zusagendes Zentrum angeführter Grund ist lange keine Kleinigkeit. Es will mir scheinen, dass gerade diese Auffassung gegen die Wahl Londons spricht. Die Disposition der politischen Interessen des Zionismus ist lange noch nicht klar genug. In den verflossenen acht Arbeiisjahren hat der Zionismus in politischer Hinsicht nur Beziehungen angeknüpft. Er ging keine Koalitionen ein. Ja, ich glaube, dass der Zionismus seinem politischen Sinne nach Koalitionen niemals eingehen werde, wenn man das überhaupt von unserer Bewegung, die über keine äussere Macht verfügt, sagen kann. Bei uns kann es sich nur um Protektorate handeln, aber ein etwaiges einzelnes Protektorat würde dem Zionismus nur schaden können, besonders das Protektorat einer solchen Macht, deren politische Interessen in einem gewissen Gegensatze zu den Interessen anderer wetteifernder Mächte sind. Der Zionismus muss mit grösster Sorgfalt die absolut neutrale Stellung zwischen den politischen Faktoren der Gegenwart beibehalten, die Neutralität, welche ihm Herzl zu erhalten verstand. Selbstverständlich verstehen wir hier unter Neutralität eine gewisse Zurückhaltung, damit nicht unsere Interessen in irgend einer einzelnen oder auch übertrieben bevorzugten Weise an die Interessen eines beliebigen der existierenden politischen Faktoren gefesselt werden. In der Tat müssen wir aber zwischen dem komplizierten System verschiedener Abhängigkeiten lavieren. Ein Versehen könnte hier mit Gefahr verbunden sein. Das ist es, was den von Dr. Friedemann für London angeführten Grund in meinen Augen als ein Argument gegen London erscheinen lässt. Ich kann auch darin nicht mit Dr. Friedemann übereinstimmen, dass London weit einfacher und leichter einen Ausweg aus den bei uns entstandenen Schwierigkeiten in bezug auf die Wahl der leitenden Männer bietet. Seiner Meinung nach wären in London drei Personen zu finden. Gewiss, wenn er sie namhaft gemacht hätte, so Hesse sich mit ihm streiten, da aber nomina odiosa sunt, so bleibe ich bei meiner Meinung, dass es viel leichter sei, drei Männer in Wien zu finden, wo es Menschen gibt, welche die wundervolle Schule durchgemacht haben, wo es Menschen gibt, die mit Herzl 8—9 Jahre arbeiteten; ergebene und nicht minder fähige Männer als die Kandidaten in London (ich dachte aller Kandidaten, die Dr. Friedemann nennen könnte). Ich möchte noch auf die mangelhafte Folgerichtigkeit des Dr. Friedemann hinweisen. In Wien sucht er unbedingt fünf Personen und erklärt, dass sie nicht vorhanden seien, in London sucht er nur drei Personen und findet sie. Wenn Dr. Friedemann auch in Wien nur drei Männer suchen wollte, er würde sie ohne Schwierigkeiten gefunden haben. Ich finde sie allenfalls dort und