Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bi* # weit Nr. 47 Assimilationsjuden gab es nicht mehr. Es gab nur noch sehr viel indifferente Juden und gegen den Indifferentisnms kämpfen Götter selbst vergebens. Doch kehren wir zum eigentlichen Gegenstand unseres Themas zurück. Später hat Bambus den von ihm redigierten und fast ausschliesslich auch geschriebenen „Zion" benützt, um den Ivongresszionismiis zu bekämpfen. So tragisch sich Bambus' Schicksal gestaltet hat, ich glaube, den grössten Schmerz seines Lebens hat ihm doch der Kampf gegen Herzl bereitet, den er keineswegs so freudig und bei weitem nicht so siegesgewiss wie vor zehn Jahren gegen das Assiniilantcntum begann. . . . Denn Willy Bambus war in seiner innersten Ueberzeugung ein Anhänger dieses Zionismus, von dessen Berechtigung selbst im gegenwärtigen Stadium der Kolonisationsbewegung er überzeugt war, und von dessen Macht und Einfluss er sehr hohe Meinung hatte. Ks war die grosse Tragik im Leben Willy Bambus' und gleichzeitig ein Beweis für die politische Unreife des heutigen Judentums, dass er als Antizionist verschrien werden konnte. Er, der Chef des Vereines „Jung-Israel", der Herausgeber dreier zionistischer Zeitschriften, der anerkannte Führer dos vorherzischen Zionismus und der erfolgreichste Kolonisator Palästinas — ein Antizionist! Es gehört wahrlich die ganze politische Unreife eines Golus juden dazu, um in Bambus' Bemühungen, den Zionismus von dem Nurdiplomat isieren auf seine ureigene Aufgabe, die Kolonisationsarbeit in Palästina, zurückzuführen, einen Verrat an dein Zionismus zu sehen. Der Zionismus ist eine Dreieinigkeit und es verdross Willy Barnims, dass von den drei Kardinalbedingungen zur Wiederherstellung (Wiedergenesung) des im Golus erkrankten jüdischen Volkes auf dem alten heiligen Boden der Väter, nämlich der allmählichen Aufhebung des Golus und der ökonomischen Begoneration des Volkes durch agrikulturelle und industrielle Kolonisation, der kulturellen, Verjüngung Israels (Kulturzionismus) und den diplomatischen Verhandlungen mit den massgebenden Faktoren, gerade dieser letztere Moment vom heutigen Zionismus so forciert wurde. Noch mehr verdross es ihn, dass das zur Zeit wichtigere Postulat, die sofortige Kolonisationsarbeit, im Interesse und zugunsten der diplomatischen Verhandlungen, die bei der politischen Unreife und der grossen Ohnmacht des Golusjudentums seinerzeit wenig Erfolg versprachen, bekämpft, verhöhnt und mit Bezeichnungen, wie „Kleinkolonisation", „Infiltration" etc., belegt wurde. Gerade seine ehemaligen Freunde und Schüler, die jetzt nicht den geringsten Widerspruch vertragen können, haben in der doch absolut harmlosen Vermehrung der arbeitenden und Produkte ersten Bedarfs erzeugenden jüdischen Elemente in Palästina einen Verrat am heiligen Geist erblickt. Dies musste Bambus um so mehr wurmen, als er trotz aller Arbeit für die Kolonisation Palästinas von jeher dem modernen Zionismus mitsamt seinem ganzen Gebaren weit näher stand als allgemein angenommen wird. Er besuchte zwei Kongresse, wollte 1901 in Berlin eine eigene zionistische Gruppe bilden, gedachte vor zwei Jahren sich einer Misraehigrnppe anzuschliessen. Trotzdem er mit allen Fasern seines materiellen und geistigen Daseins an Palästina hing, war er ein ehrlicher Freund des Ostafrikaprojektes und forderte mich allen Ernstes auf, mit ihm zusammen in Berlin eine zionistische „Jasagergruppe" zu bilden. Natürlich weigerte ich mich dessen entschieden, da ich ein erbitterter Antiugandist bin. Noch wenige Monate vor seinem Hinscheiden äusserte er mir gegenüber sein lebhaftes Bedauern darüber, den „Jlerzlisimis" allzu lange bekämpft zu haben. „Ich habe dadurch den Ansehluss versäumt und habe dennoch nicht vermocht, Dr. Herzl von Fehlern abzuhalten." Ich suchte den todkranken Freund, dessen selbstquälerische Vorwürfe mir das Herz zerrissen, mit der Bemerkung zu trösten, der gegenwärtige Zionismus sei doch nur ein Kind im Vergleiche zu dem Zionismus, wie er nach 20 Jahren dastehen werde. Während der vielen Stadien, welche die zionistische Partei bei ihrer künftigen Evolution noch durchmachen werde, dürfte sich ihm noch oft genug Gelegenheit bieten, von neuem in die Partei einzutreten. Willy Bambus war und blieb ein Zionist und ist als Zionist gestorben. Und wenn er einige Jahre hindurch den Zionismus auch bekämpft hatte, so galt dieser Kampf nicht der Sache, sondern nur denjenigen Personen, welche über die politische Seite der Bewegung, ihre ökonomische und kulturelle Seite, über das Diplomatisieren die wahre Selbsthilfe vergassen. Er tat es freilich oft in schroffer Form, seine Freunde von gestern aber, die ihn genau kannten und ganz gut wussten, welcher gute Kern hinter der rauhen Schale sich verbarg, hätten ihn doch sanfter behandeln und den Mann, der jeden Atemzug Israel und Zion gewidmet hat, nicht gleich als Verräter stigmatisieren sollen. Etwas mehr Duldung, meine Herren! Wir Juden sind noch zu kraftlos und können uns den Luxus nicht gestatten, das bisschen vorhandene Kraft auf gegenseitige Bekämpfung zu vergeuden. Haben wir seit den Tagen Titus5 wirklich nichts zugelernt? Wenn Willy Bambus der zionistischen Partei als solcher in der letzten Zeit auch ferngestanden hat, gearbeitet hat er für sie dennoch, wie ja jede jüdische Grosstat schliesslich dem wahren Zionismus zugutekommen muss. Schon sein grosser Kampf gegen den Antisemitismus war eine grosse Tat. Zwar ist es erfolglos, zu kämpfen, aber nicht alles, was erfolglos ist, ist auch zwecklos. Wer angegriffen wird, muss sich wehren und nichtswürdig wäre das jüdische Volk, wenn es die Abwehr vernachlässigen würde! Nicht hoch genug kann seine Tätigkeit beim Hilfsverein der deutschen Juden veranschlagt werden, den er vollständig im panjudaistischen Sinne geleitet hatte. Wir erinnern an die gewaltige Hilfsaktion für Kischenew, an die Gründung des Lehrerseminars in Jerusalem. Knapp zwei Monate vor seinem Hinscheiden besass Willy Bambus noch Geisteskraft genug, um für den Hilfsverein einen vollständigen Plan der Organisation des jüdischen Auswanderungswesens auszuarbeiten. Diese nationale Grosstat, die würdig wäre, von einem der Baseler Kongresse diktiert und von den zionistischen Organisationen verwirklicht zu werden, beweist uns, was das Judentum an Willy Bambus verloren hat, und was dieser Mann noch geleistet hätte, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, sich auszuleben und ein volles Menschenalter im Dienste seines Volkes zu wirken. Das Judentum würde um Bambus noch ganz anders trauern, wenn es erfahren hätte, was er ihm noch zugedacht, und namentlich, was er alles für die Kolonisation Palästinas, das grosse Ideal seines Lebens, schon verwirklicht hat. Noch neun Monate vor seinem Hinscheiden, cla grosse Drüsengeschwülste schon deutlich sein Leben bedrohten, nahm er seine letzte Kraft zusammen, um noch einmal Zions Berge zu sehen und noch 48 Stunden vor seinem Hinscheiden erzählte er mir mit schon lallender Zunge, aber freudiger Genugtuung, dass der Hamburger Weinkeller, den er von Berlin aus mit meisterhaftem Geschick geleitet hatte, im Jahre 1903 den Palästinawein mit 25 Prozent Gewinn verkauft hat. Willy Bambus war ein Zionist und ein Nationaljude. Er hat bis zum letzten Atemzuge seinem Volke gedient und ist im Dienste seines Volkes gestorben. Und wenn man einst die grössten Namen der jungzionistischen Epoche nennen wird, so wird der Name Willy Bambus in einem Atemzug mit dem von Leon Pinsker und Theodor Plerzl genannt werden.