Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 „Ne * Weit11 Seite 3 2. dass ein „Internationales Komitee für die jüdische Auswanderung ans dem östlichen Europa" sowie 3. dass „ein internationales Zentralbureau für die jüdischen Auswanderer aus dem östlichen Europa" gebildet werde. Willy Bambus ah Zionist und Nationaljude.-) Von I. Turoff -Berlin. Von den vielen weisen Sprüchen und klugen Lehren, die in den „Sprüchen der Väter" (Pirkeh Aboth) massenhaft aufgestapelt sind, ist mir keines so sehr beachtenswert erschienen wie das zweite Gebot der Männer der grossen Synode, das da lautet: Haltet euch zahlreiche Schüler! Wer ein grosses Lebensideal verficht, soll stets darauf bedacht sein, mit möglichst vielen jüngern Leuten persönlich zu verkehren und herzliehe Beziehungen mit ihnen zu unterhalten. Es könnte ihm dann vielleicht gelingen, unter vielen Dutzenden von Jüngern einen zu finden, der ihn später zeitweilig vertreten, vielleicht gar dereinst dauernd ersetzen könnte. Dadurch, dass ich in früheren Jahren dieses G-ebot eifrig zu befolgen pflegte und stets auf der Suche nach Schülern war, habe ich das Glück gehabt, Willy Bambus zu entdecken, heranzubilden und in den Dienst des Judentums zu stellen. Wenn ich für mein auf Sehritt und Tritt an „Leutenot" schwer leidendes Volk nichts weiter im Leben getan hätte, als dass ich ihm diesen grossen Sohn zugeführt habe, glaube ich nicht umsonst in Israel gelebt zu haben. Denn Willy Bambus war ein wahrhaft grosser Mann, ein Geistesfürst in Israel. Von allen Attributen echter Grösse, wie grosser Charakter, edles Herz, kluger Kopf, grosse Energie und immense Arbeitskraft, von allen diesen praktischen Tugenden, durch welche die Männer der grossen Erfolge über die Masse der Dutzendtalente stets emporgeragt haben, besass mein verstorbener Freund, ein vollgerütteltes Mass. Und wenn äussere Umstände den mittellosen Mann auch öfter nötigten, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, sich meist hinter eine freilich sehr oft nur dünne und sehr durchsichtige Koulisse zu stellen, so dass er der grossen Masse unsichtbar und von ihr unerkannt blieb, die Eingeweihten habe doch immer sehr gut gewusst, was Willy Bambus dem Judentum war. Vielleicht wird einem zukünftigen Geschichtsschreiber, dem die Archive der Berliner Abwehrbewegung, der Pariser Alliance, der „Ica" und des Hilfsvereins der deutschen Juden offen stehen werden, der Nachweis gelingen, dass in den letzten zehn Jahren nichts Grosses in Israel geschehen ist, ohne dass Willy Bambus in massgebender Weise eingegriffen hätte. Nur auf einem einzigen Gebiete war es ihm vergönnt gewesen, stets offen und in einer seiner grossen Begabung würdigen Bolle zu wirken. Im Zionismus hatte die jüdische Geldaristokratie einstweilen noch nichts zu sagen. Niemand durfte da fragen: „Wer ist Willy Bambus?" Ich darf daher, ohne Indiskretionen zu begehen, seine Tätigkeit auf diesem Gebiete als Thema für meine nachstehenden Ausführungen wählen. Als ich Willy Bambus 1885 in einer Berliner Versammlung des Vereines „E s r a" kennen lernte, war ei kaum 23 Jahre alt. Obgleich er von seinen kurz vorher verstorbenen Eltern nichts weniger als eine jüdische Erziehung genossen hatte, besass er bereits grosse jüdische *) Wenn wir auch nicht mit allen Ausführungen des Ver , fassers einverstanden sind, so scheint es uns doch eine Pflicht. dem Nachrufe eines Freundes von Willy Bambus ohne jede Einschränkung: Raum zu geben. Die Red. Geschichtskenntnisse und kannte die Geographie Palästinas wie selten ein Zionist. Eben hatte er begonnen, Hebräisch lesen zu lernen, hielt sich einen „Bebbe" und richtete sich sein junges Heim auf streng orthodoxer Grundlage mit Koscherwirtschaft und strengster Sabbatweihe ein. Solch Charakterstrenge, die bereit war, für eine Ueberzeugung auch schwere Opfer zu bringen, veranlasste mich, dem jungen Bambus viel Zeit zu widmen. Wir schlössen bald einen durch Handschlag und fürchterlichen Schwur auch feierlich bekräftigten Bund, den wir geheimnisvoll „Liga" nannten, der kurz darauf noch vier weitere zur Zeit noch lebende Herren beitraten. Aus diesem Bunde, der natürlich wieder in die Brüche ging, entstand der „Sernhabe 1", Organ für die Interessen des jüdischen Volkes. Zweck des Unternehmens, das Bambus zum Verleger und mich zum Redakteur hatte, war, für die Kolonisation Palästinas Propaganda zu machen, die Einheit des jüdischen Volkes kräftig zu betonen und das Assimilantentum zu bekämpfen. Zwar habe ich in meinem ersten das Programm entwickelnden Leitartikel lebhaft beteuert, keine Polemik mit irgend wem führen zu wollen, aber diese Beteuerung erfolgte unter einer Reservatio mentalis . . . Kampflustig wie zwei junge Hähne lauerten wir nur auf die erste schickliche Gelegenheit, über die bitter gehasste Assimilation, die wir in unserem Blatte fortwährend stachelten und schikanierten, herzufallen. Und wirklich war der vor einigen Jahren verstorbene Magdeburger Rabbiner Dr. R a h m e r so unvorsichtig, uns diese sehnsüchtig erwartete Gelegenheit zu bieten. Er stellte in seiner „Israelitischen Wochenschrift" die Forderung auf, dass kein ausländischer Jude in Deutschland fortan als Rabbiner, Kantor, Schochet oder sonst als Gemeindebeamter angestellt werden sollte . . . Hei, wie sind wir über den „Urgermanischen Rabbi" hergefallen! Ich kenne manche Zionisten, die noch heute mit Vergnügen an den Artikel denken. Ich glaube, die Zeit von 1886—1888 war die schönste aus dem Leben Willy Bambus'. Jung, kampfesfroh, siegesgewiss. Dazu ein junges glückliches Familienleben und eine völlig gesicherte Existenz als Leiter einer Berliner Weberei, was braucht ein Idealist noch mehr, um völlig glücklich zu sein! ' * "1 Allein das Glück war von kurzer Dauer. Bittere Not, Unglück in der Familie, beständige Krankheit verdüsterten fortan das Leben des Mannes, der mit dem Erzvater Israel sprechen könnte: „Meine Lebenstage waren kurz und trübe". Der „Serubabel", an dem wir beide so viel Freude erlebt haben, ging bald ein, da Bambus 1889 nach Oesterreich ausgewandert war, um von da nach zwei Jahren absolut mittellos zurückzukehren. Die übrigen „Ligisten" waren schon früher auseinandergegangen und auch ich selbst habe 1892 für vier Jahre Berlin verlassen. Zwar gelang es Bambus, in dem Verein „Jung-Israel", der ersten zionistischen Vereinigung der vorherzischen Zeit sich für die „Liga" Ersatz zu schaffen und in der Gestalt des „Jüdischen Volksblatt" und später des „Zion" auch den „Serubabel" wieder aufleben zu lassen. Allein „Jung- Israel" war in meinen Augen nicht viel mehr als ein Debattierklub und für den „Zion" wie für das „Volksblatt" weigerte ich mich, auch nur eine Zeile zu schreiben, da beide Blätter mich und vermutlich auch meinen verstorbenen Freund selbst wenig befriedigten. Mir schwebte damals ein reines Fachblatt, wie etwa das vortreffliche „Altneuland", vor. Für ein Kampforgan fehlte aber die nötige Würze, das Assimilantentum, das inzwischen das Zeitliche gesegnet hatte. Was alle Polemik nicht vermocht hat, das hat der wachsende Antisemitismus spielend zustande gebracht: Die Einheit des jüdischen Volkes war allgemein anerkannt.