Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316121--46313-3341161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 flbl$ # W$lt,Ä Nr. 47 ihrer Umgebung rascher bewerkstelligen würde. Schliesslich, und darin dürften wir ja auch mit anderen Organisationen übereinstimmen, sehen wir in einer Verteilung der Emigranten auf v e r scliiodene Erdteile ein ebenso kostspieliges als gefährliches Experiment, Dass die Auswanderung nicht durch Gewährung barer Zuschüsse ermuntert werden soll, ist sieher ausserordentlich zu empfehlen. Gleichwohl fragt es sich, oh man eine solche Bestimmung überhaupt aufnehmen soll. Es gibt ausser den mit einigem Vermögen Auswandernden auch Emigranten, die mit geringen Geldmitteln ans irgend welchem zwingenden Grunde zum Wanderstabe greifen. In diesem Fälle könnte man den betreffenden Landesorganisationen ruhig die Entscheidung über die Würdigkeit der betreffenden Auswanderer überlassen, denen dann wohl nicht durch bare Zuschüsse, aber doch durch äquivalente Förderung unter die Arme zu greifen wäre. Eine solche Förderung kostet natürlich auch Geld. Trotzdem wird man in einem solchen Falle kaum von einer Ermunterung der Auswanderung, sondern nur von einer Verhinderung des Wanderbettels sprechen dürfen. Die Aufgaben des internationalen Komitees müssten ebenfalls noch näher präzisiert werden. Es ist allerdings nicht nötig, dass dies bereits in den Thesen oder selbst in der Frankfurter Konferenz stattfinde. Das gewählte Komitee wird mit den Leitern der Landesorganisationen zu beraten haben, wie weit sich die Agenden des internationalen Komitees zu erstrecken vermögen. Dadurch werden dann alle Kompetenzkonflikte und Missverständnisse von vorneherein beseitigt werden können. Zu verlangen wäre, um eine energische Arbeit der verschiedenen Stellen zu ermöglichen, dass in allen Komitees und Bureaus alle grossen jüdischen Organisationen vertreten seien. Nur auf diese Weise ist eine zweckmässige, ungehinderte Arbeit möglich. Ein Passus in den Eesolutionen, die Dr. Paul Nathan vorsehlägt-, besagt, dass „die einzelnen Länder Vorsorge treffen." mögen, damit die osteuropäische Emigration von Land zu. Land überwacht werde. Es soll da offenbar heissen, dass die einzelnen Landeskomitees Vorsorge treffen mögen; denn einzelne Länder tun bereits jetzt in dieser Ueberwachung zu viel des Guten und gerade Dr. Nathan wird davon einiges zu berichten wissen, welcher Anstrengungen es bedarf, um Exzesse in der „Ueberwachimg" hintanzuhalten. lieber andere Details der Vorsehläge wird wohl in der Frankfurter Konferenz noch einiges zu sagen sein. Dr. Siegmund Werner. Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa und ihre Organisation. Eeferent: Dr. P. Nathan. Thesen: A. Aufgaben. Die Aufgaben, die zu lösen wären, sind die folgenden: 1. Es müssen die Auswanderer aus dem östlichen Europa schon in ihren Heimatländern über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung aufgeklärt werden. Sie sind über die besten Eeisewege zu informieren. Es muss angestrebt werden, zugunsten der Auswanderer möglichst gute Bedingungen für die Eisenbahn- und Schiffahrtstransporte zu erlangen. Die Auswanderer müssen auf der Beise vor Bedrückung und Uebervorteilung geschützt werden. Sie müssen im Lande ihrer Bestimmung,'soweit-möglich, dezentralisiert und schnell durch den Nachweis von Arbeitsgelegenheit zur Selbständigkeit herangebildet werden. 2. Es ist nicht durch Gewährung barer Zuschüsse die Auswanderung zu erleichtern und zu ermuntern. B. Organisation zur Lösung obiger 1 Aufgaben. J Zur Lösung obiger Aufgaben sind zu bilden: 1. Landesorganisationen; ihnen liegt es ob. im östlichen Europa die Auswanderer über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung sowie über die besten Beisewege aufzuklären und den Transport der Auswanderer alsdann bis zur Landesgrenze zu überwachen. Die Aufgabe der Ueberwachung nebst der Vorsorge für möglichst billigen Transport liegt allen Landeskomitees der D u r c h g a n g s 1 ä n d e r ob. Die Aufgabe, für die Ausgewanderten möglichst schnell Arbeitsgelegenheit zu schaffen, fällt den Landesorganisationen jener Länder zu, die das Eeiseziel der Auswanderer sind. Die Landesorganisationen, denen es vielfach obliegen wird, mit der Begierung und den Behörden ihres Landes zu verhandeln, müssen sich eine derartige Form geben, wie sie den Verhältnissen des einzelnen Landes am besten entspricht und zur Erreichung der vorgesteckten Ziele am zweckdienlichsten ist. LTm das Zusammenarbeiten der einzelnen selbständigen Landesorganisationen zu verbürgen, ist 2. ein Internationales Komitee zu bilden, dessen Aufgabe es wäre: a) in Fällen, wo die Landesorganisationen versagen, einzugreifen, b) in Fällen, wo die Grösse der Auswanderung ganz besondere Massnahmen erfordert, die gegebene Vorsorge zu treffen. Das Internationale Komitee wäre zu bilden aus je einem Delegierten der grossen, auf der Konferenz vertretenen jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen und aus solchen Einzelpersonen, die für die Sache nützlich sein können. Dieses „Internationale Komitee für die jüdische Auswanderung aus dem östlichen Europa" gibt sich eine Geschäftsordnung selbst. Endlich wäre 3. ein „Internationales Zentralbureau für die jüdische Auswanderung aus dem östlichen Europa" zu bilden. Diesem Bureau läge es ob, alle auf die Auswanderung bezüglichen wertvollen Informationen zu sammeln: Eisenbahntarife, Schiffahrtstarife, die Nachrichten über die Lage des Arbeitsmarktes in den Auswanderungsländern, Nachrichten über die Vorbildung der Auswanderer in ihren Heimatländern usw. usw., um alsdann durch eine zweckentsprechende Verwertung und einen zweckentsprechenden Austausch dieser Nachrichten den Auswanderern für ihr Fortkommen möglichste Erleichterung und den Landeskomitees für ihre Massnahmen die nötigen Unterlagen zu schaffen. Dieses Bureau müsste seinen Sitz in möglichst zentraler Lage haben, zwischen den Herkunftsländern der Auswanderer und den Ländern, in die sie sich begeben. Resolutionen: Es wird beantragt: Die Versammlung beschliesst gemäss obigen Thesen, 1. class die einzelnen Länder Vorsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung von Land zu Land überwacht werde,