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Die Welt · 1904-11-11 · 46 (11.11.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 46 „bie * weit11 Seite 15 den Ausführungen finden, nicht erwartet hätte. Der alte Rembrandt patzte auch und donnerte dem Kunstpöbel das hübsche Wort entgegen: „Meine Bilder sind nicht zum Beriecben da!" Aber es liegt mir ferne, Herrn Brehm ein ästhetisches Kolleg zu lesen. Trotzdem es wirklich nötig wäre, denn man möchte glauben, der Schreiber hat noch nie ein Bild von Liebermann sich angesehen, wenn er sagt, dass vor lauter Zerfahrung der grosse Gesamteindruck verschwindet. Wenn er das von einer „Frau mit der Ziege' und vor zehn anderen Liebermannschen Bildern, die man ihm namhaft machen kann, aufrecht erhält, so bleibt uns nur noch übrig, ihm eine Augenoperation zu empfehlen oder an seiner Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Und wenn Brehm gegen Liebermann Boecklin ausspielt, und in dem einen nur technische Bewältigung sieht, während er in dem anderen einen rauschenden Flügelschlag der Phantasie spürt, so zeigt er eigentlich, dass er sich beide nie recht angeschaut hat; und dass er sich nie klar geworden ist, wie bei Boecklin und wie bei Liebermann ein Bild entsteht. Wir haben ja von Boecklin aus den getreuen Tagebüchern seiner Schüler Dokumente, die sich ganz anders lesen, wie es die phantastischen Boecklinverehrer so gerne wollen, und die sich einzig als ein ernstes Ringen um das Technische darstellen. „In der Linie Boecklin", sagt Brehm, „liegt die, deutsche Kunst". Boecklin in allen Ehren, aber was haben seine Nachahmer bisher geleistet? Und ist nicht die Moderne in der Feinnervigkeit des Farbenempfindens heute schon weit über Boecklin weggegangen? Und endlich dieses ewige Gerede von dem Deutschtum Boecklins, der ein so guter Deutscher war, dass er sich nur in Italien wohl fühlen konnte, und in dessen Kunst wenigstens ebensoviel hellenische Sinnlichkeit und romanische Farbenpracht lebt, wie darin Deutsches steckt!! Aber halten wir einmal fest, dass Liebermann keine Farbe hat, keine Phantasie, doch dafür zeichnen kann, denn dass das zeichnerische Talent in Liebermann ungewöhnlich stark entwickelt ist, dass er einer unserer besten Zeichner ist, das wird Herr Brehm mir zugeben, wofern ihm je Liebermannsche Handzeichnungen, die ja reichlich genug in den Museen bewahrt werden, in die Hände gekommen sind. Und gehen wir dann zu Lesser U ry, den Brehm an zweiter Stelle behandelt. Lesser Ury ist Kolorist nach Aussage Brehms, also muss der Kolorismus wohl im Bereiche der jüdischen Kunst liegen. Urys Bilder sind unzulänglich in der Gesamtkomposition, was man von den Liebermannschen Bildern nicht behaupten kann, haben aber dafür das phantastische Element, was Liebermann fehlen soll. Wie aber stellt sich nun die Behauptung Brehms, wie er endlich als jüdischen Künstler Max Slevogt anführt, von dem er selbst zugibt, dass er die Vorzüge beider vereint, und zudem keineswegs undeutsch ist, dass er zeichnerisch Ausserordentliches leistet, ein starker sinnlicher Kolorist ist und zu dritt und zuletzt auch die Gabe besitzt, welche Brehm gern den Juden absprechen möchte, nämlich die einer organisch schaffenden Phantasie? Oder will Brehm die Bedeutung der vorzüglichen Illustrationen zu Ali Baba ableugnen? Ach, wenn er doch nicht bloss immer so unendlich laienhafte Urteile fällen wollte, der Herr Brehm. .„Weil ihm," (nämlich Slevogt) schreibt er, „das Geheimnis des Fertigmachens fehlt, hat keines seiner bedeutenden Werke den Stempel der Vollendung." In jeder älteren Kunstgeschichte wird Brehm die Bemerkung finden, dass Rembrandts herrliches Braunschweiger Familienbild unvollendet ist, und doch wissen wir heute, dass es so vollendet ist, wie es nicht abgerundeter und geschlossener gedacht werden kann, und dass jeder weitere Pinselstrich Rembrandts Blasphemie gewesen wäre an der göttlichen Offenbarung seiner Kunst. Doch was nun gar Brehm von Thomas Theodor Heine sagt, dass durch diesen ungewöhnlich geistvollen, ja genialen Satiriker des Stiftes die Karikatur verwildert ist, das ist eine Aeusserung, die allen Tatsachen ins Gesicht schlägt. Wenn unsere Karikatur je durch einen Künstler Stil bekommen hat, wenn sie, wie Brehm sagt, eine Art graphischer Schrift geworden ist, so ist sie es nur durch die stilstarke und grosszügige Kunst Thomas Theodor Heines geworden. Und man möchte dem Autor doch immer wieder den Rat geben: etwas mehr sehen und etwas weniger reden! Und es wirkt geradezu lächerlich, wenn Brehm seine Ausführungen schliesst: „Wer gerecht ist, muss anerkennen, dass die jüdischen Künstler im Gebiete der deutschen Kunst als gärende, zersetzende, besonders auch in technischen Dingen als vorwärtstreibende Kraft gewirkt haben. Und solche „negativen" Kräfte (seit wann ist eine vorwärtstreibende Kraft negativ?) sind notwendig, um unser Wesen vor Erstarrung zu bewahren. Aber .es gibt hier eine Grenze, über die hinaus sie unseren positiven, schöpferischen Anlagen Verderben bringen müssen, und diese Grenze ist seit langem überschritten." Und nun schreibt Herr Brehm der deutschen Kunst die Richtung vor, die sie nehmen muss. - Ach, sie wird sich wenig darum kümmernl Ich glaube aber vor allem, Herr Brehm irrt sich. In den künstlerischen Eigenschaften des Juden, die ja Herr Brehm anerkennt und die bisher wohl nicht alle in einer Person vereint aufgetreten sind, sondern nur in einzelnen Künstlern, wie Veit, Liebermann, Heine, Slevogt, Lesser Ury, Pisarro, Antokolski und so fort, zum Ausdruck gekommen sind, und zwar zum Ausdruck gekommen sind in durchaus selbstschöpferischen Geistern, in diesen, Eigenschaften ist auch nicht eine enthalten, die nicht ebenso der deutschen Rasse eigentümlich wäre. Aber wozu reden?! Ich bin der Ueberzeugung, wenn zufällig Arnold Boecklin Jude gewesen wäre, Herr Brehm würde ihn, für den er jetzt in kritikloser Begeisterung erstirbt, als undeutsch ablehnen.4 Tiere — und Juden. Den Ochsen und sonstigem Getier soll angeblich Schmerz erspart werden, damit den Juden Schmerz zugefügt werde. Wir meinen die S c h ä c h t f r a g e, die jetzt im niederösterreichischen Landtage aufgerollt worden ist. Der Landesausschuss des Landtages hat folgende Anträge gesteilt: „1. Die k. k. Regierung wird ersucht, bezüglich der Ausführung des Schächtens, beziehungsweise bezüglich Ausführung von gewerblichen Schlachtungen ohne vorherige Betäubung des Tieres ein Verbot zu erlassen. 2. Der niederösterreichische Landesausschuss wird beauftragt, über das Resultat der diesbezüglich mit der Regierung zu pflegenden Unterhandlungen dem Landtage in der nächsten Session Bericht zu erstatten." Diese Anträge wurden dem Landtage zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt. Der Vorschlag, den Juden das rituelle Schächten der Tiere in Niederösterreich zu verbieten, wird in einem weitschweifigen Berichte des Landesaussehusses begründet. Die Verfasser des Berichtes, die von dem Wunsche beseelt sind, wieier einmal eine Grösstat des „Praktischen Antisemitismus" zu vollführen, nehmen eine scheinheilige Miene an und erklären in biederen Tönen : Man glaube nicht, dass unsere Aktion vom Hass gegen die Juden angeregt ist! Beileibe nicht! Unser Antrag ist im Gegenteil von der Liebe für die leidenden Tiere diktiert. Wir wollen lediglich eine Tierquälerei aus der Welt schaffen!u Das tranige Mitleid mit den bedauernswerten Rindern, von dem der Bericht des Landesausschusses durch fettet ist? erscheint um so lächerlicher, warn man erfahrt, dass der eigentliche geistige Urheber der ganzen Aktion ein Herr ist, der seinerzeit vorgeschlagen hat, man solle auf den Kopf eines jeden Juden ein „SchussgeM" aussetzen. Wie sanft muss eine Seele veranlagt sein, welch zart-inniges Mitgefühl mit den Geschöpfen mag sie empfinden, wie tief

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