Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 „bl* # Welt1* Seite 1 Israelitische Kultusgemeinde Wien. KUNDMACHUNG betreffend die von den h ö h e r b e s t e u e rt e n Mitgliedern der Kultusgemeinde vorzunehmenden Wahlen in den Kultusvorstand und der Vertrauensmänner. Die statutengemäss vorgeschriebene, von den höherbesteuerten Mitgliedern vorzunehmende Neuwahl von vier Vorstandsmitgliedern für <iie Dauer von sechs Jahren*) sowie die Neuwahl von 36 Vertrauensmännern (§ 80 des Statutes und §§2 und 3 des Kultussteuerregulativs) für die Dauer von zwei Jahren findet Freitag den 9. Dezember 1904 statt und werden die eventuellen engeren Wahlen Montag den 12. Dezember 1904 vorgenommen. Die Herren Wähler werden eingeladen, sich an dem oben bezeichneten Tage im Wahllokale I., Seitenstettengasse Nr. 4, II. Stock, mit ihrer Legitimationsurkunde persönlich einzufinden. Die näheren Bestimmungen enthalten die §§ 5, 6, 7 und 30 des Statutes, sowie die §§ 3, 4, 5, 9, 10, io und 17 der Wahlordnung und die §§ 2 und 3 des Kultussteuerregulativs. Wien, im November 1904. Dr. Alfred Stern, Präsident. Dr. Theodor Lieben, Sekretär. *) In der Sitzung des Kultusvorstandes vom 16. Oktober 1904 wurden nachstehende Vorstandsmitglieder ausgelost: Herr David Ritter von Gutmann Herr Moriz Edler von Kuffner Herr Wilhelm Kuffner Herr Leopold von Lieben welche sohin mit Ende Dezember d. J. aus dem Vorstande scheiden, jedoch wieder wählbar sind. Repräsentantenwahlen in Berlin. Wie wir soeben aus Berlin erfahren, sind auf der Liste des Zentralvereines für die Interessen der jüdischen Gemeinde zum ersten Male zwei Zionisten aufgestellt, und zwar sind es unsere Freunde Ludwig Behr und Richard Seligsohn. Auch sind die sonstigen Kandidaten des Zentraivereines derart zusammengesetzt, dass der Zionismus keine Veranlassung hat, mit der Gesamtliste unzufrieden zu sein. Zwei „Judendebatten". (Ein Beitrag zur Judenlrage in Galizien.) Auch der galizische Landtag hat seine „Judendebatte". Nur während sie in der niederösterreichischen Landstube von den Antisemiten besorgt wird, geschieht es bei uns von Seiten der sogenannten Demokraten. Im vorigen Jahre waren unsere Schulkinder die Zielscheibe und die Referenten tischten dem hohen Landtage die Fabel von einer zweifachen Moral und von der Minderwertigkeit und Schädlichkeit der jüdischen Ethik auf. Und „unsere Repräsentanten" schwiegen damals dazu, nur Dr. F r u c h tma n n leierte einige abgedroschene Phrasen von brüderlichem Zusammenleben auf polnischer Erde u. dergl. herunter und zeigte dadurch, dass er zwar die ihm als Juden von seinen Landtagskollegen angetane Schmach empfindet, nicht aber die seiner eigenen „Rede". — Heuer waren es wieder die jüdischen Lehrer, denen man eins am Zeug flickte und speziell die jüdischen Religionslehrer, denen man die Systemisierung verweigert. Als Religionslehrer werden in Volksschulen jüdische Kandidaten mit Seminarialmatura provisorisch aufgenommen. Und dieses Provisoiium dauert bis ans Lebensende, wenn sich die Lehrer nicht rechtzeitig zurückziehen. Denn zur Qualifikationsprüfung verlangt das Gesetz zweijährige selbständige Leitung einer Klasse und davon ist doch bei einem provisorischen Religionslehrer nicht die Rede und einen provisorischen „weltlichen" Lehrerposten bekommt der Jude nicht. Wir wollen da Krakau als Beispiel anführen, wo die Juden ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen : Auf 25 Volksschulen gibt es 10 am Samstag gesperrte, also mit absoluter jüdischer Majorität und der Lehrkörper zählt auf 240 Lehrer — 18 Juden und Jüdinnen. Der Grund? Klipp und klar erklärte es der Referent des Schulausschusses im gaiizischen Landtag. „Bei den heutigen Verhältnissen ist es für jüdische Lehramtskandidaten sehr schwer, einen Posten in einer Volksschule zu erhalten. Junge Leute, Israeliten, müssen damit rechnen, die Lehrerseminare in nur beschränktem Masse aufzusuchen . . Ein guter Rat, was? Aber Klarheit hat die Debatte gebracht : Ein jeder Jude kann kein Lehrer werden. Nichts sind die Staatsgrundgesetze, die die Gleichheit aller Staatsbürger statuieren, nichts der § 48 des Volksschulgesetzes 1883, der den Dienst an öffentlichen Schulen als allen gleichmässig zugänglich erklärt. „Bei den heutigen Verhältnissen , . .* das ist die einzige Antwort. Und niemand hat sich erhoben, um den Referenten zu befragen, welche denn diese „heutigen Verhältnisse seien?K Auch „unseren Repräsentanten" fehlte der Mut und die Zeit dazu. Mussten sie doch die Juden zur Mickiewiczfeier organisieren und dann : ist denn die Polonisierung des Brodyer Gymnasiums für uns Juden nicht eine grössere Notwendigkeit als jüdische Lehrer . . . Immer das alte Lied. Auch eine zweite „Judendebatte* hatten wir dieser Tage. Es war am IX. polnischen Sozi a liste nkongresse in Krakau. Seit Jahren verlangt eine Gruppe jüdischer Sozialisten die Bildung einer besonderen jüdischen Organisation neben der polnischen und ruthenisehen. Die „jüdischen" Parteigrössen wissen es immer zu hintertreiben. Am vorletzten Parteitage in Przemysl wurde der Antrag im Ausschuss unterdrückt und kam über* haupt nicht auf die Tagesordnung. Auf vielseitiges Drängen wurde eine Konferenz in dieser Angelegenheit nach Lemberg einberufen, die sich gegen die Separation der Juden erklärte. Dies ist sehr leicht verständlich. Denn der Sozial * mus hat in Galizien sonst keinen Boden; der Adel idt klerikal-konservativ, der Bauernstand lebt in absichtlich ihm aufgedrängter Verdummung und Finsternis, einen bürgerlichen Mittelstand gibt es ausser den Juden fast gar nicht und von Gewerbe oder Industrie ist doch keine Rede* Die Juden sind in Galizien die rechtlich und wirtschaftlich Enterbten; sie stellen auch der Sozialdemokratie das grössie Kontingent und andrerseits auch das intelligenteste. Die polnischen Sozialdemokraten können sie heute noch nicht entbehren; sie brauchen sie zu ihren eigenen Zwecken. Und dann hiesse das ja dem nationalen Geiste eine Koi Zession machen und so den verhassten Zionisten in die Hände spielen. Es war eine Zeit, da die sozialistischen Führer über die jüdischnationaie Bewegung anders dachten, und der „polnische Lasalle" Daszynski war es, der auf dem Kongresse 1892, der geschichtlichen Logik und der Macht der Tatsachen Rechnung tragend, zugeben zu müssen glaubte, dass die jüdischnationale Strömung die meiste Aussicht auf Erfolg hat Heute, da die nationale Strömung in Galizien zu einem grossen Strome geworden ist, der den Sozialisten Furcht einflösst, wie es aus der Wut, die aus allen Reden gegen den Zionismus sprühte, zu entnehmen war, heute hat Herr Daszynski an die Logik und die Macht der Tatsachen vergessen. Jetzt nennt er die Zionisten in einem Zuge mit den Antisemiten und nennt sie Chauvinisten und Volksverführer. Die Wiederherstellung Polens ist der erste Programmpunkt der poln. Sozialdemokratie* die Wiederherstellung des Judenstaates, das Programm der Zionisten — ist Reaktion und Chauvinismus. Die Polen dürfen ihre nationale Besonderheit betonen und pflegen, die Juden dürfen es nicht, denn das ist reaktionär