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Die Welt · 1904-11-11 · 46 (11.11.1904) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 „bie # weit11 Seite 3 zu sehen, stark, sozial hochgestellt, stolz und zugleich jüdisch. Mögen Mrs. Isaacs und Langdon auch nicht jüdisch national sein, aber schon die Tatsache, dass* sie sich in einem rein jüdischen Klub zusammengefunden haben, dass ein Richter und der Redakteur des „Punch", ein Schriftsteller und ein Abgeordneter, vielleicht verschiedenen politischen Parteien angehörend, verschiedenen Prinzipien huldigend, sich in einem Punkte treffen, in dieser Frage einander die Hand reichen, ist ein erfreuliches Symptom. Zwar hat man in England nie diese Assimilationswut, wie sie unter den Juden des Kontinents zutage tritt, gekannt. Viele glorreiche Namen kann man da aufzählen, die in der englischen Geschichte der letzten Zeit einen Ehrenplatz verdienen und dabei Juden blieben, mit ihrem Volke immer Fühlung hatten. Einen Arthur Meyer, einen Gaston Pollenais kennt man in England nicht. Zwar suchen sich die Juden auch hierzulande äusserlich zu assimilieren, aber das sind gerade nicht die stockenglischen, sondern die eingewanderten. Wenn Sie einen Juden sehen, der Braham, Smith, Harris oder Stuart heisst, kurz einen schottischen, manchmal sogar irischen Namen trägt, so können Sie »zehn gegen eins wetten", wie der Amerikaner sagen würde, dass er ein eingewanderter Jude ist, der früher Friedmann, Abramowitz, Schmidt s. a. w. hiess. Dagegen verbergen sich die wirklichen englischen Juden nie unter einen christlichen Beinamen. Cohen, Dalziel, Levy, Disraeli u. s. w., das sind Namen, die in England Juden trugen und nech tragen, die durch den Lordtitel ausgezeichnet, mit den höchsten Aemtern betraut waren und sind. Ja, wenn man diese Extreme vereinigen könnte, den stolzen englischen Juden, die Eigenschaften der Sprösslinge des kastilischen Judenadels mit der geistigen Versatilität der Ostjuden, wenn man diese beiden Charaktere in einen verschmelzen könnte, welche harmonische, prächtige Menschentypen da herauskommen würden! Die Rasse veredeln, die Rasse verjüngen — muss man den beiden Teilen der englischen Judenschaft zurufen. Denn „die Rasse ist alles", meinte unser Disraeli. Ich habe meinen Ausgang von dem Festessen im Maccabean Club genommen. Ich werde darüber aber nicht detailliert referieren. Es wurden die Reden gehalten, schöne, formvollendete, witzige. Darunter wurde die geistsprühende humoristische Skizze des „Punchtf- Redakteurs Mr. Walter Emanuel verlesen, in der die Juristenprüfungen karikiert wurden. Und ich hoffe, dass da Leser es mir nicht übelnehmen werden, wenn ich, vom eigentlichen Thema abschweifend, einige schlagende Witze des geistreichen Humoristen wiedergeben werde. Der prüfende Professor fragt den Kandidaten: „Darf ein Mann, der zum Tode verurteilt wurde und zum Galgen geführt wird, seinen Henker töten?" — Antwort: „Ja. Das ist einer der wenigen Fälle des verzeihlichen Mordes. Denn ein Mensch darf den andern töten, wenn sein Leben gefährdet is t." — Frage : „Welches Rechtsmittel hat ein Mensch, der ungesetzlich hingerichtet wurde?ö Antwort: „Er kann verlangen, gesetzlich hingerichtet zu werden." — Frage: In einer Abstammungsfrage: „Ist es a) im Falle des Todes eines Mannes nötig, seine Geburt zu beweisen", und b) ist das Erscheinen des Mannes vor Gericht ein Beweis, dass er geboren ist?" Antwort: Ba) Ja, wenn er es leugnet, b) Ja, aber der Beweis für sein Alter während seiner Geburt muss erbracht werden.*1 Ich will nicht die witzigen Einfälle des Humoristen weiter vorbringen. Genug, die Zuhörer haben herzlich gelacht. Schade, dass Mr. Z a n g w i 11 nicht dabei war. Der ist jetzt auf Reisen, in dem weiten Amerika. Nicht zum ersten Male. Es%ist ja Sitte in England, dass grosse Schriftsteller nach Amerika hinüberfahren, um dort Vorträge zu halten. So hat es Thackeray gemacht, so war es mit Kipling der Fall. Und Zangwill geniesst Popularität genug, um nach Amerika fahren zu dürfen. Aber nicht literarische Lorbeern soll er dort pflücken wollen. Er soll dort Propaganda für Ostafrika machen wollen. Warten wir ab, was er erreichen wird. Während er nach Amerika fährt, um für Ostafrika Propaganda zu machen, wird in Ostafrika selbst, in N a i r o b i, ein zionistischer Verein gegründet unter dem Vorsitz von Mr. Marcus, eines reichen Juden. Wenn es Ugandisten in Palästina gibt, warum soll es keine Palästinenser in Uganda geben? Es ist ja die alte Geschichte mit den zentripetalen und zentrifugalen Kräften. Wird aber auch hier wie bei einem mechanischen System ein stabiles Gleichgewicht eintreten? ... Der Leser wird gewiss mit Staunen bemerkt haben dass ich bisher kein Wort von der Fremdeneinwanderung und der Agitation pro und kontra gesprochen habe. Hat doch Major Evans Gordon in höchsteigener Person neulich eine pathetische Rede gehalten, in der er die Wiederaufnahme der Anti-Alieobill in der nächsten Session ankündigte und den endlichen Sieg der „guten" Sache voraussagte! Aber ich will die Geduld des Lesers nicht auf die Probe stellen und werde dieses öde Gewäsch des Antialienisten ganz unberücksichtigt lassen. Reden sind ja zoll" frei. Und England hat im gegebenen Momente wichtigere Sachen als Evans Gord ons Lamentationen zu lauschen. Chamberlain ante portas! Spectator, Aus Russland. Hornel. Die Anklageschrift im Prozesse wegen der vorjährigen Greueltaten gegen Juden, welche von der Staatsanwaltschaft in eine Anklage gegen die Juden verwandelt wurde, wird sogar von den anständigen nationalrussischen Blättern scharf verurteilt. Die Petersburger Zeitschrift „Russy" erklärt kategorisch, dass die Anklageschrift im Homeler Prozesse, welche ausschliesslich die Juden für die Bluttaten vom vorigen Jahre verantwortlich macht und die Richter gegen die Juden zu stimmen sucht, eine Verletzung der elementaren Grundsätze der Justiz bilde. Auch die „Russkoje Slowo" verurteilt die „auffallend tendenziöse Anklageschrift" in den denkbar schärfsten Worten. Die bisherige Verhandlung hat denn auch die Tendenz der Anklageschrift völlig bewiesen. Sogar die Zeugen der Anklage haben in ihren Aussagen alle in der Anklageschrift gegen die Juden aufgehäuften Beschuldigungen und Verdächtigungen als völlig haltlos bezeichnet Der Kronzeuge der Anklage, der ehemalige Polizeimeister von Hornel und gegenwärtige Polizeimeister von Stawropol, Oberst Raj ewskij, hat alle Anschuldigungen der Juden zurückgewiesen und ein erschütterndes Bild jener Vorgänge in Hömel entworfen, welches auf die Richter sichtlichen Eindruck machte. Er erzählte ganz offen, dass die Offiziere sich weigerten, auf die Plünderer und Mörder der Juden zu schiessen, dass sie dadurch die wilde Horde nur ermutigten, gegen die Juden vorzugehen. Oberst Rajewskij schilderte die Verzweiflung, welche unter diesen geherrscht, die Hilflosigkeit, in welcher sie sich befanden, und die Brutalität der betrunkenen, unmenschlichen Arbeiten Das rein russische Blatt „Russkoje Slowo" schreibt über die ersten zwei Verhandlungstage im Homeler Prozesse wörtlich : „Durch die Aussagen der Zeugen erkennt man erst den wahren Charakter der Ereignisse v( m 21h August vorigen Jahres. Selbst die Zeugen der Anklage halten die von der Staatsanwaltschaft gegen die Juden so kategorisch erhobenen Beschuldigungen nicht aufrecht/ Wie jedoch im Gerichtssaale selbst noch gegen die Juden gearbeitet wird, kann man aus folgendem Vorfall ersehen, welchen die „Russkoje Slowou publiziert: „Der Advokat Mandelstamm teilte dem Vorsitzenden mit, dass er zufällig bemerkt habe, wie im beugenzimmer ein Schutzmann die Zeugen zu Aussagen

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