Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 „bie # weit" Seite 13 Talentes über die ganze gebildete Welt verbreitet hat. Theodor Herzl, so viele Anregungen ins Grosse er auch gegeben haben mag, war der geborene Tagesschriftsteller, der Virtuos des Feuilletons. Diese reizende Gabe charakterisiert Hermann Bahr in Wien sehr delikat in einer Plauderei über Herzls Einakter ,1 love you\ „Das (ernstere) Thema% so urteilt er, „bleibt (an sicn^ unausgeführt, es wird sogleich mit Laune und Anmut übersponnen. Und das ist die Art, die wir auch an den Feuilletons Herzls so schätzen: scheinbar graziös zu tändeln, aber dann unversehens nebenher ein Fenster aufzutun, das plötzlich grosse und ernste Dinge, die im Leben draussen sind, mitten in unser Spiel hereinsehen lässt ♦ . . . Das hübsche an Herzl ist eben, dass er solche Sachen weiss, ohne mit ihnen zu prahlen, und dass er seine Verachtung der Menschen wohl einmal zeigt, ohne ein grosses Geschrei zu machen. Er deutet wohl einmal an, dass er auch seine Erfahrungen hat und dass seine Gesinoungen für das Tun und Taugen der Welt nicht die besten sind, aber er insistiert nicht. Das ist vielleicht das beste an seinen Feuilletons wie an seinen Stücken: dass sie einen Ton der guten Gesellschaft haben, in der man nichts unterstreicht, in der man sich hütet, philosophisch zu tun, und in der man doch weiss, dass auch ein halber Satz, auch eine leise Wendung begriffen wird, ohne gar zu unglücklich zu sein, wenn man sich auch einmal getäuscht hat und es schon einmal nicht geschieht: man hat ja der Einfälle mehr, man ist ja nicht so arm." Von dieser Glanzseite des schriftstellerischen Krösus lernten wir den Dahingegangenen sogleich in den feuilletonistischen Skizzen kennen, die den ersten Teil des Programms füllten und von Frl. Elfriede John (Stadttheater) mit kongenialem Humor und feiner Natürlichkeit vorgelesen wurden . . . Der zweite Teil des Programmes gehörte der Wiedergabe verschiedener grosserer Propagandaschriften, die Herr Dr. Moses übernommen hatte und deren geistiger Gehalt in seinem Vortrage mit überzeugender Klarheit zum Ausdruck kam. Herzls Eröffnungsrede zum ersten Baseler Zionistenkongresse enthält in monumentalen Zügen das Programm der Bewegung und die gallenbittere Charakteristik des verdorbenen Juden „Mauschel", der dem Judentum immer angehängt wird und sich als Antiz onist aus niedrigen Motiven endlich von ihm lossagt, atmete den Zorn einer grossen Kampfesstimmurg. Weitere Rezitationen aus „Altneuland" und anderen Schriften erweckten im Publikum gehobene Stimmung und Bewunderung. Florenz. In Florenz hat sich am 30. v. eine zionistische Gruppe gebildet. Dieses für den Zionismus in Italien wichtige Ereignis vollzog sich unter der lebhaften Beteiligung der Florentiner Juden, welche, dem Appell des vorbereitenden Komitees folgend, sich in grosser Zahl im Saale der Philharmonischen Gesellschaft eingefunden hatten, um den Vortrag des Präsidenten Prof. Dr. Gino Arias von derj Universität in Rom mit gespanntester Aufmerksamkeit anzuhören. Die fast einstündige lichtvolle Rede des ausgezeichneten jungen Gelehrten übte eine zündende Wirkung auf die Zuhörer aus und wurde oft von langanhaltenden Beifallsbezeugungen unterbrochen. Nach Schluss des Vortrages drängten sich die meisten der Anwesenden, Damen und Herren, zum Bureau, um sich als Mitglieder einzuzeichnen. Bericht folgt. Die vorzügliche Rede, welche alle Zionisten (und auch Nichtzionisten) interessieren dürfte, wird im Druck erscheinen. T. Markus. Mailand. Sonntag den 23. d.M, hielt die hiesige Gesellschaft „Gruppo Sionistico Milanese8 eine Plenarversammlung ab. Funktionäre: Herr F. Jarach, Präsident, Dr. med. E. Morpurgo, Schriftführer. Der Präsident sprach vom Leben und Wirken unseres grossen Meisters Dr. Theodor Herzl. Hierauf erinnerte der Redner an die vielen Ehrenbezeigungen, welche dem Verblichenen von der zionistischen italienischen Föderation, von der Presse, von Gesellschaften u. s. w. in Italien zuteil wurden. Ausserdem teilte Herr Jarach die letzten Nachrichten über die Bewegung mit, welche von dem Informationsbureau der in Bologna gegründeten italienischen Föderation an Prof. B. Dessau adressiert wurden. Nach kurzer Verhandlung, an welcher die Herren Eduard Weil, Moritz Dreyfus und Adv. Friedrich D o n a ti teilnahmen, beschloss die Versammlung folgendes: 1. eine Hilfssteuer für einen rumänisch-jüdischen Studenten, welcher seineUniversitätstudien in Italien beginnt, beizutragen; % einige zionistische Vorträge in Mailand während des Jahres 1904/05 zu halten; 3. Erkundigungen über eine mögliche jüdische Einwanderung in Italien einzuziehen. Anwesend waren bei der Versammlung eine Anzahl hervorragender Personen. Diese kauften viele Kopien des Gesangs „Israello" zwecks einer Beitragsbasis als Nationalgeschenk an die Kinder des Dr, Herzl. Nach der Versammlung vereinigten sich einige Damen, um Mittel und Wege zu finden zur Einsammlung von Geldbeiträgen für den Nationalfonds und um für ein permanentes Vereinslokal zu sorgen. In Mailand macht die Bewegung gute Fortschritte. Viele Schekelzahler. Seit eitern halben Jahre erscheint hier ein zionistisches Blatt unter dem Namen »Bollettino delGruppoSionistico Milanese*. Auch wird auf Antrag des Schritführers eine zionistische Bibliothek gegründet. Liverpool. Der Verein „Poale Zion" hat am 23. Oktober das erste Jahr seines Bestandes gefeiert. Mr. L. Latinsky führte den Vorsitz. In seiner Eröffnungsrede berichtete er über die Ergebnisse der Tätigkeit des Vereines im Laufe des Jahres, die sich als überaus befriedigend erwiesen. Es wurde in der Versammlung zugleich beschlossen, Dr. Herzl ins goldene Buch einzutragen. Die Neuwahlen des Komitees wurden dann vorgenommen und Mr. Cohen wurde zum Obmann gewählt* Welt«(3bi,opik. Ein entlarvter Misrachifresser. Das „Lemberger Tageblatt" meldet, dass der eifrige Mitarbeiter an der periodischen Zeitschrift „Kol Machsikei hadass" M. J. benlkah (Mordchai Salik aus Rzeszow), der bekanntlich in der Hetze gegen den Misrachi sich grosse Verdienste erworben und die Initiative zum Protest der ungarischen Rabbiner gegen die Pressburger Misrachikonferenz gegeben hatte, als Missionär entlarvt worden ist. Die Sache hat sich folgendermassen herausgestellt: Dr. H o c h f e l d, der Vizepräsident der Rzeszower Kultusgemeinde, hatte den Salik, weil er sich ihm gegenüber ungehörig benommen hatte, Schekez genannt, worauf ihn derselbe verklagte. Bei der Gerichtsverhandlung erklärte Dr. Hochfeld, dass er den Ausdruck Schekez aufrechterhalte, und, gab zu seiner Verteidigung folgende Gründe an : Als früherer Verwalter der Baron Hirsch'schen Stiftung wisse er, dass Salik längere Zeit von derselben Unterstützung erhalten, aber dessenungeachtet sofort nach dem Tode Baron Hirsch' diesen in dem „Machsikei hadass" beschimpft habe; ferner sei S alik ein Mitarbeiter einer Missionszeitung und gleichzeitig des jüdisch-orthodoxen Blattes „Machsikei hadass". — Die Gerichtsverhandlung wurde auf Nachmittag vertagt. Dr. Hochfeld wollte noch weitere Beweise gegen Salik vorbringen, doch Salik zog es vor, nicht wieder zu erscheinen, weshalb der Richter seine Klage zurückwies. Zeichen der Zeit. Der Stabsarzt der Reserve Dr. Lachmann in Berlin hat im Mai dieses Jahres nachstehende Beschwerdeschrift bei dem königlichen Bezirkskommando eingereicht: „An das königliche Bezirkskommando III, Berlin. Am 7. März d. J. haben im Reichstag die Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg und Böckler gegen die jüdischen Soldaten, Offiziere, ja selbst gegen die jüdischen Veteranen der letzten Feldzüge, die im Besitz der höchsten Kriegsehrenzeichen sind, Schmähungen der gröblichsten Art gerichtet. Die Abgeordneten haben die jüdischen Soldaten der Kriegsuntüchtigkeit, Feigheit und Unlust am Heeresdienst geziehen und dieselben vor dem Reichstag und dem deutschen Volk der Lächerlichkeit preisgegeben. Se. Exzellenz der Kriegsminister v. Einem hat zu diesen schmählichen Angriffen, die bei ihrer Haltlosigkeit und Unwahrheit leicht zurückzuweisen waren, geschwiegen. Ich fühle mich als Stabsarzt der Reserve und der mosaischen Religion angehörend durch dieses Schweigen des Kriegsministers in meiner Ehre gekränkt und erhebe Beschwerde darüber, dass ich als Angehöriger der Armee bei diesen schmachvollen Angriffen von dem Vertretei der Armee im Reichstag nicht in Schutz genommen worden bir. Trotzdem ich fast 18 Jahre dem Heer aktiv und in der Reserve angehöre und weder mein Mut noch meine Liebe zum Vaterland angezweifelt werden kann — ich habe, wie die dortigen Akten ergeben, im Jahre 1892 mit eigener Lebensgefahr ein Kind vom Tode des Ertrinkens gerettet, habe mich im Jahre 19u0 freiwillig nach China gemeldet — ist das Verhalten des Herrn Kriegsministers für mich Grund dafür gewesen, jetzt meinen Abschied z'i erbitten. Wenn ich die Ehre habe, Sanitätsoffizier des Heeres zu sein, so glaube ich auch ein Anrecht darauf zu haben, bei so masslosen Angriffen an einem Orte, an dem ich mich nicht selbst verteidigen kann, von dem berufenen Vertreter der Armee verteidigt zu werden.