Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 „bie * Weit11 Nr, 45 ein, die ein beliebiges Prozent ihres Einkommens stetig dem Fonds zuwenden. Diese und die anderen regelmässigen Beiträge sollen sozusagen das Budget des Nationalfonds bilden, wenn er an seine Aktionen gehen wird und seine Einkünfte abschätzen muss. Es ist ein ausgezeichneter Gedanke, der mit dem Titel Selbstbesteuerung ausgedrückt ist und alle jene, denen der Zionismus Herzenssache ist, können hier als Muster praktischer und opferwilliger Volksliebe hervorleuchten. Wir sind sicher, dass es nur dieses Hinweises bedarf, um die lebhafteste Betätigung bei dieser guten Sache hervorzurufer. — y. Aus Russland. Hornel. Der Monsterprozess über die im vorigen Jahre verübten Greueltaten gegen die Juden in Hornel hat am 24. Oktober begonnen. Ein ausserordentlicher Gerichtshof aus Kiew unter Vorsitz des Staatsrates Kotljarewskij wurde zu diesem Zwecke nach Hornel delegiert. Angeklagt sind 80 Personen, darunter 36 Juden und 44 Christen. Die mehr als auffallende Tatsache, dass in einem Prozesse gegen Teilnehmer an Mordtaten gegen Juden sich 36 Juden befinden, erfährt ihre Erklärung in der seltsamen Anklageschrift, deren Inhalt wir in knappen Worten weiter unten wiedergeben werden. Die Zahl der Zeugen beträgt 1084. Als Verteidiger der Juden fungieren die Advokaten: Sokolow, Krol, Handmann, Basunow und Sarudny aus Petersburg; Mandelstamm und Kolmanowitsch aus Moskau; Kupernik und Ratner aus Kiew. Als Vertreter der Zivilansprüche der Juden sind anwesend die Advokaten : Winawer, Sarudny, und Sliosberg. Die russischen Angeklagten haben bloss zwei Verteidiger: Metaki aus Moskau und Brinken aus Hornel. Am Journalisten tische sitzen: die Vertreter des »Russkoje Slowo", des „Rusej8, der „Nowosti Dnja", der „Odesskija Nowosti", des „Kiewljanin", der „Kiewskaja Gazeta", der „Kiewskije Otkliki", der „Hazefirah", des „Fraind" und des „Sewero-Sapadny Kraj". Dreissig Sitze wurden dem Publikum eingeräumt. Am 2E. Oktober gelangte die umfangreiche Anklageschrift zur Verlesung. Aber wer da wähnte, dass die Anklageschrift die an den Juden verübten Morde und Plünderungen zum Gegenstande ihrer Anklage machte und somit das unschuldig vergossene Blut rächen wollte, der hat sich bitter getäuscht. Die in den Petersburger Blättern „Nowoje Wremja", „Russj* und „Nowosti" veröffentlichte Anklageschrift ist eigentlich eine Anklage nur gegen die Juden von Hornel und gegen die 36 Juden, welche vor Gericht stehen. Der Vertreter der Anklagebehörde, Staatsanwalt R i s c h o w, hat in der Anklageschrift eine fürchterliche Anklage gegen die Juden von Hornel geschmiedet und sie beschuldigt, dass sie die Exzesse gegen die Juden heraufbeschworen, die Christen auf dem Markte blutig geschlagen und sogar auf das Militär geschossen haben. Alles andere, die Ermordung vieler Juden, die Zerstörung der jüdischen Häuser und die Plünderung von Hab und Gut der armen Juden, stellt die Anklage nur als Folge der von den Juden provozierten Exzesse gegen sich selbst dar. Es ist unmöglich, der Anklage ohne innere sittliche Empörung zu folgen. So ward noch nie eine Anklageschrift verfasst! Das Ergebnis dieser merkwürdigen Anklageschrift ist somit nicht schwer vorauszusagen: die christlichen Teilnehmer an dem Judenmassaker werden beinahe völlig freigesprochen, die Juden aber, welche sich hie und da zur Notwehr setzen wollten, als Streiter gegen die Staatsgewalt und als Angreifer des Militärs nach den Bergwerken Sibiriens geschickt werden . . . Alexandria (Gouvernement). Die „Petersburgskija Wjedomosti* publizieren erst jetzt einen ausführlichen Bericht über die schweren Judenexzesse, welche am Versöhnungstage im jüdischen Städtchen Alexandria stattgefunden haben. Der Gewährsmann des russischen Blattes schreibt darüber wörtlich: „Aus Anlass des Versöhnungstages verbrachten die in Alexandria lebenden Juden den ganzen Tag in der Synagoge, sie konnten also gar keinen Anlass zu irgend welchen gegen sie gerichteten Ausschreitungen geben. Trotzdem brach an diesem Tage über die Juden ein entsetzliches Unglück herein. Ein Haufen Strassenrowdies, verstärkt durch mobilisierte Reservisten, warf sich auf die jüdischen Magazine und Buden und demolierte sie, Im Laufe einer Stunde waren mehr als zehn Handlungen demoliert, wobei man charakteristische Metamorphosen beobachten konnte: auf den Köpfen der Weiber sah man neue Tücher und an ihren Füssen neue Schuhe, während die Männer die Waren aus den Läden in Haufen hinaustrugen, sie auf Fuhren legten und sich mit ihnen entfernten. Der Raub wurde am hellen, lichten TaR8vor den Augen aller vollführt. Das Gejohle und Pfeifen der Banditen erfüllte die Luft; ein anderer Haufe wiederum plünderte in aller Ruhe ohne Geschrei die jüdischen Magazine. Als der Haufe sich auf dem Zuge durch die Stadt der Synagoge näherte, geschah etwas Fürchterliches. Wie es heisst, ist die Menge durch abgegebene Revolverschüsse in die grösste Erregung versetzt worden. Sie stürzte sich in die Synagoge und drang auf die Betenden ein. Mehr als zwanzig Juden wurden verwundet, ein Jude ist bereits den Verletzungen erlegen. Im Momente der höchsten Gefahr kam der Priester Alexei Alexandrow den . Juden zuhüfe. Er erschien auf dem Platze vor der Synagoge mit den Kirchenbannern und begann einen Gottesdienst zu zelebrieren. Während des Gottesdienstes hielt die Menge im Rauben und Plündern inne. Hernach jedoch setzte der Haufe sein Zerstörungswerk fort. Ungefähr 50 Personen erbrachen und plünderten die jüdischen Magazine, während andere die geraubten Waren fortführten» Erst in der Nacht hörte das Plündern auf. Am nächsten Morgen traf eine Sotnje Kosaken ein und stellte endgültig die Ordnung und Ruhe wieder her.u Die anderen nationalrussischen Blätter, wie ,Russj" und „Swjet", drucken ebenfalls Berichte über die Vorgänge in Alexandria ab, welche die Schilderungen der „Petersburgskija Wjedomosti" vollauf bestätigen. Angesichts der jetzt zur Verlesung gelangten Anklageschrift in Hornel wird es von Interesse sein, die künftige Anklageschrift im Prozesse gßgen die Plünderer von Alexandria zu vernehmen und sie mit den Schilderungen der nationalrussischen Blätter zu vergleichen. Kowel (Gouvernement Wolhyn). Die Ausschreitungen gegen die Juden in Russland nehmen täglich an Umfang zu. Am 10. Oktober war die Stadt Kowel der Schauplatz blutiger Exzesse gegen die Juden. Die Arbeiter der neuen Wasserleitung für die Eisenbahnstation von Kowel überfielen in der Nacht vom 10. Oktober die jüdischen Häuser und Geschäfte in der Priwissbinskaja- und in der Bahnhofstrasse, demolierten die Häuser, plünderten die Geschäfte, raubten die Waren und misshandelten die Juden, welche sich zur Wehre setzten. Der jüdische Friseur Feiner wurde schwer, einige andere Juden leichter verwundet, ein Jude aber wurde getötet. Erst spät in der Nacht traf Polizeiverstärkung ein und stellte die Ruhe wieder her. Mohilevtf am Dnjepr. Auch in dieser Stadt fanden Ausschreitungen gegen die Juden statt, die gleich im Keime erstickt werden konnten. Dagegen nahmen die Ausschreitungen gegen die Juden im Städtchen Bychow einen ernsten Charakter an. Hier zertrümmerte man die Fensterscheiben in den jüdischen Häusern, plünderten einige Geschäfte und steckte sogar einige Häuser in Brand. Auch in vielen anderen Ortschaften im Gouvernement kamen ernste Ruhestörungen vor, deren Opfer überall Juden waren. Rowno. Die „Nowosti" melden aus Rowno : Am 17. Oktober begegnete der russische Arbeiter Schatis dem jüdischen Wasserträger Moschka Fichsmann und erstach ihn mit einem Messer unter dem Rufe: „Die Japaner sollst du töten!" Der Mörder wurde verhaftet. Kiew. Der „Kiewljanin" meldet über eine dieser Tage erflossene Entscheidung d es Kiewer Gerichtes, welche sogar unter den Christen von Kiew Befremden hervorruft. Der jüdische Kaufmann Gerschon Günzburg lebt seit Jahren als Kaufmann zweiter Gilde in Kiew und hatte zwei Dampfer auf dem Dnjepr, welche sich mit der Beförderung von Passagieren befassten. Das Gericht fand plötzlich, dass Günzburg das Wohnrecht in Kiew nicht geniesse, und fällte ein Urteil, wonach der Jude Günzburg aus Kiew auszuweisen und s ein e zwei D ampfer zu ko n fiszieren sind... f ribüoe. (Fftr diese Rubrik ist die Rcdaktioi nicht verantwortlich.) Jüdische Nationalbibliothek. In Nummer 43 der „Welt" wurde veröffentlicht, dass nächstens in Amsterdam ein Auktionsverkauf von seltenen hebräischen Büchern stattfinden wird. Es ist s e h r wichtig, diese Bücher für unsere Nationalbibliothek in Jerusalem zu erwerben. Wir richten daher unsere Bitte an alle unsere Brüder und Gesinnungsgenossen, welche den grossen Wert