Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316119--46277-3341123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 „bie * weit" Nr. 45 gelegenheit auf die Zeit nach den Wahlen hinauszuschieben? Soll die Schätzungskommission mehrere Monate vor Beginn der Wahlen nicht zusammentreten, um nur ja zu verhüten, dass die Wählerliste eine „unseren Grossen" nicht genehme Erweiterung erfahre? Darf eine hauptstädtische Gemeinde so vorgehen, wenn sie nicht auf die kleinen Gemeinden Galiziens demoralisierend einwirken soll? Im Verlaufe derselben Sitzung fand u. a. die Ernennung des Spitalsrates für die Dauer von drei Jahren statt. Ferner wurden auf Grund der Ausführungen des Referenten Dr. Bund die Stiftsbriefe der Löwenherzstiftung im Betrage von 20.000 Kronen (2 Stipendien für je einen jüdischen Hoch- und Gewerbeschüler) wie auch der Dr. Taschmann- Stiftung im Betrage von 40.000 Kronen zur Versorgung von jüdischen Waisen genehmigt. * * * Im Laufe der bald zur Neige gehenden Session des galizischen Landtages brachten die jüdischen Abgeordneten Dr. Fruchtmann, Dr. Löwen stein, Rappaport und Doktor Kolischer einen mit 50 Unterschriften versehenen Antrag auf Ergänzung des galizischen Landesschulrates durch einen Repräsentanten der jüdischen Konfession ein. Derselbe wurde der ohnehin zur Prüfung des Organisationsstatutes dieser Körperschaft eingesetzten Kommission zugewiesen. Die Realisierung dieses seit Jahren bei jedem Anlasse (Gemeindetag, Religionslehrerkonfereuz) ventilierten Postulates erscheint im Hinblicke auf die immense Anzahl der jüdischen Schuljugend in Galizien, um deren jüdischreligiöse Erziehung es trotz einzelner Anläufe noch immer recht arg bestellt ist, dringend geboten. Vielleicht gelingt es, die Angelegenheit aus dem Stadium der theoretischen Erörterung der praktischen Verwirklichung näherzubringen. Dann wollen wir gerne an die liebenswürdigen Komplimente eines Pater Stojalowski vergessen, der bereits seinen Kollegen aus Nie der Österreich manches abgelauscht hat und im Laufe der Session recht verheissende Pia desideria zur Sprache brachte. Der würdige Schüler der Herren Scheicher und Genossen begnügte sich diesmal nicht damit, die Ausschliessung der Juden vom Richter- und Lehrerberufe zu verlangen, sondern beantragte auch die Einführung besonderer Eisenbahnwaggons für jüdische Passagiere. Nous avons aussi la comödie. Ben Zion. * * * Ein Marianenkongress fand in Lemberg statt. Eine eminent katholische Feier. Man dürfte annehmen, dass Juden dabei nichts zu tun hätten. Weit gefehlt! „Unsere Repräsentanten" waren anderer Meinung. Der Lemberger Kultusvorstand hat es für notwendig erachtet, sich an den Bürgermeister mit der Anfrage zu wenden, welchen Standpunkt die Juden zu den Feierlichkeiten einnehmen sollen. Und er musste aus dem Munde des Katholiken die Versicherung entgegennehmen, dass er die Teilnahme der Juden als Entweihung der allen Katholiken heiligen Feier betrachten würde. So tief sind „wir 4 gesunken! Von den Kanzeln herab wurde die Abstinenz der Juden von der Feier verkündet! Und das Fazit? Der Hauptredner der Feier, ein Universitätsprofessor und Präses einer Akademie der Wissenschaften, verkündete am Kongress folgende Weisheit: „Die Konfessionsfreiheit fet in einem modernen (!) Staate die grösste Entehrung der katholischen Kirche." Sind da noch Kommentare nötig? Nur unsere Repräsentanten wollen oder können es nicht einsehen. Diese Aufdringlichkeit ist ihnen bereits zur zweiten Natur geworden. Da wird bei uns ein Denkmal dem grossen polnischen Dichter Adam Mickiewicz errichtet. Wir Juden hegen volle Verehrung für diesen Menschen, der für sein Volk gekämpft und geblutet, wir verstehen seinen assimilatorischen Standpunkt in der Judenfrage, ohne ihn zu billigen, aber unaufgefordert an der Feier eines fremden Volkes teilzunehmen, dort, wo man für die eigenen Helden kein wärmeres Empfinden aufbringen kann, das finden wir falsch und unaufrichtig. Wer erinnert sich nicht an den Standpunkt, den unsere „Führer44 anlässlich des Todes Dr. Herzls einnahmen? Wer hat je die Herren Kultusvorsteher etc .bei einer jüdischen Feier gesehen? Wo es sich aber den Polen einschmeicheln gilt — sie finden es sofort heraus. So reiste Dr. Löwenstein aus eigener Initiative nach Brody, um die Polonisierung des deutschen Gymnasiums zu betreiben, er, der von der jüdischen Handelskammer in den Landtag entsendet wurde und daher an erster Stelle die Interessen «einer Wähler, also die Handels- und Gewerbeangelegenheiten zu vortreten hätte, zumal Herr Dr. Löwenstein in einem Bezirke mit polnischer Majorität nie und nimmer die Majorität erlangen würde. Und er ist es auch, der die aufdringliche Teilnahme der Juden an der Mickiewiczfeier arrangiert hat. Wenn wir schon beim Kapitel „Unsere Repräsentanten'' sind, wollen wir noch eine Reminiszenz bringen, die sich an den verstorbenen Abgeordneten Piepes-Poratynski knüpft. Es war im Jahre 1901 bei einer vom jüdischen Rigorosantenverein in Angelegenheit des „jüdischen Studentenheims44 einberufenen Sitzung. Dr. Lilien stellte den Antrag, man möge vom Bau eines jüdischen Heims Abstand nehmen und die vorhandenen Fonds dem in Bau begriffenen allgemeinen Studentenheim zuweisen. Und der Abgeordnete Piepes, der stets ein heisser Pole m. K. war, war es, der folgendes sagte: „Ich beklage gewiss die Notwendigkeit einer Separation, aber man muss mit den Verhältnissen rechnen und es ist unpraktisch, sich auf die Zukunft zu vertrösten. Der Antrag ist um 15 Jahre verspätet. Von einem allgemeinen Studentenheim verspreche ich mir für uns Juden rein nicht s." Ist es vielleicht das Schicksal aller ehrlichen Israeliten, dass sie vor ihrem Lebensende an die Richtigkeit ihrer Lebensaufgabe zu zweifeln beginnen und zugeben, dass sie sich auf falscher Bahn bewegten, wenn sie gegen ihr eigenes Volkstum auftraten? Vielleicht wollen unsere Polen m. K. daraus die entsprechende Lehre ziehen! Von unserem Landtag kann ich in puncto Juden nichts Erbreuliches berichten. Der Dreschpater Stojalowski beantragte die Nichtzulassung von Juden zu höheren Gerichtsstellen. Und unsere Assimilanten freuten sich, als der Antrag a limine abgewiesen wurde! Vergebene Freude! Als man dazu ein Gesetz benötigte, als ob es im Stillen nicht schon seit einer Ewigkeit praktiziert würde! Und wozu sich den Schein einer antisemitischen Gesinnung geben. Auch in anderen Dingen scheint der Landtag nicht judenfreundlich zu sein. Vom Abgeordneten Glabinski wurde ein neues Statut für den Landeschulrat ausgearbeitet. Aber an einen Vertreter der jüdischen Konfession scheint der Herr Abgeordnete vergessen zu haben. Und als ihn die vier jüdischen Abgeordneten in einem diesbezüglichen Antrage daran erinnerten, wurde der Antrag durch Zuweisung an den Schulausschuss ehrlich begraben. Wenden wir uns von diesen unerfreulichen Dingen zu den Ereignissen innerhalb unserer Partei, Da ist vor allem das Wachstum unserer wackeren Toynbeehalle zu verzeichnen. Im verflossenen Jahre wurden 48 Vorträge aus verschiedenen Gebieten gehalten. Die Frequenz betrug 9917 Hörer, davon 5700 weibliche. Ausserdem gab die Toynbeehalle eine Broschüre gegen den Mädchenhandel heraus und 2000 Tafeln über den Schutz gegen die Tuberkulose. Jeden Sonntag wurden auch Kinderjausen veranstaltet. Es verdient hier erwähnt zu werden, dass auch in Tarnopol eine vorn Verein „Bar-Kochba" geleitete Toynbeehalle bestellt, die eine Frequenz von 10 000 Hörern aufweist. In letzter Zeit wurde ein Arbeitskomitee eingesetzt. Da der Vorsitz in den bewährten Händen des Gesinnungsgenossen Reich ruht, dürfen wir in Bälde einen grossen Aufschwung unserer Organisation erhoffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.