Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 „bie # Weit11 Seite 7 oder gar schon hinter dem Taufbecken ist. Was geschieht denn in politischer Hinsicht? Eine Gemeinde, die durch ihre Grösse das Rückgrat des jüdischen Lebens im Westen sein müsse, ein Vorbild für die ganze Welt, schlage mit papierenen Protesten gegen den gewaltigen Gegner los, und wie selten! Es fehlt den alten, allzu alten Herren da oben an Kraft und an dem Mut des echten Juden, stolz und kühn auf den Plan zu treten und sein Recht mit eiserner Konsequenz zu verfolgen. Diesen Schwächen gegenüber haben wir Zionisten nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, einzugreifen. Wir werden vom Volke vorwärts gedrängt, vom empörten, armen Volke, das nach dem System Bettelpfennig behandelt wird, statt in Arbeitsorganisationen eine Lebensmöglichkeit zu erhalten. Wir haben zwar schon gesiegt, wenn auch nicht in der Person, so doch teilweise in der Idee; was Gutes geschieht, geschieht durch uns. Das ist aber zu wenig angesichts des Zusammenbruches im Osten. Die Judenheit stellt Glieder eines Körpers dar, die unter den gegenseitigen Schmerzen tief leiden. Wenn für den Strom der Heimatlosen nicht bald wird eine Heimat gefunden werden, dann werden die Gemeinden des Westens in ihm ersaufen. Ist es nicht eine Schande und bezeichnend für die Indolenz der jetzt Gewaltigen, dass sie sich um die Wünsche der Wähler, des Volkes, nie kümmern? Mit Theatermache wird die offizielle Wählerversammlung inszeniert, mit Heldentenören gegen die bösen Zionisten, mit Biedermaierbässen zum Lobe des Vorstandes, und die Claque applaudiert ihr Amen. Wir Zionisten sind es unserem geliebten Volke schuldig, dass wir da Ordnung schaffen. Den Kultusräten als Privatpersonen alle Achtung; den Kultusräten als Amtspersonen bedauern wir, kein Vertrauen entgegenbringen zu können. Sie werden dem nationalen Geiste, dem Geiste brüderlicher Liebe und jüdischen Stolzes Platz machen müssen. (Stürmischer Beifall.) In volkstümlicher Weise und mit schlagenden Argumenten ging der nächste Redner, Herr Markus, den einzelnen Uebelständen in der Gemeinde zu Leibe, deren Zahl Legion sei. Unter Gelächter des Publikums charakterisierte er die Wirtschaft im Kultusrat, die grösstenteils im Betriebe der Beamten stehe. (Beifall.) Herr Kultusrat kais. Rat P o 11 a k bekennt sich als Anhänger der Opposition und klagt selbst über grundlegende Missgriffe in der Kultusgemeinde, über die Missachtung der Aussenbezirke und über den unglaublich schleppenden Geschäftsgang in der Gemeinde. Herr Dr. Krenberger bringt anschliessend das schändliche Benehmen einiger Juden in offizieller Stellung vor, die dem antisemitischen Bürgermeister cajoulieren. Herr Dr. K a d i s c h beklagt die Tartüfferie, die in der Politik der Kultusgemeinde liegt, die Teilnahmslosigkeit gegenüber dem offiziellen Antisemitismus, hofft aber, dass in Wien, wo die unglückliche Richtung der jüdischen Politik begann, auch ein Wendepunkt eintreten werde. Herr Rechnitzer und Herr T u c h f e 1 d bringen Einzelbeschwerden vor. In seinem zündenden Schlussworte ruft Herr Architekt Marmorek die jüdischen Frauen auf, ihre bewährte Kraft in den. Dienst der guten Sache zu stellen und im Interesse unserer Kinder einen neuen guten Geist in der Wiener Kanal einführen zu helfen. X Der Vorsitzende schliesst die Versammlung um Mitte»rnacht. —y. ■* Das zionistische Zentral-Wahlkomitee hat sich konstituiert und wird im Laufe der nächsten Woche in einer Reihe Wiener Genieindebezirke Wrählerversammlungen abhalten, um die bevorstehenden Kultuswahlen zu erörtern und hierzu Stellung zu nehmen. Obmann ist Herr Max Markus. Brief aus Lemberg. Die Rubrik „Steuerrekurse" gehört zu den wenigst versprechenden Punkten der Tagesordnung unserer Kultusratssitzungen. Die nämliche Rubrik der letzten Plenarsitzung brachte uns unerwartet eine überaus interessante, an die vor kurzem stattgefundenen Wahlen anknüpfende und zwei unserer enragiertesten Gesinnungsgenossen unmittelbar betreffende Episoden. Bis heute mag es manchem von uns rätselhaft erschienen sein, aus welchen Motiven Herr Dr. Jakob Horowitz, der sich wohl als einer der tüchtigsten Mitglieder des hiesigen Barreaus im Laufe der Jahre die grössten Verdienste um seine eigene Person erworben, ohne jedoch auf jüdischem Gebiete bisher das geringste geleistet zu haben, hohenorts für den Kultusrat designiert worden ist. Die Sitzung vom 18. Oktober dieses Jahres mag diese Neugierigen eines besseren belehrt haben. Es gibt wichtige Anlässe, bei denen es geboten erscheint, tüchtige und überkluge Advokaten am Referententische erscheinen zu lassen. Solch eine hochwichtige, die ganze Gemeinde in ihren vitalsten Interessen (!) tangierende Frage ergab sich, als es darum ging, die Wahlunfähigkeit zweier Zionisten zu dekretieren. Die Advokaturskandidaten Heinrich Löwenherz und Leon Reich erklärten sich mittels einer an den Kultusvorstand gerichteten Zuschrift bereit, die Kultussteuer zu entrichten, und überwiesen gleichzeitig per Postanweisung die Beträge von je 6 Kronen mit der Bitte, dieselben für das Jahr 1903 in Empfang zu nehmen. Kurze Zeit darauf ging den Obgenannten ein Bescheid zu, in welchem es heisst, dass die Beträge, weil nach Beginn des neuen Jahres eingelangt, erst pro 1904 in Verrechnung kommen können. Die Beteiligten erbringen hierauf durch Vorlage des postalischen Reklamationsbescheides den Beweis, dass die Postanweisungen bereits am 30. Dezember v. J. in der Gemeindekasse bestellt wurden, und wiederholen nunmehr ihr ursprünglich gestelltes Ansuchen. Obwohl sich der Finanzreferent des Kultusvorstandes für die Berücksichtigung dieser Selbstfassion aussprach, dekretierte der Vorstand folgendes: Wenn auch die Beträge vor Beginn des neuen Jahres eingelaufen seien, könnten dieselben bis auf weiteres blos in depositarische Verwahrung genommen, den Petenten jedoch vorläufig nicht als Steuerleistung gutgeschrieben werden, da die Steuerkommission noch keine Gelegenheit fand, darüber zu beraten, ob die Geldsendtr in der Lage seien, Kultussteuer zu zahlen, eventuell in welche Kategorie dieselban einzureihen seien. Die Wahlen fanden statt, ohne dass die Gg. Löwenherz und Reich ihr Wahlrecht ausüben durften. Ein wegen Nichtaufnahme in die Wählerliste an den Stadtin agistrat gerichteter Rekurs blieb ebenfalls ohne Erfolg. M.ttlerweile ist fast ein halbes Jahr verstrichen, bis es dem Kultusrate gegeben war, die Verfügung des Vorstandes gutzuheissen. Die Finanzsektion ging in ihrem Eifer weiter und beantragte durch den obgenannten Referenten Doktor Horowitz, die in depositärer Verwahrung befindlichen Beträge den Herren Löwenherz und Reich bis zur definitiven Beschlussfassung seitens der Skuerkommission zurückzustellen. Dieser Antrag fand an „massgebender" Stelle keine Würdigung und blieb mit 5 gegen 16 Stimmen in der Minorität. Man fürchtete augenscheinlich, die bösen Zionisten allzusehr zu reizen, um so mehr, als schon die Schäfchen längst im Trockenen ruhen. Nun fragen wir, ist es einer Grossgemeinde würdig, mit Hilfe so kleinlicher Sophismen Gemeindemitgliedern die Ausübung ihrer öffentlichen Rechte vorzuenthalten? Ist es recht, die Entscheidung über eine solch aktuelle An-