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Die Welt · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bi* # weit11 Nr4 45 Raum gewährt wird. Es ünterliegt keinem Zweifel, dass auf diese Weise die Erziehung zum Judentum gefördert wird. Diese Schulen entwickeln sich auch besser als die älteren, die vollständig zwecklos fortbestehen und cur eine unnützige Vergeudung jüdischen Geldes sind. Eine Stärkung dieser Partei ist auch in manchen Gemeinden zu beobachten. So z. B. auch in der Berliner. Die Regierung in den letzten Jahren gehörte zu ihnen. In den allerletzten Tagen sind zwei neue Synagogen errichtet worden: eine seitens der Gemeinde ohne Orgel, die zweite von der der orthodoxen Gemeinde „Adass Jisroel", Auch das sind Zeichen der Macht. Wir wissen sehr wohl, dass diese Orthodoxie sehr gut sich verträgt mit Antizionismusr wir haben solche gesetzestreue Muster-„Israeliten" und auch unter den Protestrabbinern ihre Vertreter. Aber im grossen und ganzen kann man mit gewissem Hechte behaupten, dass diese erstarkende Orthodoxie nicht so sehr Folge religiöser Motive als eines bei vielen auch unbewusst wirkenden erwachenden jüdischenGefühls ist. Man flüchtet sich zur Orthodoxie vor dem enfjud enden Liberalismus. Ohne konkrete Vorschläge zu machen, können wir uns nur in Erinnerung bringen, dass es unsere Sache ist, jedes so wiedererwachende jüdische Gefühl grosszuziehen und zu stärken. j. Aus England, Die Fischerboote in der Nordsee — das ist das einzige unerschöpfliche Thema, das ganz England in Atem hält Und kein Name wird so oft genannt wie der Name des russischen Admirals, dem man hierzulande ebensowenig seine Heldentaten zur See als seinen unaussprechlichen Namen, der eine wahre Qual für englische Journalisten und für alle die unzähligen „Speakers", die sich dieser Frage bemächtigt haben, verzeihen kann. Aber das ist allgemeine Weltpolitik und geht uns Juden eigentlich nicht viel an. Ich meine uns als Juden. Und sonst ist es still imLondoner Ghetto. Nur der Widerhall der hässlichen Vorgänge in L e e d s, deren ich bereits an dieser Stelle Erwähnung tat, die Balgerei zwischen Juden wegen ihrer „Ueberzeugung", die jetzt vom englischen Gerichte beurteilt und verurteilt wird, bewegt die Oberfläche — aber auch dieses Ereignis huscht vorbei . . . Und es ist ruhig. Ist es wirklich so? Scheinbar.Aber wenn man in das East Eni wandert und täglich neue Gesichter sieht, neue Einwanderer, die aus dem fernen, kalten Lande zu uns gekommen sind voller Hoflnungen und Erwartungen, Pläne machend, von Glück träamend, und wenn man dieselben Leute nach einiger Zeit wiedersieht, gramgebeugt, arbeitsmüde, ohne Hoffnungsstrahl in den ermüdeten Augen, wenn man in ihr inneres Leben, aus Armut, dumpfem Elend und Sehnsucht zusammengewoben, einen Blick wirft, dann überzeugt man sich, dass nicht alles so ruhig ist, dass viele und schwere Leiden unter dem bleiernen, gleichgültigen Herbsthimmel im Judenviertel geborgen sind. Vor einigen Tagen war in den englischen Zeitungen eine kleine Notiz zu lesen. Eine Gerichtsverhandlung wegen einer Ehescheidung. Ein jüdischer Arbeiter liess sich von seiner Frau scheiden. Wegen gewisser Differenzen zwischen beiden Ehehälften kam die Sache vors Gericht. Und welches bodenlose Elend, welche sittliche Verkommenheit da entdeckt wurde! Einige Leute in einem Zimmer schlafend. Mann und Frau — die zweite, eine erwachsene Tochter, noch eine Partei — wie schwer ist es sogar für die sittlich gestähltesten Charaktere, standzuhalten. Man wird erinnert an die Szenen in dem schrecklichen, weil so furchtbar realistischen Roman von H ei j ermans" „Die Diamantenstadt*. Elend — Elend in der modernen Form der proletarischen Grossstadtarmut — unterminiert die ganze jüdische Moral... und in der Judenwelt ist es ruhig. Die politischen Aussenereignisse haben die Aufmerksamkeit des Publikums von den inneren Fragen abgeleckt. Jetzt dreht sich die Politik um die Fiskalreform, eine Frage von Lebenswichtigkeit für England, um das Verhältnis zu Russland u. s. w. Aber die Gefahr ist nahe. Kaum wird sich das Land ein wenig beruhigen, und die „Einwanderungs-" alias „Judenfrage" kommt wieder aufs Tapet. Sir Howard Vincent hat es versprochen. Dieser Kämpe der Antialienbill hat sich speziell auf eine Reise nach den Vereinigten Staaten und Kanada begeben, um die Anwendung der Beschränkungsgesetze an Ort und Stelle zu studieren, „Und", erklärte er einem Vertreter eines amerikanischen Blattes gegenüber, „in der nächsten Parlamentssession wird die Bill durchgeführt werden." Das Ministerium hat es ihm versprochen. Er selbst würde auf Grund persönlicher Erfahrung einen detaillierten Bericht über die Fremdengesetze in Amerika vorlegen. Er wird eine neue Kampagne eröffnen. Es ist zu befürchten, dass er diesmal seinen Plan in Erfüllung bringen werde. Spectator. Die Wiener Kultuswahlen. Am 26. Oktober fand in Neumanns Restauration eine vom Einzelverein Fünfhaus des „Zion" einberufene Versammlung statt, bei welcher der Obmann des L.-K. und der Ortsgruppe, Professor Dr. K r e n b e r g e r, präsidierte. Einleitend widmete der Präsident unserem verstorbenen Führer tiefgefühlte Worte des Gedenkens, die von der Versammlung stehend angehört wurden. Nach dem Uebergang zut Tagesordnung skizzierte er treffend die Platform, von welcher aus die Zionisten in die Kultuswahlen eingreifen wollen. Er bedauere es, dass die Bedürfnisse des Volkes in seiner ersten lokalen Amtsstube so wenig Verständnis fänden und dass die Kultusgemeinde nach wie vor nur für Kultuszwecke funktioniere, statt als politische und soziale Organisation. Als Vertreter des kleinen Bürgers, der immer schwerer zu Schaden kommt und dem von keiner Seite Hilfe gebracht wird, suchen wir Sitz und Stimme im jüdischen Kultusrat, um daraus einen jüdischen Gemeinderat zu machen. Unser Kampf gilt nicht nur den an sich hochachtbaren Personen, sondern ihrer Politik, deren Unterlassungssünden eine eminente Gefahr bringen. (Beif.) In einer gross angelegten Programmrede entwickelte hierauf Herr Architekt Marmorek die zionistische Direktion in der Kultusgemeindefrage, wobei er wiederholt von Beifall unterbrochen wurde. Anknüpfend an einen Besuch in der „Alliance", wo ihm geklagt wurde, welche kolossalen Anforderungen die Masse täglich durchströmender unerwarteter Emigranten in Wien stelle, wies er nach, wie die berufenen Faktoren sich von den Ereignissen überraschen lassen und kümmerliche Lokalpolitik treiben, kopflos gemacht von den Hetzern und mit far niente zuwartend, wie das Volk verkommt. Es ist kläglich, ein Hindernis der Statuten vorzuschützen, wo doch alle Gesetze zu unseren Ungunsten nicht beachtet werden; es ist kläglich, seine Zukunft erbetteln zu wollen statt sie zu erkämpfen. Wenn wenigstens das Statut erfüllt würde. Schäumt nicht schon längst der Wille des Volkes auf beim Anblicke der Armenpflege, der Jugenderziehung durch verwässerte, zaghafte Geschichte und ekelhafter Pastorenethik, statt dass man ihrem Stolze wirkliche Glanzbilder des eigenen Volkes böte? Wie sollte es anders kommen, wenn der Befähigungsnachweis zum Kultusrat in der Tasche sitzt, und den jüdischen demokratischen Prinzipien durch den hohen Steuerzensus und die privilegierte Wählerklasse Hohn gesprochen wird? Der wahre jüdische Geist ist aber in der breiten Schichte des Volkes zu suchen, nicht dort oben, wo fast die ganze kommende Generation vor

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