Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316119--46274-3341120
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 45 „bi$ * w^it11 Seite 5 sondern die Vorbedingung dafür zu schaffen, dass in einem zentralisierten Aktionskomitee kraftvolle Arbeiter ein geeignetes Tätigkeitsfeld und die Möglichkeit finden, sich durch ihre überwiegende Persönlichkeit massgebenden Einfluss zu schaffen. Und das ist in einer dezentralisierten Verwaltung so gut wie ausgeschlossen. Die erste Vorbedingung für eine erfolgreiche Arbeit der Leitung aber ist, dass der Sitz der Bewegung in eine Stadt verlegt wird, in der eine Anzahl fähiger und arbeitsfreudiger Männer lebt und die zugleich ein wirkliches politisches Zentrum bildet, Wien kann meines Erachtens nicht der Sitz der Zentrale bleiben, wäre es auch niemals geworden, wenn nicht Dr. Herzl dort gelebt hätte. Wien hat lange aufgehört, einer der Orte zu sein, in denen die europäische Politik gemacht wird; es ist überdies so arm an tüchtigen Arbeitskräften, dass es sogar grosse Mühe bereiten würde, das gegenwärtige engere A.-C. — dessen bisherige selbstlose Arbeit wir übrigens keineswegs unterschätzen — auf fünf Mitglieder zu ergänzen. Der Ort an dem sich die Leitung unserer Bewegung befindet, muss aber Resonnanz haben, eine dem Zionismus zuneigende Bevölkerung, lebhaften politischen Pulsschlag und eine von der Wiener „Gemütlichkeit* recht verschiedene Stimmung, Ein solcher Ort aber existiert in Europa nur einmal, nämlich in dem Lande, dessen Regierung ohnedies lebhafte Beziehungen zur Führung unserer Bewegung enthält. Ich meine London. Dort leben jüdische, arbeitende Massen, dort ist der Mittelpunkt der heutigen Weltpolitik und somit die Gelegenheit persönlicher Einwirkung auf die leitenden Männer, dort besteht eine ernste, geschäftsmässige, nüchterne Auffassung der Dinge, die für eine realistische Auffassung von der Lage unserer Bewegung bürgt. Und dort lassen sich auch fünf Männer finden — ich nenne absichtlich im Rahmen dieses Artikels keine Namen — die geeignet sind, die Führung zu übernehmen. Aber nach meiner Auffassung sollten wir uns auf die Wahl von nur drei Engländern beschränken und das engere A.-C. durch ein russisches Mitglied ergänzen, das seinen Wohnsitz in London nehmen müsste. Ich glaube, dass einer oder der andere russische Gesinnungsgenosse der Ueberzeugung das Opfer der Uebersiedlung bringen wird; der Eintritt eines Vertrauensmannes der russischen Organisation ins engere A.-C. würde dessen Autorität sicherlich ausserordentlich stärken. Nur zugunsten des fünften Mitgliedes des A.-C. würde das Prinzip der Zentralisation durchbrochen werden müssen. Der Eintritt jenes Kölner Gesinnungsgenossen, der unseres toten Führers Vertrauter war, erscheint mir wichtig genug, um zu seinen Gunsten eine Ausnahme zuzulassen. Im übrigen befindet sich der in Frage kommende Herr so oft in Sachen der Bank in London, dass eine Erschwerung der Arbeit durch seine Abwesenheit nicht zu befürchten ist. Auf diese tVeise könnte eine eingreifende Aenderung der Organisation vermieden werden. Und die stärkste Persönlichkeit vdes neuzuwählenden engeren A.-C. würde im nahen Zusammenarbeiten schnell zu jener führenden Stellung gelangen, die sehr bald auch zu einer äusserlichen Anerkennung als Leiter der Bewegung führen würde. Ich hoffe, dass dieser Vorschlag zu einer Dis* kussion Anlass gibt, Je eher sich die Anschauungen klären, desto leichter wird später die Einigung sein. Dr. Friedemann. Berliner Brief, Wir stehen jetzt kurz vor den Wahlen in die Repräsentanten Versammlung. Kein Waffengeklirr verkündet den „kommenden wichtigen Tag". Ruhe und Frieden charakterisieren schon seit Jahren das jüdische öffentliche Leben, die jüdischen Gemeinden. So oft irgend ein Teil die Ruhe zu stören droht, indem er seine Stimme lauter erhebt und für sich eine Sonderstellung verlangt, wird er durch Erinnerung an die jüdische Eintracht, an die Gefahr, die von aussen droht, wenn unter den Juden über gewisse Punkte verschiedene Ansichten herrschten, zur Ordnung gerufen. Wir sind die allerletzten, die die jüdische Eintracht unterschätzen, ihre grosse historische Bedeutung übersehen, ihre Notwendigkeit für unsere gegenwärtige Erhaltung verkennen sollten. Aber man darf nicht mit der jüdischen Eintracht, die in der Stunde der Gefahr und des Kampfes mit den Feinden alle versöhnt und stärkt, die Ruhe im jüdischen Gemeindeleben identifizieren, die nur Folge der Gleichgültigkeit, des Indifferentismus ist. Es kann nie in grösseren Gemeinschaften eine durchaus gleich* lautende Meinung herrschen. Je vielseitiger das Leben einer grösseren Gemeinschaft ist, (Jesto grösser ist die Meinungs* Verschiedenheit. Die Lautlosigkeit des jüdischen Gemeinde* lebens bedeutet den Uebergang der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten vom Volke auf Oligarchen, die Herab* drückung des Niveaus der öffentlichen Angelegenheiten von den Gesamtinteressen der jüdischen Gemeinschaft auf einige mehr oder minder gleichgültige administrative Tätig* keiten. Die Wahlen in den jüdischen Gemeinden finden daher jetzt regelmässig eigentlich hinter den Kulissen statt, ohne jedes allgemeine lebhaftere Interesse, ohne GeschKei und ohne Kampf. Die leisen Stimmen, die gegenwärtig vor den Wahlen sich vernehmen lassen, kommen aus den zwei Hauptlagern, in die das Judentum seit der Mendelssohnschen Epoche überall geteilt ist, die früher mit grösster Erbitterung ein* ander bekämpften, jetzt aber zumeist ihre einstige Schärfe eingebüsst haben: von den Liberalen und Konservativen. Wir dürfen durchaus nicht die geschichtliche Mission der liberalen Richtung im Judentum verkennen; die innere Befreiung aus dem Ghetto ist zweifellos hauptsächlich ihr Verdienst. Wir kennen nur auch allzugut die empfindlichen Schäden, die das Judentum von ihr erlitten hat Der Libera^ lismus entfremdete die Juden immer mehr ihrem Volke und führte in seinen Folgen zum massenhaften Abfall. Merkwürdigerweise lässt sich in der letzten Periode eine Stärkung der geschlagenen konservativen Partei konstatieren. Wir wollen ein anderesmal die geschichtliche Entwicklung dieser Erscheinung verfolgen; für jetzt genüge es uns, auf wenige Tatsachen hinzuweisen. Die Konserva* tiven beginnen seit den fünfziger Jahren sich wieder aufzurichten und an Macht zu gewinnen. Diese Bewegung ist insofern nicht vollständig richtig als Reaktion bezeichnet, als diese Orthodoxie in ziemlich weiten Formen auftritt, die den Einfluss der neuen Zeit nicht verkennen lassen. „Gesetzestreue in Verbindung mit moderner Bildung" ist die Devise der Hauptrepräsentanten der Orthodoxie : eines Sam^ son Rafael Hirsch, eines Fränckel und eines Hildes* heimer u. a. Ihre wichtigsten Kampfmittel sind, wie die des Liberalismus: die Zeitschrift und die Schule. Es werden ausser den Rabbinerseminaren in Breslau und Berlin Mittel- und höhere Schulen begründet für die männliche und weibliche Jugend, in welchen im Gegensatze zu den längst bestehenden jüdischen Anstalten, in denen mit der Zeit der hebräische Unterricht vollständig, der Religionsunterricht beinahe gänzlich aufgehört hat und die im allgemeinen den jüdischen Charakter ganz und gar verloren haben, dem Unterricht der hebräischen Sprache und der Religion mit Benützung der Quellen im Original verhältnismässig grosser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.