Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bit * weit41 Nr. 45 englischer Richter so etwas für rechtsgültig erklären wird? Aber, werden die Herren sagen, iuan kann ja auch das Bankstatut und die anderen Urkunden diesbezüglich ändern. Nun, wer weiss nicht, wie schwer solche Aenderungen durchzuführen sind? Wer wTeiss nicht, dass schon seit dem dritten Kongresse die Aenderung des Punktes 1, Absatz III des Bankmemorandums (Einschränkung der Kolonisation auf Palästina und Syrien) angestrebt wird und dass noch nicht einmal ein Ansatz zur wirklichen Durchführung vorhanden ist? Man sieht, die verderblichen Erschütterungen werden immer deutlicher. Und warum sollen alle diese schwierigen Aenderungen durchgeführt werden? Damit neun Herren, die an verschiedenen Orten wohnen, am zionistischen Karren ziehen können oder damit der Präsident des Bankdirektoriums sein eigener Aufsichtsrat werden kann! Nein, meine Herren, es gibt nichts zu retten! Es gibt nur eins: Nicht zerstören! Hands off! *) Dr. 0 s e r Kokesch. Die zukünftige Leitung der Bewegung. Als wir Wien nach der letzten Sitzung des grossen Aktionskomitees verliessen, geschah dies in der Erwartung, dass nun allseits eine grosse und umfassende Diskussion über die zukünftige Leitung der verwaisten Partei beginnen werde» Wir hatten in Wien gesehen, wie durchaus ungeklärt in dieser Hinsicht die Meinungen waren, und wussten, dass eine öffentliche Aussprache höchst notwendig sei. Denn über die Zukunft der Bewegung darf nicht eine der Natur der Dinge nach unzulängliche Kongressdebatte entscheiden. Es ist vielmehr notwendig, dass die Delegierten sich vor der Zusammenkunft in reiflicher Ueberlegung eine Meinung bilden. Diese mag dann in Basel nach dem Austausch den Ansichten modifiziert werden, sie darf nicht erst entstehen unter dem Eindrucke einer geschickten Riietorik und beeinflusst von dem Erregungszustände, der unsere Kongresse zu begleiten pflegt. Statt dessen schleppt sich die Diskussion müde hin. Es sind einige Organisationsentwürfe veröffentlicht worden, die dem einen oder anderen besser oder schlechter gefallen mögen. Aber auch in ihnen steht das wichtigste nur zwischen den Zeilen. Sie alle sind mehr oder weniger auf Dezentralisation, auf Teilung der Machtbefugnisse zugeschnitten, die bisher der eine in seiner Hand vereinigte. Und aus ihnen allen spricht das Empfinden, dass es unmöglich sein werde, eine autoritäre Persönlichkeit zu finden, die an Herzls Stelle tritt. Darum schlägt Dr. Bodenheim e r geschäftsführende Ausschüsse vor, Ma rraorek die Sektionen, Hantke und Klee wollen gar völfge Dezentralisation unter eigener Verantwort*iehkeit der Ressortchefs. Es scheint, wir sollten zunächst einmal prüfen, ob die Bewegung eine solche Dezentralisation verträgt, und dann erst, ob die Persönlichkeiten fehlen, die für die Beibehaltung einer zentralen Verwaltung vorhanden sein müssen. Ich weiss wohl, dass in der Regel der entgegengesetzte Weg gegangen und zunächst die Personenfrage erörtert, dann die nach Zentralisation oder Dezentralisation erwogen wird. Aber das ist keineswegs richtig. Wir sind nicht so arm an *) Ein zweiter Artikel mit konkreten Vorsehlägen folgt. tüchtigen Männern, dass wir sachliche Unzweckmässigkeiten begehen müssten. Vielleicht ist niemand in der Partei, gegen den nicht der eine oder der andere etwas einzuwenden hätte. Aber wir waren bisher verwöhnt und sollten nicht stets den strengsten Massstab anlegen. Die Electio quasi per inspirationem ist sogar in Rom eine Seltenheit und wir brauchen im Augenblicke gar keine Genies, sondern tüchtige Männer mit klarem nüchternem Verstände, Ehrlichkeit und Fleiss. Und die lassen sich finden* Was tut also der Bewegung vor allem not? Wir meinen, vor allem ein Mann, der mit kräftiger Hand die Zügel der Leitung ergreift. Die oben erwähnten Pläne mögen schön und gut sein für andere Parteien, die nicht in der Weise wie wir mit politisch wenig geschulten Massen zu rechnen haben. Für uns passen weder regierende Ausschüsse noch leitende Kommissionen, denn die Massen wollen einen Namen! Sie wollen eine Fahne im Kampf, ein Panier, nach dem sie alle schauen, wenn die Kugeln pfeifen und der Boden wankt. Sie wollen die Personifizierung ihrer Ideen und ihrer Hoffnungen, eine Verkörperung der Bewegung in einem Namen. Wenn Theodor Herzl fast abgöttische Verehrung im Volke genoss, so kam gewiss ein sehr grosser Teil derselben auf die Rechnung seiner eigenartigen Persönlichkeit. Aber auch der Umstand, dass er der Führer war, hat sein gut Teil zur Stimmung beigetragen. Ich bin der festen Ueberzeugung, dass man einem neuen, selbst einem mässig begabten Führer mehr guten Willen entgegenbringen wird, als dem bestarbeitenden Ausschusse, auf dem das Odium der Unpersönlichkeit lastet und der deshalb immer der Popularität entbehren wird. Und noch eins bestimmt mich, gegen eine Zersplitterung der Machtbefugnisse des Präsidenten unseres A.-C. einzutreten. Ich bin nämlich überzeugt davon, dass die Ausschüsse nicht gut arbeiten werden, Es wird endlose Kompetenzkonflikte geben. Die Personenfragen werden eine leidig grosse Rolle spielen. Die Förderung der Idee wird zuweilen hinter den Eigeninteressen zurückbleiben — wir haben ja schon manchmal traurige Erfahrungen machen müssen. Dazu wird es — besonders bei einer Dezentralisation der Verwaltung mit eigener Verantwortlichkeit der Ressortchefs — ungemein schwierig sein, die nötige Einheitlichkeit festzuhalten, ihnen das Bewusstsein von der Notwendigkeit des Zusammenarbeitens einzuprägen. Das alles wird jeder bestätigen, der sich mit Verwaltungstragen praktisch zu beschäftigen Gelegenheit hatte. Meine deutschen Freunde meinen, für ihre gegenteilige Ansicht auf das Beispiel der deutschen Organisation hinweisen zu können. Aber sie vergess.en, dass die deutschen Führer sich alle seit vielen Jahren genau kennen, in freundschaftlichen Beziehungen zueinander stehen und dass der deutsche Zionismus in seiner geistigen Beschaffenheit ohne wesentliche Gegensätze ist, Ueberdies wird fast die gesamte Arbeit von dem Berliner Bureau getan. Was für Deutschland gut ist, braucht also nicht für die Gesamtheit richtig zu sein. Vielleicht wird mancher, der sich die Mühe nimmt, diesen Aufsatz zu lesen, mir beistimmen, aber traurig fragen, wer denn nun für die zentralisierte Leitung in Vorschlag gebracht werden soll. Und da muss ich freilich erklären: auch ich weiss nicht, ob wir eine vollkommen geeignete Persönlichkeit besitzen. Aber das können wir heute gar nicht übersehen. Es handelt sich auch nicht darum, einen solchen Mann von heute zu morgen an die Spitze der Bewegung zu bringen,