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Die Welt · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr, 44 lfbie w^it" Seite 9 semitismüSj insbesondere der Eassenantisemitisraus, welcher zum Bruche der Juden mit den Deutschen führte und als allerletzte Konsequenz den Zionismus schuf. (?) In rein tschechischen Städten bedient sich die Gesamtjudenschaft der tschechischen Sprache (vielleicht aus praktischen Motiven). Sie schicken ihre Kinder in die tschechischen Schulen und steuern zu nationalen Zwecken bei. In deutschen Städten scheinen sie zum Deutschtum zu neigen, aber nach einem lokalen Siege der Tschechen gehen sie in unser Lager über. Wir sind nicht agil und dulden diese Zweisselentheorie. Das ist aber nicht richtig. Wir müssen sie endlich vor die Alternative stellen: Wenn ihr Deutsche seid, so bleibt es auch weiter — seid ihr aber Tschechen, dann geht mit uns. Wir weichen jedoch den Juden aus unbegreiflichen Gründen aus. Diesem Vorgehen nvuss ein Ende bereitet werden. Wir müssen die vollständige Assimilation, besonders die kulturelle, verlangen und t'iirken, die politische Verschmelzung — so schloss der Redner unter Beifall — wird sich sodann von selbst einstellen." Viel interessanter als das Referat war die Debatte, in der.manch klares, kräftiges Wort fiel. Herr C h y t i 1 misst die Schuld an dem Deutschtum der Juden den Tschechen bei, weil „wir vor den Juden ausspeien, sie beschimpfen, ihnen die Fensterscheiben einschlagen usw.44. Er predigte mit Neruda die Emanzipation vom jüdischen Kapital. Der ehemalige Katechet und nunmehrige Redakteur Svozil wünscht eine positive Arbeit, durch welche man den Juden imponiert, damit diese freiwillig zu den Tschechen kommen und in ihren Reihen kämpfen. Herr K a 11 u s glaubt nicht an eine vollständige Assimilation, weil die Juden immer ihren reinen Nationaleharakter bewahren; aus diesem Grunde ist er gegen jede Assimilation, da durch eine Scheinassimilierung nur unser Handelsstand geschädigt sein würde. Prof. Strzinek verlangt nur dann die Assimilation, wrenn die Juden sich vorher taufen liessen. Herr P i 11 n e r bestreitet überhaupt die Notwendigkeit dieser Debatte, denn „dadurch" unterstützt man nur den Egoismiis der Juden, die auf die Tschechen mit noch grösserem Despekt herabsehen werden. Hierauf hält Herr Kyjovsky das Schlusswort . . . Ich sagte anfangs, dass die Judendebatten in den tschechischen 'Versammlungen ein erfreuliches Zeichen seien, und doch wird der zionistische Leser selten ein so unerfreuliches Babel von Ansichten gehört haben, wie eben auf diesem „fortschrittlichen" Kongresse. Es wird eben Pflicht der mährischen Gesinnungsgenossen tschechischer Zunge sein, Licht und Aufklärung* über die Ziele und Zwecke des Zionismus in diese Versammlungen und die tschechische Presse zu bringen. Den grossen Wortführern des Kongresses werden wir aber niemals müde werden, kurz und klar zu erklären, dass wir jedwede Assimilation auf welchem Gebiete immer verdammen, von feindseligen 6a st Völkern nichts, von unserm Yolke alles erwarten, denn: „"Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre". M ax Sache r. Eine unglaubliche Nachricht. Dr. Lueger hat seinerzeit erklärt: „Wer ein glaubensloser Sozialdemokrat, wer ein vaterlau dslos er Deutschnationaler ist, wird von mir nicht als Innrer angestellt. Denn diese glaubens- und vaterlandslosen Gesellen eignen sich am allerwenigsten zur Erziehung unserer Kinder.11 Diese Kriegserklärung des Antisemitenhäuptlings brachte natürlich sämtliche Wortführer im sozialdemokratischen und deutschnationalen Lager in Erregung und auch die Liberalen, die einen Angriff auf ihren gehassten Gegner ganz gut brauchen konnten, wiesen auf diese schreiende Verletzung der Staatsgrundgesetze, die Parteilichkeit und Intoleranz des Stadtoberhauptes, der über den Parteien stehen sollte, aufgeregt hin. Und mit Eecht! Man möchte glauben, dass dieses abschreckende Beispiel gemeiner Politik weithin gewirkt hat. Aber siehe da Der Bürgermeister von Wien, der Antisemitenführer Doktor Lueger hat eifrige Nachahmer, gelehrige Schüler gefunden — unter den Leitern der Pressburger Rabbinerschule, die sich gewiss höchlichst entrüsteten, als dieser Gewaltstreich gegen die Gerechtigkeit in Wien geschah. Die Sache entbehrt also nicht eines gewissen Humors. Die Handlungen des Herrn Dr. Karl Lueger bilden eine Schule für die Herren im Pressburger Rabbinerseminar. Auch die Pressburger Jeschiwa, nicht nur unser verehrtester Bürgermeister, macht die Gesinnung zur Bedingung für die Aufnahme. Wenn es wahr ist, dass an jeden Zögling bei der Aufnahme in die Rabbinerschule die Frage gestellt wird, ob er zionistischer Gesinnung sei, so bezeichnen wir diese Handlung als ein brutales Vorgehen, das seinesgleichen nur in den nge:ünnungsgenÖ3sischena Amtsstuben des Wiener Magistrates rindet. Denn hier wie dort würde in diesem Falle die Macht zur Abwehr alles Jüdischen benützt, in Pressburg allerdings unter dem erschwerenden Umstände, dass die Schule für die Pflege alles Jüdischen errichtet wurde. In Broschüren, Flugblättern, Zeitungen, Reden und Versammlungen haben die Zionisten es als ihr ausdrückliches und einziges Ziel bezeichnet, für das Wohl des Judentums liebenden Herzens arbeiten zu wollen. Und nun sollten berufsmässige Hüter des Judentums die glühenden Arbeiter für den Ruhm des jüdischen Namens von der Schwelle eines Lehrhauses abzuweisen wagen? Wir können und wollen dies nicht glauben! Diese Massregel hätte ja auch wie in Wien keinen wirklichen Erfolg, sondern nur eine demoralisierende Wirkung. Denn wer tatsächlich einen wirtschaftlichen Nachteil durch eine solche Verfügung zu erwarten hätte, dürfte dieser Gemeinheit durch eine Notlüge entgehen. Wir glauben demnach, dass die schon viel verbreitete Nachricht das notwendige offizielle Dementi erfahren wird. Trotzdem diese Aufforderung bereits vor 14 Tagen seitens lies „Zsidö N£plapu zugleich mit dieser Nachricht ergangen ist, ist bis jetzt nichts dergleichen geschehen. Wo in aller Welt könnte für die besagte Massregal ein Grund gefunden werden? Wenn Lueger in Wien die Widersacher einer Partei und seiner Macht treffen will, so ist das ein vernünftiger, wenn auch verabscheuenswerter Grund. Diejenigen aber, welche Macht im Judentum besitzen und dabei gegen die Zionisten auftreten, schlagen auch der Vernunft ins Gesicht Denn bis jetzt hat sich noch immer gezeigt, dass durch das Auftreten der Zionisten alle Z >ntralen und Knotenpunkt^ jüdischen Lebens, auch die mchtzionistischen, gewonnen haben. Den Schäden also, den die Leiter des Pressburger Seminars dem Zionismus zuzufügen angeblich gedenken, werden sie dem Judentum, also sich selbst, zufügen. Wir geben schliesslich der Hoffnung Raum, dass an diesem Mittelpunkt jüdischen Geistes, wie es Pressburg ist, die gewissenlose Agitation und Verhetzung derjenigen erfolglos bleiben wird, die alle Schichten des Judentums gegeneinander heizen, um dann im Trüben zu fischen. Vielmehr erwarten wir von den Einsichtigen in Israel betreffs ihrer Stellurgnahme zum Zionismus, dass ihre Einsicht ihnen vorahnend die richtigen Wege weisen wird, statt solcher Ereignisse, deren Trostlosigkeit jetzt schon das Schlimmste für unser Volk befürchten lässt. L.

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