Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 „bis & weit11 Nr. 44 Aus Russland. Petersburg. Während der Inspizierung der Truppen durch den Zar in Odessa hat Kaiser Niko 1 aus IL den Befehl erteilt, Reservisten der aktiven Armee, welche mehr als drei Kinder haben, von der Einberufung zum aktiven Dienst in der Mandschurei zu befreien. Wie die russischen Blätter nun mitteilen, wird der Befehl des Zaren nur Nicht juden gegenüber eingehalten, jüdische Reservisten aber, wenn sie auch fünf und mehr Kinder haben, werden von der Wohltat des kaiserlichen Befehles ausgeschlossen. DiePetersburger „Buduschtschnostj" widmet dieser traurigen Erscheinung einen längeren Artikel, in welchem über die Ausschliessung der jüdischen Reservisten aus der Gnade des Zaren bittere Klage geführt und gleichzeitig die Mitteilung gemacht wird, dass 15 Frauen jüdischer Reservisten, welch letzetere trotz ihrer zahlreichen Kinder dennoch nach der Mandschurei geschickt wurden, dem Kriegsminister eine Beschwerde überreicht haben, in welcher sie die Befreiung ihrer Männer auf Grund des Befehles des Zaren verlangen. Die Entscheidung des Kriegsministers ist jedoch noch nicht herabgelangt. Nowograd-Wolynsk. Die Assentierungskommission von Nowograd-Wolynsk hat anfangs Oktober, wie die Zeitschrift „Wolhyn" meldet, den 50 Jahre alten und gebrechlichen Juden Schulim Schwarzer als tauglich den nach der Mandschurei abgehenden Truppen zugeteilt. . . Kislowodsk. Die „Oiesskija Nowosti" und die „Russj* publizieren ein amtliches Schriftstück, welches beide Blätter als „unmögliches Dokument" bezeichnen. Dasselbe lautet: „Der Hetman des kaukasischen Gebietes. 26. Juli 1904. Nr. 12842. Dem Charkower Kaufmann erster Gilde Salomon N. wird hierdurch gestattet, im Kurorte Kislowodsk sechs Wochen zu verweilen, aber ausschliesslich zu Handelszwecken, keinesfalls aber zum Zwecke des Gebrauches der Mineralwässer" . . . Die „Russj" bemerkt dazu: „Der Hetman hatte offenbar Angst, dass vielleicht der Jude Salomon die kaukasischen Mineralwässer zugrunde richten werde, wenn er sie gebrauchen sollte . . Wilna. Die Juden in Wilna befanden sich in letzter Zeit in einer unbeschreiblichen Aufregung. Es verbreitete sich nämlich das Gerücht, dass Wachleute im Vereine mit einigen Hausbesorgern einen Juden derart misshandelt hätten, dass er gleich nach seiner Ueberführung in das Spital seinen Geist aufgab. In ihrer Aufregung wandten sich die Juden an den bekannten Wilnaer Advokaten Wallerstein, einen Juden, welcher von den russischen Behörden ungemein geachtet wird, mit der Bitte um Schutz. Dr. Wallerstein veröffentlicht nun im „Wilenskij Wjestnik" einen Brief über das Ergebnis seiner Untersuchung in dieser Affäre, welcher, wiewohl er den Tod des inisshandelten Juden dementiert, dennoch ein beachtenswertes Material zur Charakteristik der Lage der Juden in Russland liefert. Dr. Wallerstein hat in Gegenwart des Polizeimeisters von Wilna, Obersten Mayer, den verhafteten Juden Meer Barischnik verhört und von ihm folgendes erfahren : Meer Barrischinik, einer der Aermsten von Wilna, verkaufte im grossen Synagogenhof Aepfel und verdiente so täglich acht bis zehn Kopeken. Der Dwornik des Hofes, der Hausbesorger, überfiel ihn unlängst ohne Grund und Anlass, schlug ihn blutig, riss ihm die Kleider vom Leibe, fesselte ihn mit Hilfe anderer Hausbesorger und transportierte ihn in das Polizeihaus . . . Das hat sich nach der Konstatierung des Dr. Wallerstein zugetragen, welcher in seinem Briefe das Gerücht von dem Tode des misshandelten Juden widerlegt .. . Aber das Mitgeteilte genügt, um vieles, ja alles im Leben unserer Volksgenossen in Russland zu begreifen ... Simleropol. Wie der „Krimskij Wjestnik" meldet, ist in diesem Jahre von den Juden, welche das Gymnasium von Simferopol absolviert haben, kein einziger in die Universität aufgenommen worden. Sogar solche, welche durch Verleihung der goldenen Medaille ausgezeichnet wurden, sind nicht aufgenommen worden .. . Alexandria (Gouvernement Cherson). Die Notlage der durch die von den Reservisten veranstalteten Judenexzesse ruinierten jüdischen Familien ist, wie die „Jelisawetgredskija Nowosti" melden, unbeschreiblich. Tausende von Personen sind buchstäblich ohne Brot und Obdach .. . Saratow. Der „Saratowskij Listok" berichtet über eine äusserst charakteristische Verhandlung, welche vor wenigen Tagen vor dem Kriegsgerichte durchgeführt wurde. Der Gemeine des 225. Infanterieregimentes, der Jude Berko S a 1 i t, stand vor dem Kriegsgerichte unter der Anklage der Verweigerung des Gehorsams gegenüber seinen Vorgesetzten. Die Verhandlung entrollte ein schreckliches Bild aus dem Leben des Juden Berko Salit im Regimente. Der Offizier seines Detachements schlug und misshandelte ihn bei jeder Gelegenheit und überhäufte ihn mit unsäglichen Beleidigungen. Unter dem Eindrucke dieser Herabwürdigungen versagte Salit einmal seinem Vorgesetzten den Gehorsam. Das Kriegsgericht verurteilte Salit dem Buchstaben des Gesetzes gemäss zu einem Jahre Disziplinarbataillon und zur Einreihung in die Kategorie der Abgestraften, verwandelte jedoch mit R ü c k s i c h t darauf, dass das Vorgehen durch die ihm zuteil gewordene erniedrigende Behandlung hervorgerufen wurde, diese Strafe in eine zwei wöchentliche Arreststrafe. Der Chef des Regimentes teilte hierauf in einem Tagesbefehl mit, dass er den Offizier, welcher den Salit tätlich misshandelte, z» einer Arreststrafe von acht Tagen verurteilt habe... Was also hat Salit erleiden müssen, wenn sogar seine Richter mit ihm so nachsichtig verfahren mussten? ... Kischenew. Nun wurde auch der Prozess gegen die Mörder, welche am 26. April vorigen Jahres das schaurige Blutbad im Hause Asiatschaja 13 angerichtet hatten, zu Ende geführt. Sämtliche Angeklagten, darunter auch der Mörder G e s ch o w, dessen Bluttaten durch nahezu fünfzig Zeugen bestätigt wurden, sind vom Morde freigesprochen und nur wegen Raubes zu je einem Jahre und vier Monaten Zuchthaus verurteilt worden. Gt. f>ribäi)e« (Fflr diese Rubrik ist die Redaktioi nicht verantwortlich.) Der Verein zionistischer Frauen und Mädchen in Fünfhaus versendet folgendes Zirkular: Euer Wolgeboren! Das Schuljahr hat begonnen. Jede fürsorgende Mutter ordnet liebend die Schul- und Spielstunden ihrer Kleinen, ist ängstlich darauf bedacht, sie mit allem Guten und Schönen vertraut zu machen, ohne sie dabei zu ermüden. Wohl der Mutter, die solches tun kann, wohl den Kindern, die so zärtlich bewacht! Vielen unserer Glaubensschwestern ist dieses hohe Glück nicht vergönnt. Die Sorge um das tägliche Brot erfüllt ihr ganzes Sinnen und Denken, erfordert ihre ganze Zeit. Blutenden Herzens xnuss sie ihre Lieblinge sich selbst überlassen. Da ist es nun Pflicht der Nächstenliebe, dieser verlassenen Kleinen zu gedenken, sie teilweise vergessen zu lassen, wie das Geschick sie verkürzt. Wir zionistischen Frauen und Mädchen von Fünfhaus haben es uns auch heuer wieder zur Aufgabe gemacht, an den schulfreien Mittwoch-Nachmittagen diese armen Kinder zu uns zu rufen, sie in einem warmen, hellerleuchteten Räume des Hauses Jammer und Enge vergessen zu lassen. Wir wollen sie erheitern und belehren und das ethische und nationale Gefühl in ihnen erwecken. Eine Jause soll dant der Schluss eines solchen Nachmittags sein. Nun richten wir an Euer Wohlgeboren die herzliche Bitte, unser Unternehmen mit einem einmaligen Beitrag von nur drei Kronen zu unterstützen. An Ihren eigenen Kindern möge diese Ihre Woltat vergolten werden! Indem wir Euer Wohlgeboren schon jetzt herzlichen Dank sagen, zeichnen wir mit treuem Zionsgruss Derzio nistische Frauen- und Mädchenverein in Fünfhaus. Gefällige Beiträge sind zu richten an unsere Vereinskassierin Frau Anna Pick, XIV., Mariahiiferstrasse 140. ♦ * * Geehrte Gesinnungsgenossen! Die N.-F.-Kommission erbittet sich sortierte Kollektionen von Marken als auch Sammlungen, ferner wären uns erwünscht Marken mit Ueberdruck aus Palästina, Alexandrien, Port Said, Marokko, Türkei, Serbien, russische Levante, französische, deutsche, österreichische und russische Levantebriefmarken. Auch erbitten wir uns Sammlungen von Vereinen. Gesinnungsgenossen, sammelt Marken für den N.-F.! Marken für den Nationalfonds. Folgende Gesinnungsgenosssen haben für den N.-F. Briefmarken eingesendet: Wien: Arch. O. Marmorek, Maler Thau, Fr. Ravicz, Frl. Eitel berg, Frl. Kreisler, Frl. B. Herr, A. B., Frl. Alt-